Auf der Suche nach der verschollenen Hufeisennase

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Mit rund vier Zentimetern Länge sind die Ohren des Braunen Langohrs fast so groß wie die gesamte Fledermaus. Das älteste bekannte Braune Langohr stammt aus Sibirien und erreichte ein nahezu biblisches Alter von 38 Jahren.

Berchtesgaden - Während die einzigen, zum aktiven Fliegen befähigten Säugetiere in früheren Zeiten Angst und Schrecken verbreiteten, gelten Fledermäuse heute als Indikatoren für die Qualität von Ökosystemen.

80 Besucher im ausverkauften Nationalpark-Haus Berchtesgaden ließen sich von den Referentinnen Brigitte Suppan aus Berchtesgaden und Maria Jerabek aus Salzburg in die geheimnisvolle Welt der „Kobolde der Nacht“ entführen.

„Das Große Mausohr ist ein treuer Kirchengänger“, verrät die Fledermausbeauftragte des Berchtesgadener Landes, Brigitte Suppan. „Daran könnten sich viele Leute ein Beispiel nehmen!“. Die größte heimische Fledermausart bevorzugt Dachstühle von Kirchen als Sommerquartier. Rund 1000 Tiere sind in Rosenheim langjährige Bewohner eines Gotteshauses: die größte so genannte „Wochenstube“ des Großen Mausohres in Bayern. „In den Wochenstuben verbringen die Tiere den Sommer und hier kommen auch die Jungtiere zur Welt“, erklärt die Expertin. „Zurzeit halten die Tiere allerdings Winterschlaf und werden erst im März oder April wieder aktiv“.

Während der Winterzeit leben die Fledermäuse von ihren Fettreserven, die sie sich im Sommer angefressen haben. Eine besondere Sinnesleistung der Fledermäuse ist ihre Orientierungsfähigkeit in der Nacht über die so genannte Echoortung. Die Tiere stoßen über Mund und Nase hochfrequente, für das menschliche Ohr nicht hörbare Töne aus. Diese Schallwellen werden von der Umgebung reflektiert und die Fledermaus bildet sich aus den eingehenden Informationen ein „Hörbild“ der Landschaft. Auch Beutetiere kann die Fledermaus auf diese Weise sicher orten.

Rund 1200 verschiedene Arten sind weltweit bekannt, 39 kommen in Europa vor und 24 in Deutschland. In Bayern wurden bislang 22 Fledermausarten nachgewiesen. Die europäischen Fledermäuse ernähren sich vor allem von Insekten, „blutsaugende so genannte Vampir-Fledermäuse gibt es tatsächlich, allerdings nur weit weg von hier in Mittel- und Südamerika“, beruhigt Suppan.

Fledermaus-Expertinnen aus Bayern und Österreich führten rund 80 interessierte Besucher im Nationalpark-Haus Berchtesgaden in die Lebensweise der „Kobolde der Nacht“ ein. Unter dem Titel „Nächtliche Grenzgänger“ berichteten (v.l.) Brigitte Suppan, Maria Jerabek sowie Bernadette Wimmer vom Landesbund für Vogelschutz in Garmisch über Lebensweisen und Schutzmaßnahmen für heimische Fledermäuse.

Dass auch die mitteleuropäischen Arten einen großen Appetit haben, zeigen verschiedene Studien: So frisst eine einzelne Wasserfledermaus rund 60.000 Mücken pro Saison, eine Mausohr-Wochenstube mit rund 300 Tieren tut sich in einem Sommer an rund 9000 Laufkäfern gütlich, das entspricht einer Futtermenge 550 Kilogramm Insekten. Als besonders gefräßig erwies sich eine 800-köpfige Mausohrengruppe: Sie machten in einem Jahr rund 55.000 Eichenwicklern den Garaus. Für die Bedrohung der eifrigen Insektenvertilger hat Brigitte Suppan eine einfache Erklärung: „Fledermäuse stellen sehr hohe Ansprüche an ihre Lebensräume. Sie benötigen Sommerquartiere, Winterquartiere, geeignete Jagdgebiete und Verbindungen zwischen all diesen Lebensräumen“.

Obwohl manche Fledermausarten wie Rauhaut- und Zweifarbfledermaus oder Abendsegler lange Wanderungen von bis zu 1900 Kilometern zwischen ihren Sommer- und Winterquartieren unternehmen, sind viele heimische Arten nicht sonderlich wanderfreudig und halten sich das ganze Jahr über in einer Region auf. Zu diesen so genannten „stationären Arten“, die sich in einem Umkreis von maximal 100 Kilometern Entfernung zu ihrem Sommerquartier einen Winterlebensraum suchen, zählen auch die Kleine Hufeisennase, die Bechsteinfledermaus oder das Braune Langohr. „Gerade die Kleine Hufeisennase hat in den 60er und 70er Jahren in ganz Mitteleuropa große Bestandeinbrüche hinnehmen müssen“, bedauert die Landeskoordinatorin für Fledermausschutz in Salzburg, Maria Jerabek. „Pestizide haben die Insekten als ihre Hauptnahrungsquelle stark dezimiert und auch die Lebensräume haben sich durch die Intensivierung der Landwirtschaft stark verschlechtert“.

Die Kleine Hufeisennase gilt im Nationalpark Berchtesgaden derzeit als verschollen.

In Salzburg sind insgesamt 30 Wochenstuben der Feldermaus mit dem charakteristischen Gesichtsausdruck bekannt, in ganz Bayern nur vier. „Wir sind auf der Suche nach der Kleinen Hufeisennase in Bayern und würden uns freuen, wenn Sie alle mitmachen“, richten die Fledermaus-Expertinnen ihren Appell an die Zuhörer. „Der letzte Nachweis dieser Art im Nationalpark Berchtesgaden stammt aus dem Jahr 1985, damit gilt die Kleine Hufeisennase hier als verschollen. Es wäre doch großartig, wenn uns ein erneuter Nachweis im Jahr 2011 gelänge“.

Jeder interessierte Bürger kann sich aktiv am Fledermausschutz im Berchtesgadener und Salzburger Land beteiligen. Diese Gelegenheit nutzten im Anschluss an den Vortrag gleich mehrere Zuhörer und trugen ihre Sichtungen von Fledermäusen in die bereitliegenden Beobachtungsbögen ein. Unter www.fledermausschutz.de und www.fledermausschutz.at finden sich für jede Region kompetente Ansprechpartner. „Jeder kann persönlich einen Beitrag zur Erhaltung unserer heimischen Fledermausarten leisten“, ermutigten die Referentinnen.

Einfache Maßnahmen zum Fledermausschutz sind die Bereitstellung von Quartieren wie beispielsweise in Dachböden oder Scheunen. Dabei ist es wichtig, kleine Einfluglöcher für die Tiere offen zu halten und das Gebäude nicht etwa bei Sanierungen komplett zu verschließen. Auch eine naturnahe Gestaltung von Gärten kommt zahlreichen Insektenarten und damit auch den Fledermäusen entgegen. Wer in seinen Gärten keine Insektizide und Pestizide verwendet, tut den Fledermäuse einen ebenso großen Gefallen wie diejenigen, die bestehende Quartiere an die Fledermausschützer melden oder sogar die Betreuung eines solchen Quartiers übernehmen.

Im Anschluss an den Vortrag eröffneten die Referentinnen die neue Fledermausausstellung im Nationalpark-Haus. Die interaktive Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) in Garmisch entwickelt und informiert über die Lebensweisen, Besonderheiten, Schutzmaßnahmen und die Artenvielfalt der Fledermäuse im Berchtesgadener und Salzburger Land. Das Team der Umweltbildung im Nationalpark bietet parallel zur Ausstellung ein pädagogisches Begleitprogramm an, bei dem die Inhalte spielerisch vermitteln werden. Das Programm ist kostenfrei und richtet sich an Schüler bis zur sechsten Klasse sowie an entsprechende Interessensgruppen. Informationen und Buchungen sind ab sofort bei Nationalpark-Mitarbeiterin Julia Herzog unter der Rufnummer 0 86 52 / 96 86 126 möglich. Die Ausstellung ist noch bis zum 18. März im Nationalpark-Haus Berchtesgaden am Franziskanerplatz zu sehen, der Eintritt ist frei.

Pressemitteilung Nationalpark Berchtesgaden

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