Schweißtreibende Holzarbeit

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Berchtesgaden – Viele Jahre war Berchtesgaden, der zentrale Platz vor dem Kongresshaus, maibaumlos. Seit vergangenem Samstag hat die Marktgemeinde wieder einen Maibaum.

Der neue Maibaum am Kongresshausvorplatz wurde unter den Blicken zahlreich erschienener Besucher von einer Riege starker Männer des Gebirgstrachtenerhaltungsvereins D’Untersberger aufgestellt wurde. Verantwortlich zeichnet die Marktgemeinschaft Berchtesgaden, deren Anliegen es war, diesen Brauch im Ort wieder lebendig zu gestalten.

Kaiserwetter, der Himmel ist blau, keine Wolken, es ist angenehm warm. Noch liegt der Maibaum, ein hochgewachsener Stamm, auf dem Kongresshaus-Vorplatz. In etwa einer Stunde soll er senkrecht stehen, in den Himmel ragen, mit Kränzen versehen, eine Baumspitze krönt den Stamm. Nicht etwa unter Zuhilfenahme eines Traktors oder anderer Maschinen wird der Maibaum gestemmt, sondern nur unter Einsatz von Manneskraft und langen Stangenpaaren, den sogenannten Scharstangen in unterschiedlichen Ausführungen. Doch bevor es soweit ist, sind ein paar Vorarbeiten zu erledigen. Die Baumspitze wird noch in der Waagrechten am Maibaum angebracht, ein Stimmführer macht sich bereit, er gibt die Kommandos, auf die die am Aufstellen Beteiligten reagieren müssen.

Berchtesgadens neuer Maibaum

Schon lange hatte es keinen Maibaum im Markt gegeben. Warum? Der Vorstand der Vereinigten Trachtenvereine des Berchtesgadener Landes, Josef Wenig, klärt auf: „Der Grund waren einige weniger erfolgreiche Jahre, in denen die Besucher ausblieben, das Wetter schlecht war.“ Danach hatte man den Brauch in Berchtesgaden zunächst auf Eis gelegt, jetzt, mit neu gestaltetem Markt, neuem Hotel, wollte man es nochmals wagen, mit Erfolg, wie sich zeigt. Viele Besucher sind erschienen, Touristen, Einheimische. Dass das Maibaum-Aufstellen so spät stattfindet, ist nicht weiter verwunderlich. Die Marktgemeinschaft Berchtesgaden hat das vergangene Wochenende genutzt, um Maibaum und verkaufsoffenen Sonntag an zwei aufeinanderfolgenden Tagen abzuhalten. Indes nicht genau geklärt sind die Ursprünge des Maibaums. „Das wird schon seit jeher so gemacht“, ist die Antwort auf die Frage nach dem Warum. Eine Tradition, die über die Jahrhunderte verfolgt werden kann, lässt sich kaum aufzeigen. Klar ist, dass vergleichbare Bräuche und solche, die in Anlehnung an das jetzige Maibaum-Aufstellen stattfanden, Ähnlichkeiten aufwiesen, etwa bei Wikingern oder Germanen. Dokumentiert wird ein „christlicher Pfingstbaum“ etwa im 13. Jahrhundert in der Eifel und auch in Aachen wird im Jahr 1224 erstmals der Maibaum-Brauch bezeugt. Schriftliche Überlieferungen aus dem 16. Jahrhundert belegen den Maibaum in Franken und Schwaben.

In seiner auftretenden heutigen Form existiert der Maibaum seit dem 16. Jahrhundert – grüne Spitze, mit Kränzen geschmückt. Die Funktionen des Baumes sind jedoch verschiedener Natur. Ob Ehrenmaibaum, Kirchweihbaum oder „mit Preisen behängte Kletterstange“ – auch in Berchtesgaden wurde am vergangenen Samstag geklettert, als der Baum bereits erfolgreich aufgestellt war. Bis dahin dauerte es aber, denn das Maibaum- Aufstellen ganz ohne motorisierte Hilfsmittel ist ein schweißtreibender Prozess, an dem eine Reihe von Freiwilligen beschäftigt ist, in diesem Fall der Gebirgstrachtenerhaltungsverein D’Untersberger. „Männer mit strammen Wadln“, sagt eine einheimische Beobachterin mit einem Lachen versehen. Mithilfe von Scharstangen wird der Maibaum Schritt für Schritt aus der horizontalen Position aufgerichtet. Winkel um Winkel geht es voran, die Scharstangen, ein Stangenpaar, das miteinander verbunden ist, kommt immer wieder zum Einsatz. Die Scharstangen stehen dann auf dem Boden, das gestärkte Verbindungsstück fungiert als Kuhle, in der das Gewicht des Baumes lastet. Immer weiter rücken die Maibaum-Aufsteller den Baum in die finale Position, am Stammende wird mit einem Vorschlaghammer fleißig geschlagen – sodass der Stamm in die im Boden eingelassene Form hineinrutscht.

Eine Kette dient als Sicherung, denn beim Maibaum-Aufstellen sei schon sehr viel passiert, sagt Josef Wenig, der Vorstand der Vereinigten Trachtenvereine des Berchtesgadener Landes. Nicht etwa in Berchtesgaden, „aber außerhalb“. Das wolle man natürlich vermeiden, daher sei jeder Schritt geplant. Die Zuschauer des Brauch-Spektakels sind begeistert, überall surren Videokameras, Fotoapparate klicken und halten den Moment im Bild fest. Schließlich ist es vollbracht, der Maibaum steht. Jetzt darf gefeiert werden.

kp

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