Selbstversuch: Wie mobil sind Rollstuhlfahrer?

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Berchtesgaden - Wie sieht eigentlich der Alltag für einen Rollstuhlfahrer aus? Um diese Frage zu beantworten, schickte Professor Sven Hosse den Reporter Kilian Preiffer auf einen Selbstversuch.

„Hier ist Dein Rollstuhl“, sagt Sven Hosse, Professor an der Pädagogischen Hochschule Salzburg, Schwerpunkt Sonderpädagogik, und Vorsitzender der Behinderten- Integration Berchtesgaden. Es ist ein Selbstversuch, der für Behinderte zum Alltag gehört. Für einen Nicht-Behinderten ist es eine Herausforderung, eine Horizonterweiterung mit teils unerwarteten Ergebnissen. Mit dem Rollstuhl geht es durch Berchtesgaden.

Sven Hosse ist Ehemann, Vater von vier Kindern. Seine Tochter Silvia, 13 Jahre alt, ist behindert. „Sie war der Auslöser, mich in diesem Bereich zu engagieren“, sagt er. Dann geht er zu seinem VW-Transporter, greift nach einem zweiten Rollstuhl – „wir fahren gemeinsam“, schlägt er vor. „Dann sind wir auf gleicher Augenhöhe“. Bitte Platz nehmen, gleich geht es los! Der Rollstuhl ist kein Sondermodell, eher ein Rollstuhl, so wie man ihn aus dem Krankenhaus kennt. Eine weiche Sitzfläche, Möglichkeiten, die Füße aufzusetzen, Armlehnen. Um vorwärts zu kommen, bedarf es reiner Muskelkraft. Im besten Fall auch warmer Handschuhe, denn das Eisen-Rund am Rollstuhl- Reifen ist eisig-kalt, die Hände frieren. „Rollstuhlfahrer haben häufig Hornhaut an der Handinnenfläche“, sagt Sven Hosse.

Wir befinden uns vor dem Kongresshaus in Berchtesgaden, dort soll unsere Tour starten, durch den Markt führen, am Weihnachtsschützenplatz vorbei, durch den hinteren Markt, über den Schlossplatz bis zum Rathaus Berchtesgaden – behindertengerecht, so heißt es. Es ist ein sprichwörtlich steiniger Weg, für den Unbedarften, für jenen, der in die Materie hineinschnuppert. Auf zwei Rädern rollen, die Füße bleiben still. „Es ist ein Lernprozess“, sagt Sven Hosse, der schon öfter – zusammen mit seiner Tochter – im Rollstuhl unterwegs war.

 „Wir wollen hier im Talkessel ein Umfeld schaffen, in dem Behinderte gut zurecht kommen“, sagt der Bischofswieser, der die Materie kennt, die vielen kleinen Ungereimtheiten, die einem Behinderten das Leben erschweren, für den Außenstehenden häufig nicht klar zu erkennen sind. Der Rollstuhl gleitet über den Untergrund. Gleich zu Beginn ist Kraft gefordert, eine kleine Erhebung, es scheint nicht weiter tragisch, doch müssen die Arme kräftig antauchen, um ohne Weiteres die Straße zu erreichen. Dort ist auch der Zebrastreifen. Über diesen müssen wir jetzt drüber.

Das Gefühl, im Rollstuhl zu sitzen, als Rollstuhlfahrer – auch wenn es für den Moment ist – wahrgenommen zu werden, ist schwer zu beschreiben. Definitiv steht man im Visier der Gesellschaft, die Blicke fallen auf das mobile Gefährt, auf den „Lenker“, man fühlt sich beobachtet. „Und?“, fragt Sven Hosse. Ein dumpfes Gefühl hat sich in der Magengegend breit gemacht. Man wird angestarrt, nicht von jedem, jedoch von den meisten. Eine Dame tritt hinter ihrer Kasse hervor, kommt zur gläsernen Tür ihres Geschäftes, lugt um die Ecke. „Als Rollstuhlfahrer wird man angeschaut, angestiert“, sagt Hosse, der Mann hat Erfahrung. Etwas Wut macht sich breit, warum schaut nur jeder? Offensive Blicke, ein defensiver Rollstuhlfahrer – man kann doch nichts dafür. Den Blicken ist man ausgeliefert, vollends, sich verstecken? Warum denn?

Also rollen wir weiter, über den Weihnachtsschützenplatz, ein paar Spaziergänger stehen in der Sonne, fangen Sonnenstrahlen auf, gleich wird es bitterkalt, die Hände schmerzen wegen des Eisengriffs an den Reifen. Aufgeben? Nicht dran zu denken – vom Kongresshaus bis zum Rathaus, eigentlich ein Katzensprung. Im Rollstuhl wird der Trip zu einer Ewigkeit. Rechter Hand das Café Forstner, linker Hand das Modehaus Dollinger, der Weg wird steil, nur ein paar Grad Steigung, für den Neuling auf Zeit eine Ewigkeit.

Barrierefreiheit sieht anders aus...

Der hintere Marktteil ist abschüssig, „Du kannst es rollen lassen“, sagt Sven Hosse. Leichter gesagt als getan. Das Bremsen mit den Händen schmerzt. Die Reibung erzeugt Wärme – in Kombination mit der kalten Hand macht sich ein ungutes Gefühl breit, ehe es holprig wird, durch die Torbögen hindurch, Pflastersteine, es vibriert im Allerwertesten, während Hosse Lücken aufzeigt. Ob das Aschauerweiherbad, das „nicht rollstuhlgerecht ist“, oder etwa die öffentliche Toilette am Rathaus. Kein Drandenken, hier mit einem Rollstuhl hineinzukommen. „Man muss auf die Toilette in das Hotel Edelweiß“, weiß Hosse, der sein zweirädriges Gefährt wie ein Profi lenkt. Diverse integrative Rollstuhlkurse hat er absolviert, zusammen mit Silvia, seiner behinderten Tochter.

Auf dem Schlossplatz ist es schattig, ein paar Spaziergänger, die auf den Bänken sitzen, starren auf das Rollstuhlduo, man grüßt nickend, sie schauen weg, fühlen sich ertappt, das empfundene Gefühl wird nicht besser. Im Gegenteil. Unser Ziel ist gleich erreicht, das Rathaus. „Du kannst jetzt gerne schieben“, sagt Sven Hosse, jetzt wird es richtig steil, wenngleich auch nur ein sehr kurzes Stück. Ich bleibe sitzen, stecke die Kraft in die Eisenvorrichtung, schiebe mich den Hügel hoch bis vor das Rathaus. „Das Rathaus ist behindertengerecht ausgestattet“, sagt Hosse, zeigt auf die Rampe vor dem Hauptportal, über welche man hinein kommt. Ich schiebe mich hoch, bin angekommen, das Ziel ist erreicht, nun noch ein Blick in das Rathaus werfen.

Doch Moment mal, da ist ja eine Tür, mächtiges Holz, wie soll man die denn bitte öffnen? „Tja“, sagt der Professor. „Es fehlt wenigstens ein automatischer Türöffner“. Bereitwillig bieten sich zwei Handwerker an, die zuvorkommend die Tür öffnen. Die Tour ist beendet, ich erhebe mich, unterhalte mich mit meinem Rollstuhl-Partner. Er schaut auf, ich schaue herab. Erneut ein ungutes Gefühl. Also setze ich mich wieder hin. Wie sind auf gleicher Augenhöhe. Das Gefühl von gerade eben ist verschwunden.

kp

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