Der Schöpferkraft freien Lauf lassen

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In Alexander Jeanmaires (r.) Kursen bleibt die trockene Theorie draußen, Kunst soll Freude machen, lautet sein Credo.

Bad Reichenhall – Das Jahresprogramm der Kunstakademie Bad Reichenhall war für 2010 noch nicht einmal erschienen, da war der Kurs von Alexander Jeanmaire schon restlos ausgebucht.

Der Schweizer ist nicht nur ein international angesehener Künstler, er ist auch als Autor, Performer und Dozent gefragt. Heuer unterrichtet er zum ersten Mal in der Kurstadt.

Gerade tüftelt Alexander Jeanmaire mit einer Studentin an dem richtigen Rot-Ton. Der Reihe nach probieren sie verschiedene Mischungen auf einem kleinen Plastikteller aus. Vor ihnen auf dem Tisch steht ein ganzes Sammelsurium an Flaschen: Gelb, Orange, helles Lila, mittleres Lila, dunkles Lila, Blau... Es dauert eine Weile, aber schließlich haben Lehrer und Schülerin genau die Farbe gemischt, die der Vorlage in einem Buch entspricht.

Farb-Klang-Körper nennt Alexander Jeanmaire seine Bilder und das ist auch der Titel seines sechstägigen Kurses an der Kunstakademie. Warum dieser Name? Weil sich die Schwingungen in seinen Werken meistens aus einer großen monochromen Fläche, aus komplementären Farbkontrasten und einer stark gegensätzlichen Materialstrukturen ergeben, erklärt er. Farbe sei die sichtbare Komponente und der Klang das, was man nicht sehen, sondern nur fühlen kann. Sozusagen die Seele des Bildes oder die Musik oder das Geheimnis. Die Stofflichkeit des Materials bezeichnet der Maler als den Körper.

Jeanmaires Bilder entstehen in einem aufwendigen Prozess einer selbstentwickelten „Schicht-über-Schicht-Mischtechnik“, mit Acryl, Sand, Collagen, Pinseln, Rollern, Schwämmen und anderen unüblichen Werkzeugen. Alexander Jeanmaire malt am liebsten auf große Leinwände. Seine Werke haben längst ihren Platz in privaten Sammlungen und in renommierten Galerien in ganz Europa und den USA gefunden.

Der Schweizer Künstler Alexander Jeanmaire (r.) hilft einer Studentin auf der Suche nach dem richtigen Rot-Ton.

Das Handwerk gelernt hat der 62-Jährige in den 70er Jahren auf der Kunstakademie in Genf. Von 1985 bis 1987 legte er eine Schaffenspause ein und begab sich auf die „Reise nach innen“ wie er es selbst nennt. Er lernte Meditieren und ließ sich in spiritueller Therapie und Energiearbeit ausbilden. All das fließt heute in seine Arbeit als Künstler und Lehrender mit ein.

Wenn Jeanmaire eins nicht will, dann ist es seine Schüler mit „furztrockenen“ Theorien langweilen. Stattdessen lockt er sie, die eigene schöpferische Kraft zu entdecken, das „ES“. Nicht der Kopf soll malen, sondern die Intuition, der Bauch. „Einem Durstenden in der Wüste ist auch nicht mit der Formel H2O geholfen“, beschreibt er seinen Ansatz.

Der Schweizer serviert kein „Dürrobst“, sondern ein frisches, knackiges Menü, weil „Malen eine sinnliche Angelegenheit ist“. Farb-Klang-Körper ist außerdem der Titel zweier seiner Bücher, der dritte Band soll demnächst erscheinen. Ein anderes Buch heißt „99 Tipps für Kreativität und Lebenskunst“, ein weiteres „Der kreative Funke“. „Deswegen kennen mich so viele Leute“, meint der Schweizer. Und von seinen Performance-Auftritten, bei denen es nur hintergründig um Malen und Kunst und hauptsächlich um die Frage geht: „Leben sie ihren Traum?“

In seinem sechstägigen Kurs will Alexander Jeanmaire seinen Studenten genau diese Möglichkeit geben: ihren Traum zu leben, sich auszuleben. Sie können Freiheit üben, auf der weißen Leinwand darf jeder seiner Kreativität und seinem Gefühl freien Lauf lassen. Es darf alles ausprobiert und experimentiert werden. „Das ist Leben lernen im Kleinen“, wie es Jeanmaire ausdrückt. Er hat die Erfahrung gemacht: „Über das Malen finden viele Menschen sich selbst.“ Und wann ist das Bild, das dabei rauskommt gut? „Wenn es spannend ist und Spannung entsteht aus Gegensätzen, Polaritäten und Kontrasten.“

An die Kursteilnehmer hat er extra eine Checkliste ausgeteilt. Da stehen so Hinweise drauf wie: Hat mein Bild die Kontraste hell-dunkel, warm-kalt, schwarz-weiß? Ist die Form rund-gerade, klar-unklar, geformt-ungeformt? Ist es in einem homogenen Stil gemalt oder aus verschiedenen unharmonischen Stilelementen, die sich gegenseitig beißen? Auch eine Liste für den Notfall hat Jeanmaire aufgestellt. Wenn die Arbeit stockt, rät er das Bild mal von einer anderen Seite zu betrachten oder Papier über die hässlichen Stellen zu kleben. Und wenn wirklich nichts mehr geht, hilft nur noch eins: raus aus dem Atelier und später weitermachen. Manchmal braucht eben auch die Schöpferkraft eine Pause.

Pressemitteilung Kunstakademie Bad Reichenhall

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