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„Wir basteln, die anderen entwickeln“

Rupert Staudinger und seine außergewöhnliche Reise als Rodel-„Exot“: Peking 2022 ist das großes Ziel

Michael Berger (im Hintergrund) aus Laufen betreut seinen Schützling Rupi Staudinger
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Michael Berger (im Hintergrund) aus Laufen betreut seinen Schützling stets in der Start-Rennvorbereitung – hier bei einem Nationencup am Königssee. Dadurch kann er Rupi Staudinger weder live an der Bahn beobachten noch im Ziel helfen.

Er hat nicht ansatzweise jene Unterstützung, die das deutsche Team erfährt, nicht das beste Material. Im Grunde bei weitem nicht jene Möglichkeiten, die den Spitzen-Mannschaften zur Verfügung stehen – und den diese natürlich auch genießen. Zusammen mit seinem Coach Michi Berger aus Laufen macht Rennrodler Rupert Staudinger alles selbst: Das geht beim Buchen von Flügen und Unterkünften los und endet bei einheitlicher Team-Kleidung und somit einem professionellen Auftreten.

Schönau am Königssee - Trotzdem kämpfen die beiden unermüdlich und erreichen dabei eine immense Freude an der Sache. Denn Rupert Staudinger kann nur gewinnen: „Von mir erwartet niemand etwas“. Rast der Schönauer im Weltcup auf Rang 15, erntet er viel Respekt und Anerkennung seitens der Großen. „Uns belächelt schon lange niemand mehr. Weil die wissen, was wir hier machen“, weiß Ex-Rodler Michael Berger, einst Zimmerkollege von Schorsch Hackl.

Als Kanada-Coach hat er selbst, wie er ehrlich zugibt, etwas überheblich auf Rodel-Nationen wie Großbritannien „runtergeschaut“. Heute weiß er: Das wird diesen Leuten, die ein unbeschreibliches Herzblut an den Tag legen, nicht gerecht.“

Obwohl Rupert Staudinger in Schönau am Königssee aufgewachsen ist und nach wie vor lebt – also mitten in einem Rodel-Kern-Gebiet – ist er ein „Exot“ dieses Sports. Das ergab sich, weil er nach einem Sturz bei der Junioren-WM 2015 in Lillehammer mit Doppelpartner Marcel Engljähringer in der letzten Kurve zwar noch, aber eben auch „nur“ Neunter wurde.

Nach zwei Jahren im deutschen C-Kader musste er eine Entscheidung fällen: Sie fiel dergestalt, für sein zweites Mutterland Großbritannien – Mama Rebecca ist Engländerin – zu starten. Staudinger besitzt beide Staatsbürgerschaften. „Das hatte durchaus seinen Reiz“. Im GBR-Team sah der damals erst 17-Jährige bessere Chancen, den Sport weiter ausüben zu können, als im deutschen.

Auf der Insel zählt jedoch zuallererst der Fußball, danach kommt lange nichts. Würden Staudinger/Berger nur 0,001 Prozent jener Milliarden, die in England ins runde Leder gesteckt werden, erhalten, könnten sie „leben wie Gott in Frankreich“, lacht sein Trainer und im Grunde „Mädchen für alles“. Leider besitzt der Kunsteisbahn-Sport bei den Briten so gar keine Lobby, wovon sich das kleine heimische Team jedoch nicht beirren lässt. Die Leidenschaft lebt. Vor allem im Hinblick auf Olympia 2022 in Peking, das nächste große Ziel.

„Allein dort dabei zu sein, ist eine Schau“, strahlen Staudingers Augen schlagartig, wenn er nur daran denkt. Nach Pyeongchang 2018 und Platz 33 im Herren-Einsitzer hätte er sich „regionalere“ Spiele in Europa, nicht erneut in Asien gewünscht. Oder zumindest in Nord-Amerika. Er nimmt aber auch Fernost mit einer stoischen Gelassenheit hin: „Ich kann‘s sowieso nicht ändern.“ Über entsprechende Weltcup-Platzierungen muss er sich bis 10. Januar für die Spiele qualifizieren, aber „das sollte kein Problem werden“.

Eine finanzielle Unterstützung seitens des Verbandes ist quasi nicht vorhanden: „Wir zahlen fast alles selbst, kümmern uns darum, dass Geld reinkommt, es geht permanent um Low-Budget-Lösungen“, sagt Trainer Berger. „Wir basteln, die anderen entwickeln“, ergänzt Staudinger. Mit seinem Trainer bildet er ein Team nahe eines Vater-Sohn-Verhältnisses, begleitet von einer „extrem guten Stimmung“. Mama Rebacca hilft, wo sie kann, organisatorisch. Als Athlet kommt jetzt noch Luke Farrar dazu, vor kurzem 25 Jahre geworden.

Rupert Staudinger (rechts) und Michael Berger schlagen sich trotz erheblicher Nachteile wacker durch all die Rennrodel-Winter – Olympia 2022 ist das nächste große Ziel.

