Notrufe nehmen zu, Uneinsichtigkeit steigt

Wasserretter erzählen von ihrem Alltag am Königssee: „Heuer muss man sich oft zusammenreißen“

Martin Planegger, Franz Kurz, Wasserwacht Berchtesgaden
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Martin Planegger (l.) und Franz Kurz (r.) machen ihre ehrenamtliche Arbeit gern.

Schönau am Königssee - Die Wasserwacht Berchtesgaden ist gut 100 Mal im Jahr im Einsatz. Heuer verzeichnet sie bereits 76 Einsätze und erlebt dabei nicht immer Positives. BGLand24.de hat sich mit den ehrenamtlichen Rettern am Königssee getroffen.

Die Sonne strahlt vom Himmel, die Temperaturen klettern langsam über die 20 Grad und die Seelände am Königssee ist am Mittwochvormittag (26. August) um 10 Uhr bereits gut gefüllt. Zahlreiche Touristen warten darauf, mit dem Boot über den Königssee zu fahren, das berühmte Echo zu hören und die Wallfahrtskirche St. Bartholomä zu besichtigen. Viele stehen auch noch um Karten an.


Am Rande des Geschehens warten zwei ehrenamtliche Mitarbeiter der Wasserwacht Berchtesgaden auf uns, für sie ist dieser Anblick mittlerweile alltäglich. „Es ist wahnsinnig überlaufen zur Zeit“, bestätigt Franz Kurz. Er ist Einsatzleiter Wasserrettung bei der Wasserwacht und war unter anderem vor einer Woche der Einsatzleiter, der abends eine Familie mit einem vierjährigen Kind von St. Bartholomä abholen durfte.

Die Familie hatte einen Notruf abgesetzt, nachdem sie das letzte Schiff verpasst hatte. Zuvor war sie mit Sandalen und Kunststoff-Pantoffeln von der Archenkanzel über den Rinnkendlsteig abgestiegen. „Die Familie hatte zuerst beim Fischer nach einer Mitfahrgelegenheit gefragt“, berichtet Kurz. „Da das nicht möglich war, wollte sie im Freien übernachten.“


Wasserwacht Berchtesgaden: Wenn Einsätze gezahlt werden müssen, sinkt Einsicht

Da sowohl das Campieren im Nationalpark nicht erlaubt ist und die Familie ohne entsprechende Ausrüstung unterwegs war, kontaktierte der Fischer die Wasserwacht. „Ich habe mit der Frau gesprochen, als ich gesagt habe, dass unser Einsatz bezahlt werden muss, hat sie aufgelegt.“

Als erfahrener Wasserretter kontaktierte der fast 67-Jährige vorsorglich die Polizei. Auch der Fischer ging auf Nummer sicher und informierte die Beamten, bevor die Familie dann um 19.45 Uhr tatsächlich einen Notruf absetzte. Kurz setzte mit seinem Boot nach St. Bartholomä über und wurde nicht mit offenen Armen empfangen.

Ein Blick in das Einsatzfahrzeug

„Ein erstes Gespräch brach die Frau ab, letztlich stand sie mit in die Hüften gestützten Armen da und fragte mich, ob ich sie jetzt mitnehme. Meine Antwort war: ‚Wenn Sie zahlen, ja.‘“ Franz Kurz muss sich über die Reaktionen derer, die einen Notruf abgesetzt haben, immer öfter wundern. „Wenn es wirklich ein Notfall ist, übernimmt die Kosten die Krankenkasse. Für alle anderen Fälle haben wir mittlerweile ein Kartenlesegerät auf unserem Boot.“

Wasserwacht Berchtesgaden ist stolz auf „fahrenden Sanitätswagen“

Wie hoch die Kosten genau sind, will weder Kurz noch der technische Leiter der Wasserwacht Berchtesgaden, Martin Planegger, verraten. „Wir wollen nicht, dass es zur Mode wird, die Wasserwacht zu rufen.“ Für Notfälle sind sie am Königssee bestens ausgerüstet. Gemeinsam zeigen uns Martin und Franz das eigens für die Wasserwacht Berchtesgaden konstruierte Boot. „Es ist ein fahrender Sanitätswagen“, sind sie stolz.

„Wir wollten unbedingt eine große Kabine haben, damit unsere Patienten geschützt sind“, erzählen sie. „Auf die freie Fläche vor der Kabine passt genau das Quad der Bergwacht.“ Auch das ist für die Rettungsorganisationen wichtig. Bei einem Einsatz können die ersten Retter gemeinsam starten.

