Steinadler: nach baggern geht's ans Brüten

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Am 28. Februar um 15:15 Uhr fotografierte die automatische Kamera am Fressplatz im Klausbachtal einen Steinadler am ausgelegten Gamsköder.

Berchtesgaden - Das Jahr 2009 zählte bei den Steinadlern im Berchtesgadener Land zu den schwächsten Brutjahren seit Beginn vergleichbarer Aufzeichnungen im Jahr 1994.

Lediglich vier junge „Könige der Lüfte“ verließen den elterlichen Horst. Damit sank die Nachwuchsrate deutlich unter die Werte der vergangenen Jahre. Zwei tote Jungadler gehen zudem in die wenig erfreuliche Statistik des letzten Jahres ein.

2010 soll alles besser werden – die neue Brutsaison steht vor der Tür. Die Nationalpark-Mitarbeiter Ulli Brendel, Jochen Grab, Toni Wegscheider und zahlreiche Praktikanten stehen bereits in den Startlöchern. Hoch über dem Nationalpark balzen die Steinadler bereits seit mehreren Wochen, bevor die Vögel ihr Brutgeschäft Ende März mit der Eiablage beginnen. Fünf Paare ziehen derzeit im Nationalpark Berchtesgaden ihre Kreise – ständig im Blick der fleißigen Beobachter im Tal. Das Steinadler-Team des Nationalparks überwacht elf bayerische Brutpaare, dies entspricht einem Viertel des gesamten deutschen Brutbestands. Um ein möglichst umfassendes Bild der tatsächlichen Bestandsentwicklung zu erhalten, werden darüber hinaus vier weitere Brutpaare der Salzburger Kalkhochalpen mit erfasst. Eine der Hauptaufgaben des Projekts ist die Dokumentation des Bruterfolgs aller beobachteten Paare.

Im vergangenen Jahr waren die Ergebnisse deutlich schlechter als in den Jahren zuvor: Bei fünfzehn Brutpaaren konnten nur vier flügge Jungadler dokumentiert werden – diese allesamt im Gebiet des Nationalparks Berchtesgaden. Die Altvögel in den Revieren Klausbachtal, Wimbachtal, Hoher Göll und Glunkerer brachten jeweils einen Jungadler zum Ausflug – ein sehr erfreuliches Ergebnis für das Schutzgebiet. Außerhalb des Nationalparks legten die Reviervögel allerdings eine Brutpause ein. Im Jahr 2008 war die Situation noch genau anders herum: Damals brüteten die Steinadler außerhalb des Nationalparks sehr eifrig, die Adler im Park legten dagegen eine Pause ein. „Die geringe Nachwuchsrate ist zunächst nicht dramatisch“, beruhigt Steinadler-Experte Ulli Brendel. „Derzeit sind nahezu alle Reviere in den Alpen besetzt, dies sind insgesamt rund 1300 Brutpaare.“ Und Kollege Jochen Grab ergänzt: „Dem Steinadler geht es heute so gut wie seit vielen Jahren nicht mehr. Zu den Reviervögeln kommen zahlreiche Jungvögel hinzu, die auf der Suche nach einem freien Revier durch die Alpen streifen.“

Nationalpark-Ranger Sepp Pfnür fixiert die neue Futterration für die Steinadler auf einer Kraxe.

Solche so genannten „Einzeladler“ statten auch dem Nationalpark Berchtesgaden regelmäßig einen Besuch ab. Allerdings werden sie von den territorialen Steinadlern, die bereits ein festes Revier besetzt haben, energisch vertrieben. Da ist es schon verwunderlich, dass das Revier „Gotzen“ in den vergangenen Jahren kein Adlerpaar für sich beansprucht hat – es wurde von den Nachbarpaaren mit genutzt. „Sicher wird es in den kommenden Wochen spannend zu beobachten, ob es einem neuen Paar gelingt, dieses Revier wieder zu besetzten!“, frohlockt Ulli Brendel. Totfunde von Steinadlern sind eher eine Seltenheit, im vergangenen Jahr wurden jedoch gleich zwei verendete Jungadler in der Nationalparkverwaltung abgegeben. Bei einem Tier handelte es sich um den Nachwuchs aus dem Revier „Hochkranz“ (Naturpark Weißbach/Pinzgau), bei dem anderen um einen bisher nicht identifizierten Jungvogel im Revier Klausbachtal. „Obwohl der Jungvogel in der Nähe des Horstes aufgefunden wurde, handelt es sich definitiv nicht um den aktuellen Nachwuchs der Klausbachtal-Adler“, betont Ulli Brendel. „Eine genetische Analyse des Federmaterials in der Vogelschutzwarte Garmisch hat dies zweifelsfrei belegt.“

Die Experten in Garmisch diagnostizierten bei dem Jungvogel einen erheblichen Entwicklungsrückstand, an dem das Tier vermutlich verendete. Der Jungvogel aus dem österreichischen Revier Hochkranz ist bereits im Horst verhungert, da es zu Unregelmäßigkeiten in der Fütterung kam. Grund dafür war ein plötzlicher Partnerwechsel während der Jungenaufzucht. Das ansässige Steinadler-Männchen ist vermutlich verendet und wurde durch ein anderes Männchen ersetzt. Da sich das neue Paar erst auf gemeinsame Jagdstrategien einstellen muss, konnte die durchgehende Fütterung des Jungvogels nicht sichergestellt werden.

Seit 2009 haben Besucher des Klausbachtals im Nationalpark Berchtesgaden die Möglichkeit, den Steinadler aus nächster Nähe zu beobachten. Oberhalb der Wildfütterung haben Mitarbeiter des Steinadler-Teams einen Fressplatz angelegt, der regelmäßig aufgesucht wird. Dieser ist von der Wildfütterung im Tal gut einzusehen. Eine versteckte Filmkamera liefert darüber hinaus bewegte Bilder vom Fressplatz direkt in die Nationalpark-Infostelle Hintersee, wo man den Adler „live“ auf einem Monitor beobachten kann. Zusätzlich befindet sich am Fressplatz eine automatische Kamera („Fotofalle“), die über Infrarottechnik selbstständig Fotos erstellt, sobald sich ein Tier dem ausgelegten Köder nähert. Nationalpark-Ranger Sepp Pfnür sorgt dafür, dass am Fressplatz ständig eine kleine Mahlzeit für den Adler bereit liegt. Dazu steigt er einmal pro Woche hinauf und sichert außerdem die Bilder aus der Fotofalle. Dabei wurde deutlich, dass nicht nur der „König der Lüfte“ am ausgelegten Futter nascht. „Regelmäßige Gäste am Futterplatz sind neben dem Adler außerdem Kolkraben, Füchse, Rabenkrähen, Eichelhäher, Marder und Alpendohlen“, verrät der Ranger.

Bewegte Bilder vom Futterplatz der steinadler werden „live“ in die Nationalpark-Infostelle Hintersee übertragen. Zugleich ist das Klausbachaus auch Treffpunkt für die geführten Wanderungen in das „Tal der Adler“, die wöchentlich jeweils am Donnerstag angeboten werden.

Noch bis zum Beginn der Brutsaison wird der Fressplatz regelmäßig bestückt, danach ist Schluss. „Die Einstellung der Fütterung im Frühjahr ist wichtig, denn so ein Futterplatz lockt natürlich auch fremde Adler an. Diese stören die Revieradler während der sensiblen Brutzeit die Revieradler ganz erheblich“, erläutert Jochen Grab. „Und wir dürfen nicht riskieren, dass es deswegen zu einem Abbruch der Brutaktivitäten im Klausbachtal kommt.“

Im Januar haben die Steinadler bereits mit der Balz begonnen, Ende März wird die Eiablage erfolgen. Die Mitarbeiter des Projekts hoffen im Jahr 2010 auf eine größere Brutbereitschaft und erfreulichere Nachrichten beim Adlernachwuchs. Doch solange sich aus dem Resultat des letzten Jahres kein Trend ergibt, betrachten die Experten diese Ergebnisse mit Gelassenheit. „Unseren Adlern geht es gut. Doch die Zahlen sind Ansporn genug, auch in Zukunft weiter genau hinzuschauen“, erläutert Ulli Brendel die Motivation des Steinadler-Teams.

Seit 2009 leitet die Nationalparkverwaltung Berchtesgaden das Steinadlerprojekt wieder in Eigenregie. Ende 2008 war das bayernweite, zehnjährige „Artenhilfsprogramm Steinadler“ des Landesamtes für Umwelt ausgelaufen. Grund für die Einstellung dieses Projekts war die Tatsache, dass sich der Steinadlerbestand in den bayerischen Alpen im gleichen Zeitraum stabilisiert hatte. Nun führt die Nationalparkverwaltung Berchtesgaden die umfangreichen Monitoring- und Artenschutzmaßnahmen fort, die zum Schutz des „Königs der Lüfte“ lange Jahre erfolgreich umgesetzt wurden. Da das Vorhaben auch im Gebiet des gesamten UNESCO-Biosphärenreservats durchgeführt wird, beteiligt sich dessen Verwaltung seit 2009 ebenfalls an den Kosten.

Der Nationalpark bietet bis zum 8. April und wieder ab 6. Mai jeden Donnerstag eine rund dreistündige geführte Wanderung „Ins Tal der Adler“ an. Treffpunkt ist bis 8.4. um 11:00 Uhr und ab 6.5. um 10:00 Uhr an der Nationalpark-Infostelle Hintersee („Klausbachhaus“). Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Pressemitteilung Nationalpark Berchtesgadener Land

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