„König der Exoten“

Bei allem Ehrgeiz für gute Platzierungen – Rupert Staudinger muss sich stets über den Nationencup für die einzelnen Weltcup-Bewerbe qualifizieren – übt er den Sport aus purer Leidenschaft aus. Damit lebt er wie kaum ein Zweiter den aufrichtigen olympischen Gedanken: „Wir haben lediglich organisatorischen Druck, weil wir uns um wirklich alles selbst kümmern müssen. Die Athleten der großen Nationen müssen sich erstmal intern beweisen, haben den sportlichen Druck.“

Staudinger ist darauf nicht neidisch und gönnt allen ihre Erfolge, gerade den Landsleuten. Und dennoch: Als er sich mit John-Paul Kibble, der keine drei Wochen Rodelerfahrung mitbrachte, kurzentschlossen nochmal wie zu Anfangszeiten auf einen Doppelschlitten begab, bei der WM 2019 in Winterberg, wurde er als „Obermann“ – in der Jugend war er „Untermann“ – am Ende 18. und somit nicht Letzter. „Er ist der König der Exoten“, schmunzelt Coach Berger.

Rupert Staudinger bewahrt sich seine lockere Art. Denn das Kunsteisbahn-Rennrodeln, so gern er es betreibt, dient aktuell „lediglich“ als Anwendung der Theorie. „Der Sport als Praxis-Ergänzung zum Studium“, sagt er. Gleichwohl bereitet er sich bereits intensiv auf die Zeit nach der aktiven Karriere vor. „Rodeln ist nicht alles. Ich werde das nicht ewig machen.“ Er studiert in Salzburg Sportwissenschaft, die ihn irgendwann in alle möglichen Bereiche bringen kann.

In einem Biomechanik-Labor arbeitet der 24-Jährige bereits als Studienassistent. Coach Berger hat bereits genaue Vorstellungen für die Zukunft seines Schützlings, wenngleich der noch locker und gut zehn Jahre rodeln kann: „Der Rupi wäre ein idealer Trainer, weil er alle dazu nötigen Voraussetzungen mitbringt. Erfahrung auf allen Bahnen, ein außergewöhnlicher Charakter, er spricht perfekt zwei Sprachen. Außerdem ist er ein so lieber und sympathischer Kerl, der bestens mit Menschen kann und sicher überall hervorragend ankommen würde. Das macht er ja schon jetzt.“

Staudingers stets offene, fröhliche und lebensbejahende Art sorgt immer wieder dafür, dass ihm die großen Nationen helfen, wenn es irgendwo hakt oder er Tipps und Ratschläge benötigt. Vor allem zur früheren Schulkollegin Anna Berreiter und dem Super-Doppel Tobi Wendl/Tobi Arlt pflegt er einen gewinnbringenden Kontakt und Austausch.

Olympia schwierig

Olympia in Fernost bedeutet für das Duo Staudinger/Berger einen enormen, kaum leistbaren Aufwand: Die Fliegerei, die Unterkunft, die Einkleidung, die Transporte zwischen Hotel und Bahn, das Training, die ganze Betreuung, letztlich die Finanzierung. Diese Strapazen kosten das britische Team bereits im Vorfeld derart Kraft und Energie, dass sie natürlich völlig anders an den Start gehen als beispielsweise die Kollegen aus dem nahen Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD).

Am Ende leisten sie sogar – aufgrund der zusätzlichen, erheblichen Nachteile, beispielsweise in Sachen Material oder Trainingsmöglichkeiten – keineswegs weniger als die Top-Nationen. Rupert Staudinger freut sich, wenn er sich für ein Weltcup-Rennen qualifiziert oder in Whistler fast die Rekordmarke von 140 km/h erreicht, genauso wie ein Felix Loch, wenn der ein Rennen gewinnt.

Michael Berger kam über das Coaching des extravaganten, sechsmaligen (!) Olympia-Teilnehmers Shiva Keshavan aus Indien ins Trainer-Team Kanadas. Es folgte der Cheftrainerposten bei den Briten. „Ein großer Titel“, lacht der Laufner, der als Vertreter für Fertig-Garagen einem ganz normalen Beruf nachgeht und seinen Urlaub regelmäßig für den Rodelsport opfert. „Ich habe ja keinen Assistenten oder sonstige Hilfe“, zuckt er mit den Schultern. Wenn er arbeiten muss, ist sein Schützling schon mal bei den Kanadiern mit dabei.

„Platz 20 wär super, in Peking“, träumt Rupert Staudinger davon, seinen Pyeongchang-Rang von 2018 zumindest um 13 Positionen zu verbessern. Weil er weiß, dass das – selbst wenn es für ihn bei allem Ehrgeiz nicht vorrangig um Platzierungen geht – so oder so schwierig wird, setzt er sich kein festes Ergebnis-Ziel: „Ich bin zufrieden, wenn ich drei solide Läufe runterbringe und mich damit für den Finallauf qualifiziere“. Damit wäre ihm zumindest der 25. Platz schon mal sicher.

bit

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