Wie vielen Kindern das Leben gerettet wurde

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Rasool, Barbara Hirschbichler und Hanns Schiefele in Schönau am Königssee

Schönau am Königssee - Die Himalaya-Karakorum-Hilfe e.V. in Schönau am Königssee hilft seit zehn Jahren der unter den härtesten Bedingungen lebenden Bevölkerung in den Bergen des Himalaya und Karakorum.

Extrembergsteigerin Barbara Hirschbichler und ihr Mann Rasool sind vor kurzem aus dem Karakorum nach Deutschland gekommen. Ihre Eindrücke sind noch frisch.

Was war für Sie das wichtigste Ereignis dieses Jahr im Karakorum?

Rasool: Das Wetter war diesen Sommer extrem schlecht. Der ungewöhnlich starke Regen hatte zur Folge, dass etliche Erdrutsche abgingen. Menschen kamen ums Leben, Häuser und Felder wurden zerstört. In mehreren Dörfern im Braldotal breitete sich eine Infektionskrankheit aus, an der allein in meinem Heimatdorf Kurphe 15 Kinder starben. Mindestens 15 weitere Kinder überlebten, weil ich Medikamente in die Dörfer brachte und einige Kinder mit unserem Vereinsjeep nach Skardu mitnahm, um sie ins Krankenhaus zu bringen. Das alles war ziemlich schwierig, denn es gab in ganz Baltistan kaum mehr einen Tropfen Benzin, weil die einzige Verbindung zur Außenwelt durch Erdrutsche blockiert war.

Sie haben diesen Kindern also das Leben gerettet?

Rasool: Ja, in ihren Dörfern wären die Kinder gestorben.

Hirschbichler: In den Bergtälern gibt es fast keine medizinische Versorgung, und leider sterben dort viele Kinder an Krankheiten, die man eigentlich leicht heilen könnte, wie z.B. Lungenentzündung oder eben Darminfektionen. Wenn man sich vorstellt, dass der Gegenwert einer Tafel Schokolade genügt, um ein Menschenleben zu retten...

Welche Auswirkungen hatte denn die Flutkatastrophe in Pakistan in den Bergtälern des Karakorum? Wurde die Lage noch schwieriger?

Rasool: Wie gesagt, es gab Erdrutsche, und Brücken und auch Häuser wurden von den Fluten des Indus zerstört. Das am schlimmsten betroffene Dorf liegt nur wenige Kilometer von Skardu entfernt, wo unser Wohnheim für Schüler steht. Ein großes Problem war, dass es kein Benzin mehr gab und dass wochenlang keine Fahrzeuge nach Baltistan kamen, weil der Karakorum Highway nicht befahrbar war. Es kam zu Engpässen bei Lebensmitteln und auch bei Baumaterial, das wir dringend benötigt hätten. Deshalb konnten wir unser Bubenwohnheim nicht wie geplant im Herbst fertig stellen. So wird die Einweihung erst im nächsten Frühjahr sein. Auch für das Mädchenwohnheim, das wir gerade bauen, fehlte Material.

Eine Hauptaufgabe der Himalaya-Karakorum-Hilfe ist es, den Kindern aus den Bergtälern den Besuch einer Schule zu ermöglichen. Während die Kinder in den Schulen sitzen, führen deren Familien in den Bergtälern ein Leben unter kaum vorstellbaren Bedingungen. Könnte man da nicht anders helfen? Ist Schulbildung das geeignete Mittel?

Hirschbichler: Natürlich könnte man den Familien auch Lebensmittel und Kleidung bringen oder ihnen neue Häuser bauen. Die Gefahr dabei ist, dass die Leute abhängig von unserer Hilfe werden. Ich möchte auf keinen Fall diese stolzen und fleißigen Bergbewohner zu Bettlern machen. Im Grunde ist es doch nichts als reines Glück, wenn man in einer wohlhabenden Gesellschaft geboren wird, das kann sich niemand aussuchen. Mein Bestreben ist es, den weniger Glücklichen wenigstens die Chance zu geben, ihr Potential zu nutzen. Dies ist nur mit Bildung möglich. Seit 10 Jahren vermitteln wir Schulpatenschaften – über 250 bisher. Und die ersten Schüler, die wir unterstützten, haben jetzt ihre Abschlüsse gemacht. Sie kommen zurück und engagieren sich in ihrer Heimat. Das sind die Leute, die ihr Land weiterbringen. Sie werden als Ingenieure Wasser- und Stromleitungen bauen oder über Solarenergie nachdenken, oder als Lehrer in die Dörfer gehen und ihr Wissen an andere weitergeben.

Aber werden die unterstützten Jugendlichen nicht auswandern, wenn sie eine Ausbildung haben?

Hirschbichler: Einige werden sicher weggehen. Aber die Bindungen bleiben. Sie werden auch aus der Ferne ihre Familien unterstützen. Sie sind stolz auf ihre Ausbildung und unglaublich dankbar für unsere Hilfe, und ich bin sicher, dass die meisten von ihnen daran mitarbeiten werden, den Dorfbewohnern ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Manche von ihnen werden sogar für den Verein tätig sein, etwa als Leiter der Wohnheime oder Ärzte in unseren beiden Krankenstationen. Ein junger Balti arbeitet bereits als Manager der von uns unterstützten Trekking-Agentur Shipton Treks&Expeditions.

Wann werden Sie wieder in den Karakorum reisen?

Hirschbichler: Es ist noch nicht sicher, aber vielleicht in den Osterferien nächsten Jahres, zur Einweihungsfeier unseres Bubenwohnheims, zu der vielleicht auch der deutsche Botschafter kommen wird.

Interview: Hanns Schiefele

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