Totenstille am Königssee?

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Schönau am Königssee - Ein schlichter Holzsarg hat am Königssee für Aufsehen gesorgt. Was sagen eigentlich die Leute zu der ungewöhnlichen Protestaktion?

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Trauerstimmung am Königssee: Mitten auf der Seestraße, vor einem Sportgeschäft, steht ein Sarg. Unzählige Leute tummeln sich darum, geben ihre Unterschriften ab. Der Anlass der Aktion: Einige Geschäftsleute dürfen sonn- und feiertags nicht mehr öffnen. Wegen anonymer Beschwerden. Das hat das Landratsamt Berchtesgadener Land verfügt. Die Geschäftsleute sind wütend. Die Umsätze sehen sie einbrechen, Zukunftsängste. Und die Gäste am Königssee? Die schütteln nur den Kopf. Denn im Urlaub einkaufen können, möchte am Sonntag schließlich jeder.

„So etwas habe ich ja noch nie erlebt“, schimpft Elvira Reis. Sie kommt aus der Mosel- Gegend. Und auch dort kennt sie das „Neid-Problem“. Dass Geschäftsleute andere anschwärzen. Verständnis dafür hat sie aber nicht. Zumal am Königssee andere Gesetze gelten sollten: „Das ist ein Tourismusort“, sagt sie. Und dort müsse man einkaufen können. Auch sonntags. „Was sollen die Leute denn sonst tun“? Die Sarg-Aktion sei gut, zwar etwas krass, aber sie treffe den Nagel auf den Kopf. Ihre Unterschrift gibt sie gerne, um die Ladenbesitzer zu unterstützen. Emilia Bostiriza stammt aus Peru. Die gelernte Altenpflegerin wohnt in München. Etwa einmal im Monat ist sie über das Wochenende mit ihrem Lebensgefährten zu Besuch im Berchtesgadener Talkessel. Zum Wandern, zum Entspannen, aber auch zum Shoppen, wie sie sagt. Tracht vom Königssee etwa. Die am Wochenende aber nicht mehr verkauft werden darf.

Ein Sarg als Zeichen des Protests

Das Landratsamt sagt, dass die Tracht am Königssee keine wirkliche, ortskennzeichnende „Tracht“ sei, sondern nur „Landhausmode“. Austauschbar. In jedem Fall fällt sie unter jene Waren, die aus dem Sonntagssortiment gestrichen wurden. Bis zu 30 Prozent Umsatzeinbrüche befürchten die Geschäftsinhaber. Franz Schön führt Sportartikel: „80.000 Euro fehlen mir in Zukunft“, sagt er. Er ist auch der Initiator der Sarg- Sache. Er möchte aufrütteln. Das, was immerzu ging, soll jetzt unmöglich sein? 40 Sonntage im Jahr hatten die Geschäfte am Königssee geöffnet – und das über die letzten 50 Jahre hinweg. „Ich kenne es nicht anders“, sagt Marion Krebs aus Hassloch. Mit ihrer Familie macht sie einige Tage Urlaub. Schon mehrmals in der Vergangenheit. Am Königssee verbringen sie viel Zeit. Vor allem am Wochenende. „Wenn das Wetter schlecht ist, möchten wir doch bummeln“, stöhnt sie. Enttäuscht zeigt sie sich darüber, dass das in Zukunft nicht mehr möglich sein soll. „Dann komme ich halt nicht mehr an den Königssee“.

Tagesbesucher, die mit dem Bus angereist sind, schütteln mit dem Kopf, als sie den Sarg vor dem geschlossenen Sportgeschäft sehen. Nicht der Sarg stört, sondern die Situation. „Eine Frechheit“, wütet ein älterer Herr. „Das ist Deutschland“, schimpft er weiter. Die Unterschriftenliste wächst und wächst. Die Touristen zeigen sich solidarisch mit den Geschäftsleuten. „Ich finde den Sarg in der Fußgängerzone geschmacklos“, wettert einer. Trotzdem möchte er unterschreiben. So wie auch Gabi Schäfer aus Wittlich oder Jean Matejko aus Worms.

Familie Straten aus Nordrhein-Westfalen etwa besitzt eine Ferienwohnung in Schönau am Königssee. Sie befürchtet, dass der Königssee wochenends zur „Geisterstadt“ werden könnte. Natürlich würden auf lange Sicht die meisten Geschäfte schließen müssen, so die einhellige Meinung. Helmut Hartmann aus der Nähe von Bochum findet das aktuelle Ladenschlussgesetz nicht mehr zeitgemäß. Drei Wochen lang macht er in der Gegend Urlaub. „Wir wollten Wanderstöcke kaufen und jetzt hat das Sportgeschäft hier zu“. Die Sonntagsruhe als Argument der Schließung? „So ein Quatsch. Nicht in einem Tourismusort. Das ist eine veraltete Denkweise“. Tanja Ull arbeitet selbst am Königssee. Sie weiß, dass die Sommermonate die wichtigsten des Jahres sind.

Herbst und Winter wird es am Königssee ruhig, dann muss sie in der Regel stempeln gehen. Und die Situation könnte sich nun, angesichts der Sonntagsschließungen, zusätzlich verschärfen. Die Sarg-Aktion hält sie für passend. Zumal sie die Gedanken an die Zukunft quälen. Dass es bald ein paar weitere Arbeitslose am Königssee geben könnte, hält sie für wahrscheinlich: „Ich verstehe die Geschäftsleute, dass sie unter diesen Bedingungen nicht alle Angestellten weiterbeschäftigen können“.

kp

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