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Kawumm am Königssee

3800-Tonnen-Felsbrocken setzt sich in Bewegung – und wird gesprengt

Sprengmeister Gerald Ragginger (links) und Robert Achatz.
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Sprengmeister Gerald Ragginger Robert Achatz.JPG

Nur die Drohne war bei der massiven Detonation hautnah dabei. Auf den Bildern sieht man, wie es die schützenden Sprengmatten hebt, Gestein splittert und der Schock durch den Fels fährt. Am Königssee ist bei einem 3800-Tonnen-Brocken Gefahr im Verzug, bei dem Geologen Bewegung festgestellt hatten. Sprengmeister aus Österreich sind angerückt, um ihn Stück für Stück abzutragen. Mit Überraschungen.

Schönau am Königssee – Der Findling ist ein gewaltiger Felsblock. Er liegt am Rand eines Waldes der Bayerischen Staatsforsten. Zehn auf zwölf Meter misst das Trumm, unter dem ein kleines Bächlein im sogenannten Pletzgraben hindurchfließt. Während des regenreichen Unwetters im vorvergangenen Juli hat das Wasser Vorarbeit geleistet, der Koloss ist unterspült worden und nun in Bewegung, wie Geologen festgestellt haben. „Er muss weg“, sagt Gerald Ragginger, Sprengunternehmer aus dem österreichischen Wals-Siezenheim.

Größerer Brocken könnte sich jederzeit lösen

Kleine Felsspione, die am Findling angebracht sind, helfen seit langem bei der Überwachung des erratischen Blocks. Der Standort liegt hinter zwei großen Häusern, die mittlerweile leer stehen. Eine Minute Fußmarsch ist es von hier bis zum Königssee. „Es herrscht Gefahr in Verzug“, sagt Gerald Ragginger. Dessen Geschäft ist ein hochexplosives. „Wir sprengen überall, wo Fels oder Bebauung wegmuss“, so der Sprengmeister, der mit seinem Kollegen Robert Achatz angerückt ist. Der Findling muss weg: Es haben sich viele kleine Spalten gebildet, in die Wasser unentwegt eindringt. Im Winter gefriert es. „Wasser und Frost haben ganze Arbeit geleistet“, sagt Achatz. Ein größerer Brocken könnte sich jederzeit herauslösen

Vier bis fünf pro Tag: 50 Einzelsprengungen geplant

Gemeinsam mit Baggerfahrer Andreas Pfnür vom Fuhr- und Baggerunternehmen Heitauer bereiten die beiden Sprengmeister die Baustelle in unwegsamem, matschigen Waldgelände vor. Aus dem Waldboden ragt der Fels wie ein Fremdkörper. „Wir können nur Stück für Stück abtragen“, weiß Gerald Ragginger. Vier bis fünf Sprengungen pro Tag sind angedacht. Rund 50 Einzelsprengungen werden es voraussichtlich werden, bis der tausende Tonnen schwere Körper entfernt ist. „Schonende Auflockerungssprengungen“, nennt er das. Mit 1200 Kubikmeter Volumen ist das Teil alles andere als klein, zumal der Findling mitten im Ort liegt. Allein für den Abtransport werden voraussichtlich 225 Lkw gebraucht, „Vierachser“, betont Ragginger. „Wir müssen vorsichtig vorgehen“, sagt der Spengbefugte. Sprengungen sind gefährlich. Bei einem Fehler könnte ein hunderte Tonnen schweres Teil abstürzen, in Richtung Seelände.

Mit langem Bohrgerät werden Löcher in den Felskörper gebohrt, „wir tragen ihn von oben nach unten ab“, lautet das Vorhaben der Experten. 70 Zentimeter tief wird der Bohrkopf in das Gestein getrieben. Die Löcher werden wiederum mit Emulsionssprengstoff befüllt, an Metzgerwürste erinnernde rot-weiße Stangen mit fünf Zentimetern Durchmesser. Der gewerbliche Sprengstoff lagert in großer Menge in einer Art geschützten Tresors im Wald, und wird zum Abtragen von Gestein in großem Maßstab verwendet. 

Ein Kilo Sprengstoff pro Loch

„Pro Loch brauchen wir rund ein Kilogramm“, sagt Robert Achatz. Die Bohrlöcher sind mit Zündzeitstufen versehen. Aus den Löchern führen Sprengschnüre heraus. „Jedes Loch sprengt mit 25 bis 50 Millisekunden Verzögerung“, weiß Gerald Ragginger. „Am Ende erinnert eine Sprengung an eine Wellenbewegung im Stein.“   

„Das ist jetzt ganz schlecht“

Baggerfahrer Andreas Pfnür schaufelt Erdmaterial über die Bohrlöcher, darüber kommen tonnenschwere Sprengmatten aus Gummi, buchdick. Mit der Baggerschaufel werden die Matten an den Fels und über die Löcher gezogen. Sie sollen bei der Detonation die Umgebung vor herumfliegenden Teilen schützen. Eins der Seile, an dem die Matte hängt, reißt. „Das ist jetzt ganz schlecht“, sagt Ragginger. Doch unter Sprengexperten weiß man sich zu helfen. Schließlich findet die Matte den richtigen Platz.

Erst Signalhupe – und dann knallts

Rund um den Findling ist die gesamte Gegend abgesperrt worden. Hinweisschilder weisen Königssee-Spaziergänger auf „Sprengarbeiten“ hin: „Lebensgefahr“ heißt es auf den gelb-roten Plakaten, die in mehreren hundert Metern Entfernung postiert sind.

Die Sprengung ist erfolgt, der Fels gelöst.

Per Signalhupe macht Robert Achatz darauf aufmerksam, dass es gleich knallen wird. Den zweiten Signalton sendet er in jede Himmelsrichtung. Ein kurzer Dreh an der Zündtrommel, dann kracht es im Wald. Ein fahrzeuggroßer Feldblock hat sich aus dem Findling gelöst. Die Sprengmeister sind bei der Begutachtung zufrieden

Im Fels sitzt der Sprengschock

Doch im Fels sitzt noch der Sprengschock: Von oben herab regnet es nun Ministeinchen. „Da kommt noch was“, ruft Ragginger. Die Beteiligten sprinten in Richtung Wald. Das Mittelteil des Felses bewegt sich, kippt nach vorn und stürzt in den darunter liegenden Graben. „Das Wichtigste ist, dass nichts passiert“, sagt der Sprengmeister ein paar Schrecksekunden später. Durch den unverhofften Felssturz haben sich einige Sprengungen erübrigt. In wenigen Wochen wird von den Überresten des Findlings am Königssee nichts mehr zu sehen sein, ist sich Ragginger sicher.

kp

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