Schotten dicht am Königssee

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
"25 Prozent Umsatzeinbußen und mehr": Wolfgang Riehl.

Schönau am Königssee – Wegen Beschwerden: In Zukunft muss ein Großteil der Geschäfte in der Seestraße sonntags geschlossen bleiben. Jetzt werden deutliche Umsatzrückgänge befürchtet.

„Für mich ist das eine Katastrophe“, sagt ein Geschäftsinhaber in der Seestraße am Königssee. Ein Flaniermeile, eigens für Urlaubsgäste gemacht, Hunderttausende bummeln jedes Jahr in Richtung des weltbekannten Königssees. An Sonn- und Feiertagen wird der Andrang in Zukunft wohl ausbleiben. Denn ein Großteil der 30 Geschäfte darf nicht mehr öffnen. Das hat das Landratsamt Berchtesgadener Land verfügt. Weil die Rechtsverordnung zur Regelung des Ladenschlusses verletzt werde und bestimmte Gegenstände nicht verkauft werden dürften. Im Vorfeld waren zahlreiche Anzeigen und Hinweise eingegangen, das Amt musste handeln. Bis zu 30 Prozent Umsatzeinbußen befürchten die Geschäftsleute.

Geschäftsleben in der Seestraße:

Geschäftsleben an der Seestraße

Seit Jahrzehnten hat Wolfgang Riehl seine Läden am Königssee auch sonn- und feiertags geöffnet. Ein halbes Jahrhundert gibt es dort „Trachtenmoden Riehl“ und niemand wäre auf die Idee gekommen, dass die Situation jemals eine andere sein könnte. „Sonntage gehören mit zu den umsatzstärksten Tagen“, weiß er. Riehl befürchtet deutliche Umsatzeinbußen. „25 Prozent und mehr“, sagt er. Das tut weh. Denn gerade an Wochenenden strömen an den Königssee die Tagestouristen. Busreisen werden dorthin veranstaltet.

„Die Leute kommen zum Flanieren“, sagt Markus Zeitz, ebenfalls Geschäftsinhaber in der Seestraße am Königssee. Auch er betreibt einen Trachtenladen. Und wie es aussieht, gibt es keine Chance, diesen am Wochenende weiterhin geöffnet zu lassen. Obwohl dies doch über die letzten Jahrzehnte geduldet wurde. „Wir leben vom Tourismus“, sagt Zeitz. Die Mieten am Königssee? Unverhältnismäßig hoch. „Wucher“, sagt ein weiterer Ladenbesitzer. Und dann eine solche Entscheidung.

„Es wird sich noch zeigen, wie viele ins Schwanken geraten“, prognostiziert Markus Zeitz, alles andere als zufrieden. Hochemotional wird das Thema derzeit geführt. Erst kürzlich hatte die Gemeinde Schönau am Königssee gemeinsam mit dem Landratsamt alle Geschäftsleute geladen. Zum Informationsgespräch. Dort wurde über den Stand der Dinge gesprochen. Dass zahlreiche anonyme Anzeigen eingegangen seien, die die Sonntagsöffnungen am Königssee beklagen.

Hinzu kommt, dass laut einer Rechtsverordnung zur Regelung des Ladenschlusses in der Gemeinde Schönau am Königssee aus dem Jahr 2004 klar aufgeführt ist, was an maximal 40 Sonn- und Feiertagen zwischen 10 und 18 Uhr überhaupt verkauft werden darf: „Badegegenstände, Devotionalien, frische Früchte, alkoholfreie Getränke, Milch und Milcherzeugnisse (…), Süßwaren, Tabakwaren, Blumen und Zeitungen sowie Waren, die für die Gemeinde Schönau am Königssee kennzeichnend sind“.

„Wir müssten also auf jedes Dirndl ‚Mit Grüßen vom Königssee‘ sticken“, sagt Riehl mit einem verhaltenen Schmunzeln, „dann könnten wir weiterverkaufen.“ Mehrere Ladenbesitzer fordern ein Gewohnheitsrecht ein. Doch Andreas Bratzdrum, Pressesprecher im Landratsamt, wiegelt ab: „Ein Gewohnheitsrecht gibt es nicht“. Dafür eine Reihe an Beschwerden. Diesen müsse man nachgehen. „Die Geschäftsinhaber sind angehalten worden, sich künftig an das Ladenschlussgesetz zu halten“, sagt er.

Und weiter: „Trachtengeschäfte müssen in jedem Fall schließen.“ Im Grunde genommen aber auch alle anderen Geschäfte. „Zwei, drei Ausnahmen gibt es“, sagt Rechtsanwalt Holger Lotz aus Bischofswiesen. Für ihn ist die Angelegenheit noch nicht abschließend geklärt. „Touristisch frequentierte Orte sind auf das Wochenende angewiesen“, sagt er. Und in der Landesverordnung sind diese explizit aufgeführt. 50 Prozent des Sortiments muss jenen Waren entsprechen, die in der Rechtsverordnung der Gemeinde aufgeführt sind.

Dies zu erreichen, scheint allerdings nicht machbar zu sein. „Wir müssten alles andere aus dem Laden räumen“, sagt Markus Zeitz. Hält man sich nicht an die Aufforderung des Landratsamts, droht ein Zwangsgeld, das man zur Zahlung verpflichtet ist, sagt Andreas Bratzdrum, der Landratsamts-Pressesprecher. Ein Rundgang in der Seestraße zeigt ein klares Bild: Die Geschäftsleute fühlen sich vor den Kopf gestoßen: „Ich traue mich nicht mehr, zu öffnen“, sagt einer, der unter anderem Natursteine in seinem Sortiment führt. Selbst Andenkenläden verzichten darauf, eine Auseinandersetzung mit dem Landratsamt einzugehen.

„Mir sind die Hände gebunden“, sagt eine Frau, deren Namen nicht in der Zeitung stehen soll. Und überall der gleiche Tenor. Wie man in Zukunft die Miete zahlen soll, wenn man doch die gesamte Hauptsaison zwischen Mai und Oktober an Sonntagen geschlossen haben soll, das weiß keiner der Befragten. Tatsache ist, dass es das Gesetz so fordert. „Die Rechtsverordnung muss optimiert werden“, wünscht sich Trachtenladeninhaber Wolfgang Riehl. Zeitgemäß müsse dort eine Anpassung durchgeführt werden, um die Seestraße weiterhin attraktiv zu halten für Besucher.

Hannes Rasp, Geschäftsführer der Gemeinde Schönau am Königssee, sagt, dass der Wunsch bei der Gemeinde groß sei, wenn die Geschäfte weiterhin geöffnet wären. Aber: „Das Landratsamt handelt juristisch korrekt“. Trotz alledem: Dass Gäste nicht nur wegen der Fahrt über den Königssee kommen, da stimmt man in der Seestraße kollektiv überein. „Wer will schon in ein Touristengebiet, wenn die Läden alle geschlossen haben“, fragt Zeitz.

Bereits am vergangenen Sonntag sind Landratsamts-Mitarbeiter durch die Seestraße flaniert. Nicht zum Einkaufen, sondern um sich ein Bild vor Ort zu machen. Und um darüber zu entscheiden, wer schließen muss und wer nicht. Die schriftlichen Bescheide werden noch in dieser Woche erwartet. Womöglich bleibt die Seestraße bereits am kommenden Sonntag geschlossen. Zumindest die Geschäfte.

kp

Zurück zur Übersicht: Region Berchtesgaden

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser