Skilift-Bau am Jenner: Was läuft hier alles schief?

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Am Jenner oberbalb Schönau am Königssee finden derzeit massive Rodungen statt. 

Schönau am Königssee - Drei heimische Naturschutzverbände äußern jetzt harsche Kritik an den Baumaßnahmen für eine neue Skilift-Trasse am Jenner. Womöglich zu spät.

Nun kreischen am Jenner also die Kettensägen und über vier Hektar Bergwald, darunter auch Schutzwald, fallen einem multifunktionalen DSV-Trainingszentrum für Alpinsport, Boarder- und Skicrossstrecken, einer Buckelpiste sowie einer neuen Trasse für einen Vierer-Sessellift (1.800 Personen/Stunde) zum Opfer.

Die Naturschutzverbände, allen voran der Bund Naturschutz, der Landesbund für Vogelschutz und der Verein zum Schutz der Bergwelt zeigen sich mehr als betroffen. Vor allem, weil sie bei der Planung dieser einschneidenden Veränderungen nicht berücksichtigt wurden. Öffentlich wurde das Vorhaben durch eine Meldung im Amtsblatt Nummer 34 vom 21. August 2012, in dem die Gemeinde Schönau am Königssee den „Vollzug der Wassergesetze / Neu-Bau einer Vierer-Sesselbahn am Jenner“ meldet.

Wurde versucht, Widerständen aus dem Weg zu gehen?

Schon bei dieser Überschrift erhebt sich die Frage, was Wassergesetze mit dem Neubau einer Bergbahn zu tun haben. Im Text wird schließlich etwas deutlicher, dass die vorhandene Beschneiungsanlage erweitert (Wassergesetz) und für den alten Krautkaser-Schlepplift eine komplett neue Sesselbahn gebaut werden soll. Bei wasserrechtlichen Fragen müssen die Behörden die Naturschutzverbände seit den Verwaltungsvereinfachungen der letzten Jahre nicht mehr beteiligen, wohl aber beim Bau einer neuen Liftanlage. Wurde schon hier versucht, zu erwartende Widerstände zu verhindern, in dem man zwei völlig verschiedene Projekte zusammenfasst?

Die Naturschutzverbände brachten auch ohne Aufforderung der Behörden ihre Bedenken vor und wurden zu einer Anhörung am Landratsamt Berchtesgadener Land Mitte November 2012 eingeladen. Dabei wurde eingeräumt, dass die Nichtbeteiligung der Naturschutzverbände am Planfeststellungsverfahren einen Verfahrensfehler darstellt. Pläne, Gutachten und sonstige Unterlagen wurden ausgehändigt und vereinbart, dass die Verbände bis 7. Dezember 2012 ihre Stellungnahmen nachreichen können.

Greifen die Vorschriften nicht?

Nun gibt es ein Bayerisches Waldgesetz, die Wälder am Jenner haben demnach eine besondere Bedeutung für den Boden-, Wasser- und Lawinenschutz. Es gibt das Bayerische Eisenbahn- und Seilbahngesetz, nachdem für neue Seilbahnen - solche sollen erst gar nicht mehr gebaut werden - ab einer bestimmten Länge und Personenbeförderungskapazität eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorgeschrieben ist. Doch am Jenner sehen die Behörden alles als „Erweiterung“ und „Ertüchtigung“ des Skigebietes an, und damit greifen die Vorschriften der genannten Gesetze offenbar nicht.

Ob es sich beim geplanten Sessellift auf völlig neuer Trasse und der doppelten Länge des vorhandenen Schleppliftes um einen Ersatz für diesen handelt, sei dem Urteil des Lesers überlassen. Nachdem die Naturschutzverbände fristgerecht ihre Stellungnahmen abgaben, erfolgte bereits eine Woche (!) später die Baugenehmigung für den Sessellift - wenige Tage vor Weihnachten, eine für Behörden ungewöhnlich schnelle Bearbeitungszeit. Berücksichtigt wurden die Einwände nicht.

Auerhuhn-Erhaltungszustand nicht gut

Neben den umfangreichen Waldrodungen sind es vor allem die Geländeveränderungen unterhalb der Gotzentalstraße, die aus naturschutzfachlicher Sicht verheerend und unnütz sind. So kam der Gutachter des Antragstellers in der Speziellen Artenschutzrechtlichen Prüfung (SAP) zum Ergebnis, dass der lokale Erhaltungszustand des Auerhuhns (streng geschützt) mittel bis schlecht ist.

Auswirkungen auf den Umfang der Bau- und Rodungsmaßnahmen hat das für die Planer und Antragsteller aber nicht. Lapidar heißt es: „Eine erhebliche Störung betroffener Individuen oder ein negativer Einfluss auf den Erhaltungszustand der lokalen Population ist daher nicht zu vermeiden.“ Dabei handelt es sich hier um eine streng geschützte Art nach §44 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG), ein Fakt, der dem ausführenden Landschaftsplaner genauso bekannt sein musste wie der Unteren Naturschutzbehörde beim Landratsamt.

Staatsforst hätte einschreiten können

Ist der lokale Erhaltungszustand mittel bis schlecht, besteht nach BNatSchG ein Störungsverbot, das heißt, die überzogenen Rodungen hätten nie genehmigt werden dürfen. Fast alle betroffenen Grundstücke befinden sich im Besitz des Staatsforstes, er hätte hier also wirksam einschreiten können.

An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass bei der Durchsetzung und Beurteilung von Naturschutzmaßnahmen die Verbände ehrenamtlich tätig sind, die Unterlagen der gut bezahlten Planungsbüros aber immer umfangreicher werden. Eine besondere Schikane ist es dann, wenn die ehrenamtlich Tätigen den Stapel der Unterlagen in den Ämtern während der Öffnungszeiten studieren sollen.

Es wäre naturschonender gegangen

Den Naturschutzverbänden geht es nicht generell gegen die Errichtung des Trainingszentrums oder eine Modernisierung vorhandener Anlagen. Aber diese könnten wesentlich wald- und naturschonender gebaut werden. Die Talstation des Sessellifts wäre am unteren Ende der Krautkaserwiese zu bauen und nicht unterhalb des alten Beschneiungsteiches. Damit entfiele auch die zusätzliche Querung der Gotzentalstraße.

Die Sesselbahn wäre auf der Spur des alten Schleppliftes zu führen, die Bergstation am Ziehweg, der von der Mitterkaseralm herunterführt. Damit würde der Lift mindestens Zweidrittel der geplanten Länge erreichen und es könnte auf die Rodungen für die Pistenverlängerung bis zur neuen Talstation und die neue Liftschneise verzichtet werden.

Bäume hätten erhalten werden können

Zu hinterfragen ist auch die Kapazität von 1.800 Personen pro Stunde, die entsprechend große Flächen an Berg- und Talstation erfordert. Auch die massive Mauer (bis 2,50 Meter), die von der Bergstation bis zum Spinnerkaser gebaut werden soll, müsste so nicht sein. Ebenso ließe sich die Bordercross-Trainingsstrecke wesentlich höher am Krautkaserhang bauen - damit bräuchten keine weiteren Bäume unterhalb der Gotzentalstraße gefällt werden.

Statt zu kooperieren, wurden die Naturschutzverbände – ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt - übergangen. Gegenseitiges Vertrauen wird damit sicherlich nicht aufgebaut.

Die meisten Touristen besuchen den Jenner in den Sommermonaten, und da muss man den Tourismusexperten die Frage stellen, ob sie diese Tatsache bei ihren Planungen für Masten und Mauern auch bedenken, ganz zu schweigen vom Klimawandel.

Pressemeldung Bund Naturschutz, Kreisgruppe BGL (BN), Rita Poser; Landesbund für Vogelschutz, Kreisgruppe BGL (LBV), Wolfgang Bittner; Verein zum Schutz der Bergwelt (VzSB), Dr. Wolf Guglhör

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