Dort wo Franz Kurz (l.) und Martin Planegger (r.) stehen hat genau das Quad der Bergwacht Platz.

„Fünf bis zehn Einsätze haben wir im Herbst sicher noch mit der Bergwacht“, prognostiziert Planegger. Er durfte sich Ende Juli bereits eine Nacht mit den ebenfalls ehrenamtlichen Rettern der Bergwacht und die Ohren schlagen, als sich zwei Urlauber als Rheinland-Pfalz barfuß am Königssee-Ostufer verstiegen. Auf dem Rückweg entdeckten sie Lichtzeichen und nahmen zwei Radfahrer auf, die über den verfallenen Ostufer-Steig zur Seelände zurückwollten.

Bei Wasserwacht-Einsätzen auf dem Königssee: Ohne Notruf keine Rechnung

„Die Radfahrer haben dann gleich nachgefragt, ob sie das jetzt zahlen müssen, da sie uns ja nicht gerufen haben.“ Martin Planegger weiß aber, dass es für die Räder kein Durchkommen gegeben hätte und die Wasserwacht die Radfahrer zu einem späteren Zeitpunkt sicher holen hätte müssen. „Fakt ist aber, dass wir ohne Notruf keine Rechnung stellen dürfen“, schränkt Franz Kurz ein.

Für die Retter ist es wichtig, zu betonen, dass es nur ein kleiner Teil ist, der uneinsichtig ist. Dennoch häufen sich die Ärgernisse heuer. Zweimal musste schon die Polizei informiert werden und auch Planegger bestätigt: „Heuer muss man sich oft zusammenreißen.“

Das bestätigt auch Franz Kurz: „Ich habe in meiner langen Zeit bei der Wasserwacht bisher nie die Beherrschung verloren, aber als wir der Familie mit dem vierjährigen Kind geholt haben, war es kurz davor.“ Nicht nur, dass es unverantwortlich gewesen sei, den Rinnkendlsteig mit Sandalen und Kunststoff-Pantoffeln zu gehen, die Familie wollte ihre Notlage wohl auch nicht ganz akzeptieren.

Wasserwacht Berchtesgaden hilft in speziellen Momenten

„Der Mann hat sich zwischen den Zeilen gewissermaßen entschuldigt und unseren Einsatz bezahlt“, zeigt sich Kurz versöhnlich. Denn auch er weiß, dass Einsätze oft tragisch enden können. „Wir mussten einmal ein Kind retten, das in die Wimbachklamm gestürzt war. Es wurde zwar vor Ort widerbelebt, doch nach einem Jahr erhielt ich Post, dass das Kind gestorben war.“

Diese Einsätze begleiten die ehrenamtlichen Retter sehr lange. Deshalb ist es ihnen auch wichtig, Angehörigen die Möglichkeit zu geben, an den Ort des Unfalls zu kommen. „Die Angehörigen der beiden Männer, die vergangenes Jahr in den Gumpen des Königsbach-Wasserfalls ertrunken sind, wollten diesen Ort einmal sehen.“ Zusammen mit dem Kriseninterventionsdienst brachte sie die Wasserwacht dorthin.

„Ich verstehe, dass man in einem solchen Moment nicht mit einem vollbesetzten Ausflugsschiff fahren will“, erklärt Planegger die Intention der Wasserwacht. Denn auch solche Fahrten finden ehrenamtlich und oft während der regulären Arbeitszeit der Retter statt. „Es wissen viele nicht, dass wir ausschließlich ehrenamtlich tätig sind“, bestätigen die beiden Wasserwachtler.

Klarer Appell an die Ausflügler rund um den Königssee

Für sie spielt es aber keine Rolle, ob sie für den Aufwand bezahlt werden oder nicht, sie machen es, um Menschen zu helfen. Deshalb richten sie bei strahlend schönem Wetter einen klaren Appell an die Urlauber, die mittlerweile die komplette Seestraße anstehen, um ein Ticket für die Schifffahrt zu erhalten.

„Bitte unternehmt eure Ausflüge und Touren mit der richtigen Ausrüstung, schaut auf die Natur und nehmt euren Müll wieder mit heim. Außerdem gibt es Regeln im Nationalpark, die beachtet werden müssen.“ Nur so könne ein gutes Miteinander funktionieren und wenn ihre Hilfe gebraucht werde, ist die Wasserwacht natürlich da.

Wir bedanken uns bei Martin und Franz und hoffen, dass die Einsätze der Wasserwacht ein bisschen weniger, die Wanderer und Ausflügler ein bisschen einsichtiger und das Miteinander wieder ein bisschen schöner wird.

cz

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