"Wilder Westen" bleibt ohne Konsequenzen

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„Archaischer Brauch“, „Halbstarkenpose“, „teuflische Maske mit Hörnern“ – „Die Welt am Sonntag“ holte in blumiger Sprache gegen Berchtesgadener Bräuche aus.

Berchtesgaden - 'In Berchtesgaden werden archaische Bräuche gepflegt' - dieser Artikel in der Welt am Sonntag hat in Berchtesgaden für Aufregung gesorgt. Allerdings ohne Konsequenzen für Autor und Zeitung.

"Rustikales Adventsbrauchtum in Bayern: Maskierte ziehen durch die Straßen, das Christkind wird angeschossen und Arschpfeiferrössl gibt es auch." - so beurteilte ein Journalist nach einer Pressereise der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH das Berchtesgadener Brauchtum. Sehr zum Ärger vieler Berchtesgadener, die sich in einem Online-Forum Luft machten: "Eine Werbung für Berchtesgaden ist dieser Artikel auf alle Fälle nicht. Ich würde diesen Artikel eher als Verarschung des Berchtesgadener Lades sehen. Somit herzliche Gratulation, dass diese Pressemensch auf unsere Kosten im Berchtesgadener Land verweilt ist und so einen "Schmarrn" daherschreibt." und "Lieber Bürgermeister Rasp, kannst du als ehemaliger Schriftführer der Gerer Weihnachtsschützen, als ehemaliges Mitglied der Gerer Buttnmandl und späterer Nikolaus in der Maria Gern diesem Menschen (BGLT-Geschäftsführer Stephan Köhl, Anm. d. Red.) einmal ein Exemplar vom Buttnmandlbuch Hallinger und ein Exemplar von Prof. Kriss. verfasstem Buch der Berchtesgadener Weihnachtsschützen überreichen und bei dieser Gelegenheit einmal die Bräuche erklären?"

Bürgermeister Franz Rasp (l.) war sauer. Stefan Köhl, Geschäftsführer der BGLT, bekam Brauchtumsbücher überreicht. Eine Berichterstattung wie in der „Welt am Sonntag“ soll es über Berchtesgaden nicht mehr geben.

Das tat der Berchtesgadener Bürgermeister auch. Persönlich beschwerte er sich bei Stephan Köhl und überreichte ihm genannte Exemplare „Nicht für das Regal, sondern zum Lesen“. Der BGLT-Geschäftsführer reagierte ruhig: "Der Artikel in der „Welt am Sonntag“ gefällt mir natürlich überhaupt nicht, er ist völlig überzogen formuliert und stellt unser Berchtesgadener Brauchtum nicht positiv dar. Das Zitat von mir hab ich nicht gesagt, aber so ist das Leben!" Gemeint war dieses Zitat: „Losgelassene Frauen und Männer in der Adoleszenz“, sagt Tourismuschef Stefan Köhl mit einem Lächeln im Gesicht, „da ist doch klar, worum es geht.“

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Trotz allem Ärger wird Köhl aber nichts weiter unternehmen: "Der Journalist war auf unsere Beschwerde hin erstaunt und versichert, dass er keinesfalls beleidigen wollte, aber auch das bringt uns jetzt nicht weiter. Auch wenn wir noch so gut vorbereiten, Themen und Richtung vorgeben und Pressetexte vorformulieren, schreiben die Journalisten ihre eigenen Artikel, die sie uns nicht zur Freigabe vorlegen. Der Artikel ist veröffentlicht und Widerrufe oder Schadensersatzforderungen bringen nichts."

Bringen Widerrufe und Schadensersatzforderungen wirklich nichts?

"In diesem Fall nein", ist sich auch Franz Rasp sicher. "Das kann man nicht mehr einholen, der Eindruck ist entstanden. Jetzt können wir in Zukunft nur besser darauf achten, dass so etwas nicht noch einmal passiert." Denn: "Die BGLT generiert durch Pressereisen großformatige Artikel auf den Reiseseiten der wichtigsten deutschen Tageszeitungen und Magazine zu einem Bruchteil von vergleichbaren Inseratskosten", erklärt Köhl die Wichtigkeit solcher Pressereisen. "Unsere Advents-Pressereise war sehr gut vorbereitet und organisiert: Wir hatten zwölf Journalisten aus ganz Deutschland zu Gast und haben bereits acht sehr positive Artikel zu dem Thema bekommen und das ist ein Spitzen-Ergebnis. Bis auf diesen einen Redakteur haben alle anwesenden Journalisten in ihren Beiträgen mit großem Feingefühl geschrieben. Dass mit der „Welt am Sonntag“ ein Ausreißer dabei war, war nicht vorhersehbar und ist höchst bedauerlich. Ich möchte mich ausdrücklich bei unseren vielen kompetenten Brauchtums-Ansprechpartnern für die hervorragende Zusammenarbeit bedanken. Wir haben wieder etwas dazu gelernt und bitten dringend um mehr Vertrauen aus unserem Landkreis!"

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