Turbulente Käfer-Saison

Dr. Roland Baier vom Nationalpark Berchtesgaden spricht im Interview über eine Käfer-Saison, die alles andere als ruhig verlief.

Berchtesgaden – 10.000 Festmeter Schadholz sind in der vergangenen Borkenkäfer-Saison aus den Forstrevieren des Nationalparks Berchtesgaden entfernt worden.

Hohe Aufarbeitungskosten, oftmals resultierend aus der schlechten Erreichbarkeit des Holzes, sind vorprogrammiert. Für 2009 lag das Defizit pro aufgearbeiteten Festmeter bei 40 Euro. „Das Laufen-Lassen ungestörter Natur passt bisher nicht in unsere dicht besiedelte, von uns Menschen überformte Kulturlandschaft“, sagt Dr. Roland Baier. Sein Wunsch: Dass sich jeder an der Materie Interessierte sein eigenes „Waldbild“ macht.

BGLand24: Der Borkenkäfer war auch dieses Jahr äußerst aktiv. Wie ist die Saison für den Nationalpark Berchtesgaden verlaufen?

Baier: Die Käfer-Saison im Nationalpark ist sehr turbulent verlaufen. Von Mitte April bis Ende September haben wir uns mit allen verfügbaren personellen und finanziellen Mitteln gegen eine Massenvermehrung des Käfers in der Bekämpfungszone eingesetzt. In den Forstrevieren des Nationalparks wurden hierbei rund 10.000 Festmeter Schadholz aus dem Wald entfernt.

Wie vorher gesagt, hat der Käfer gegenüber 2009 deutlich zugenommen. Die kühl-feuchte Witterung im Frühjahr hat jedoch noch Schlimmeres verhindert. Trotzdem müssen wir wohl im kommenden Jahr mit einer weiteren Käferwelle rechnen. Das Brutraumangebot aus den Windwürfen Kyrill und Emma wurde in der Bekämpfungszone sofort nach dem Anfall beseitigt. Außerhalb der Bekämpfungszone ist dieses heute nicht mehr bruttauglich und stellt somit kein Waldschutzproblem dar.

Auf Grundlage der Nationalparkverordnung und internationaler Vorgaben verfolgen wir im Nationalpark eine differenzierte Strategie. In einem rund 2000 Hektar großen Schutzgürtel hin zu den Privatwäldern findet eine konsequente Käferbekämpfung statt. Das wirksamste Mittel ist eine schnellstmögliche Aufarbeitung und die sofortige Abfuhr des befallenen Schadholzes. Hierbei haben wir unser Konzept perfektioniert: Sieben Profis suchen von Frühjahr bis Herbst täglich mit moderner Ausrüstung nach befallenen Bäumen. Aus den Ergebnissen leitet der zuständige Revierleiter laufend die effektivste Bekämpfungsstrategie ab. Je nach Anfall und Lage greifen wir auf die Unterstützung durch Schlepper, Seilkran oder Hubschrauber zurück. Besonders freut mich dabei die gute und eingespielte Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmern. Mit diesen aufwendigen Maßnahmen verhindern wir zuverlässig eine Ausbreitung des Käfers aus der Kernzone, wo das Motto „Natur Natur sein lassen“ im Vordergrund steht.

Wie hoch sind die finanziellen Mittel, die für das Borkenkäfer-Management im Nationalpark Berchtesgaden aufgebracht werden?

Für das Jahr 2010 liegen noch keine endgültigen Zahlen vor. Im vergangenen Jahr lag das Defizit jedoch bei rund 40 Euro je Festmeter aufgearbeiteten Schadholzes. Die hohen Aufarbeitungskosten resultieren vor allem aus der schlechten Erreichbarkeit der Bäume und damit der Notwendigkeit von Hubschraubereinsätzen zur Holzbringung. Der häufig diskutierte Ausbau von vorhandenen, alten Wegen ist bei einer Massenvermehrung des Käfers nicht effektiv genug. Eine Grunderschließung mit neuen Wegen wäre außerdem nicht mit den Zielen eines Nationalparks vereinbar.

Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen Nationalpark und privaten Waldbesitzern aus? Gibt es Verbesserungsbedarf?

Der Käferbefall trifft nicht nur den Nationalpark. Der Käfer ist seit 2009 in den Kyrill-Schwerpunktgebieten von Ruhpolding bis Berchtesgaden eine großflächige Herausforderung. Käferprobleme entstehen regelmäßig lokal und müssen deshalb vor Ort durch konsequente Bekämpfung und vorbeugend durch saubere Waldwirtschaft gelöst werden. Im Umgang mit unseren Nachbarn helfen meines Erachtens nur der Dialog und eine enge Zusammenarbeit. Schuldzuweisungen – Beispiele aus anderen Gegenden gibt es zuhauf – wären kontraproduktiv. So haben wir private Waldbesitzer im Frühjahr zu einer Fortbildungsveranstaltung zur effektiven Borkenkäfersuche und als Fortsetzung im August zum Erfahrungsaustausch bei der aktuellen Bekämpfung eingeladen. Die Bekämpfung in Privatwäldern ist oft schwierig, da eine sinnvolle Erschließung fehlt. Daher unterstützen wir seit Planungsbeginn einen Waldwegeneubau in Privatwäldern über Ramsau, indem wir den Wegeanschluss und die Holzabfuhr über unser Forststraßennetz ermöglichen.

Es gibt private Waldbesitzer, die das Borkenkäfer-Management des Nationalparks beanstanden. Wie begegnen Sie diesen? Sie sagten einmal, es sei Ihr Ziel, „Verständnis und Interesse an naturnahen Vorgängen und deren Vorteile für uns Menschen“ aufzuzeigen. Damit spielten sie unter anderem auf den Borkenkäfer an, der im Nationalpark das Waldbild gestaltet. Vielen Menschen fällt es schwer, dies zu akzeptieren.

In den meisten Kernzonen deutscher Nationalparke mit hohen Fichtenanteilen läuft derzeit eine Borkenkäfermassenentwicklung ab. In allen Fällen entsteht daraus ein ernstzunehmendes Problem in der öffentlichen Wahrnehmung. Reaktionen aus eigener Erfahrung sind zum Beispiel: „Die abgestorbenen Wälder finde ich unmöglich, das bin ich nicht gewohnt“. Für diese Reaktionen – die ich auch aus meiner Heimat, dem Bayerischen Wald, kenne – habe ich Verständnis, denn auch dort hat sich durch Käfer und Windwurf innerhalb eines Jahrzehnts das vertraute Waldbild verabschiedet. Der Prozessschutz in Nationalparken, das Laufen-Lassen ungestörter Natur, passt bisher nicht in unsere dicht besiedelte, von uns Menschen überformte Kulturlandschaft. Viele Erkenntnisse zur Artenvielfalt, den Vorteilen für naturnähere Schutzwälder oder den Erholungsaspekten dieser neuen „Waldwildnis“ verpflichten uns, die breite Öffentlichkeit etwa durch das Angebot von Vorträgen oder Infowanderungen über unsere Ziele aufzuklären. Unsere Natur im Nationalpark zeigt, dass sie in der Lage ist, innerhalb sehr kurzer Zeit neue, ästhetisch ansprechende und naturschützerisch wertvolle Waldbilder zu schaffen. Unser wichtigstes Kapital ist daher bereits vorhanden - aktiv geschaffene oder naturgegebene gemischte und damit auch unter dem Vorzeichen des Klimawandels stabile Wälder. Mein Wunsch wäre, dass sich hiervon jeder Interessierte und vor allem jeder Kritiker sein eigenes „Waldbild“ macht. Diese Bilder sprechen meines Erachtens für sich und sind der beste Weg zur Akzeptanz.

Zurück zur Übersicht: Region Berchtesgaden

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser