Singen mit dem Volksmusikpfleger

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Berchtesgaden - Ernst Schusser ist Volksmusikpfleger und tourt durch Oberbayern, um mit anderen Leuten zusammen zu singen und zu musizieren.

„Bist Du zum Singen da“, fragt ein Zuschauer. „Nein“, scherzt ein anderer, „Stimmbruch.“ Übersichtlich ist die Menschentraube, als Ernst Schusser vom Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern sein Liedheft in die Hand nimmt. Noch fehlen am Schlossplatz in Berchtesgaden die Freiwilligen. Schusser, der sonst in Bruckmühl, Landkreis Rosenheim, Volksmusikpflege betreibt, verfolgt auch in Berchtesgaden ein klares Ziel: Möglichst viele Menschen zum Selbersingen zu bringen. „Das funktioniert meistens auch sehr gut“, sagt er, während eine Dame Musikhefte an Interessierte verteilt.

Bilder vom fröhlichen Singen

Als Zusammenschluss mehrerer privater Volksmusiksammlungen wurde das Volksmusikarchiv 1985 gegründet. Seit 1996 steht der Informationsstelle, in der man sich um regionale Musiktradition bemüht, Ernst Schusser vor. Schusser ist ein kräftiger Mann mit Bart. Er ist der dritte Volksmusikpfleger im Bezirk Oberbayern. Einer seiner Vorgänger ist der bekannte Wastl Fanderl. Und weil Schusser sich ganz der Volksmusik verschrieben hat, sind die Aufgaben, die man in Bruckmühl verfolgt, vielfältig. „Wir sammeln und dokumentieren regionale musikalische Volkskultur aus ganz Oberbayern.“ Denn zwischen Oberbayern und den Nachbargebieten hatte es in der Vergangenheit immer einen regen Austausch gegeben. Auch, was die Musik angeht. Neben den regionalen Zusammenhängen sind für die Vielfalt der volksmusikalischen Erscheinungsformen auch die angrenzenden Sachgebiete relevant. Etwa die Kirchenmusik, die Einfluss nahm auf geistliche Volkslieder sowie die Unterhaltungsmusik, die auf die instrumentale Volksmusik ausstrahlte.

„Wir decken ein weites Feld ab“, erklärt Schusser, der auch in Berchtesgaden guter Dinge ist, dass sein Vorhaben aufgehen wird. Unter den Arkaden stehend, wartet er fernab des Trubels. „Das ist Absicht“, sagt Brigitte Reiter vom Berchtesgadener Adventsmarkt. Ernst Schusser macht das ganz bewusst. Er singt abseits des eigentlichen Geschehens. Die Leute, die mitsingen wollen, sollen zu ihm kommen. Schusser braucht keinen Verstärker, keine Bühne, kein Mikrofon. Sein Werkzeug ist die gewaltige, tiefe Stimme, mit der er auf sich aufmerksam macht. „Wer mitsingen möchte, soll herkommen“, ruft er formlos in die Nacht. Einige schauen verdutzt, andere werden neugierig. „Wer ein Liedheft braucht, kriegt eins“, sagt der Volksmusikpfleger, dessen Kopf von einer Mütze gewärmt wird. „Und wer einen Euro gibt, darf das Liederheft auch mit nach Hause nehmen.“

Das Volksmusikarchiv hat in den bald 30 Jahren seit seiner Gründung einen riesigen Materialbestand aufgebaut, eine Datenbank hilft beim Erfassen: 160.000 Lieder umfasst diese, 300.000 Melodien, 22.000 Schellackplatten, 20.000 Schallplatten, 25.000 Fotos, die gleiche Anzahl an Büchern. Tonaufnahmen, Feldforschungen und Handschriften gehören ebenso dazu. Um Ordnung in die Sammlung zu bringen, sind viele Arbeitsschritte notwendig: „Ordnen und Nummerieren, Strukturieren und Erschließen.“ All das, um die heimatliche Musikkultur zu pflegen und weiterzutragen. Ergebnisse der Archivarbeit werden immer wieder auch der Öffentlichkeit vorgestellt. Auf Tagungen und im Lehrangebot der Universität München wird über die Arbeit des Archivs berichtet.

Ernst Schusser hat gerade zu „Ihr Kinderlein kommet“ angesetzt. Ein beliebtes Lied zum Weihnachtsfest. „Musikalität steckt nicht im Fernsehen, sondern in jedem selbst“, sagt er. Jedes Jahr, wenn Weihnachten in greifbarer Nähe ist, zieht Schusser los. Dann geht es quer durch Oberbayern. 2008 war er in 20 verschiedenen Orten, um Weihnachtslieder mit Fremden auf öffentlichen Plätzen zu singen. Und so soll es auch weitergehen. Auch ohne Schusser. Zwischenzeitlich haben sich Gruppen gebildet, die unabhängig miteinander singen. Auch in Berchtesgaden geht das Konzept auf: Immer mehr Interessierte scharen sich um den sympathischen Volksmusikpfleger, der nur eine Akustikgitarre in der Hand hält.

„Wir beginnen jetzt wieder zu singen“, ruft er. Über 50 Leute, die zuvor auf dem Adventsmarkt waren oder einen Spaziergang unternahmen, sind aufmerksam geworden. Sie sind stehen geblieben, haben einen Halbkreis um Schusser gebildet. „Maria, Josef und das Kind“ wird angestimmt. Über 100 Leute sind es zwischenzeitlich – und es werden immer mehr. „Das ist eine tolle Art, zusammen zu singen“, sagt eine ältere Dame, der das spontane Treffen sichtlich Freude bereitet. Eine Stunde lang singt die versammelte Mannschaft zusammen in der Kälte – deutsche Volkslieder, Weihnachtslieder. Nächstes Jahr soll Ernst Schusser wieder kommen. Bereits tags darauf ist er schon wieder an einem anderen Ort – irgendwo in Oberbayern. Und auch dort ist er zuversichtlich, dass es wieder klappen wird. „Scham braucht wirklich keiner haben.“

kp

Rubriklistenbild: © kp

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