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Ein Besuch am Campingplatz Mühlleiten

Nachfrage nach Übernachtungsmöglichkeiten unweit des Königssees so groß wie selten

Campingplatz Mühlleiten
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Ein Teil des Campingplatzes Mühlleiten: In der Hochsaison ist jede Menge los.

Das Telefon klingelt bei Richard Lenz unentwegt. Alle wollen einen Übernachtungsplatz unweit des Königssees. Denn Campieren und Zelten liegt spätestens seit Corona im Trend, sagt Lenz, Betreiber des Campingplatzes Mühlleiten und zweiter Bürgermeister von Schönau am Königssee.

Schönau am Königssee – Gut gelaunt empfängt Richard Lenz am Kiosk. Der Kiosk ist das Herz seines Campingplatzes, den er seit 1994 betreibt. Lenz war gerade mal 23 Jahre alt als er diesen übernahm. Der Großvater hatte den Grund Anfang der 1950er-Jahre als Ort zum Übernachten unter freiem Himmel zur Verfügung gestellt. Die meisten Menschen konnten sich keinen Hotelurlaub im Ausland leisten. Wohnwagen hatten da noch Seltenheitswert. Die Gäste kamen mit VW Käfern, auf Motorrädern und übernachteten im Zelt. Das Bild heute hat sich gewandelt. 

Rund 100 Übernachtungsplätze gibt es auf Richard Lenz’ beschaulichem Campingplatz, der mit dem Auto keine drei Minuten vom Königssee entfernt liegt. „Wir sind ein relativ kleiner“, sagt Lenz. Er führt ihn gemeinsam mit seiner Frau, die fast täglich im Kiosk steht, Semmeln schmiert, die „gute Seele des Hauses“ ist. Zudem beschäftigt Lenz mehrere Aushilfen und Reinigungskräfte. Wer neu anreist, muss unweigerlich den Kiosk betreten. Dort findet nicht nur die Anmeldung statt. Hier gibt es auch Kaffee, Getränke, Pizza, Käse, Wurst – alles für den täglichen Bedarf. Wer allgemeine Fragen hat, kommt hier auch vorbei. 

„Hier herrscht ein kuscheliges Flair“

Hans und Helga Solleder stammen aus dem Raum Stuttgart. Seit 35 Jahren besuchen sie Berchtesgaden, mittlerweile zwei- bis dreimal pro Jahr. 1985 hat sich die Familie das erste Wohnmobil angeschafft. „Wir haben jetzt viel Zeit“, sagt Hans Solleder mit einem Grinsen. Das Wohnmobil des 77-Jährigen steht auf einem Platz an der „Watzmannstraße“. Der Rentner sitzt in seinem Campingstuhl, sagt: „Hier herrscht ein kuscheliges Flair.“ Ehefrau Helga ist noch im Schlafanzug. Nichts Ungewöhnliches unter Campern. Vom Wohnmobil aus erkennt man die wolkenverhangenen Spitzen des weithin bekannten Watzmanns besonders gut.

Lenz will mit der Zeit gehen

Parallel dazu verlaufen Jenner- und Grünsteinstraße. Richard Lenz hat den Straßen ihre Namen verliehen. Entlang der asphaltierten Wege befinden sich jene Parzellen, auf denen Wohnmobil-Enthusiasten ihr Gefährt abstellen können. „Wir nehmen alle, die übernachten wollen“, sagt Richard Lenz: Pavillons stehen neben riesigen Hauszelten, es gibt einige Plätze für extra große Reisemobile. Andere erscheinen mit Zwei-Mann-Zelten, weil diese besser ins spärliche Gepäck passen. Der Bodensee-Königssee-Radweg lässt sich damit einfacher bewerkstelligen. Kommendes Jahr plant Richard Lenz, einen „VW Bully“-Bereich anzulegen. Der VW Bully genießt unter Campern Kultstatus. Lenz will mit der Zeit gehen

Campingplatzbetreiber und zweiter Bürgermeister von Schönau am Königssee, Richard Lenz.

Eigentlich geht Lenz schon seit Jahren mit der Zeit. Er hat sein Camping-Eldorado sukzessive ausgebaut. Die WC- und Hygienebereiche sind modernisiert worden. Das Dach des Haupthauses ist mit Solarzellen belegt. Seit ein paar Jahren gibt es schnelles Internet für alle. „Einmal waren 350 Personen gleichzeitig eingeloggt“, erinnert sich Richard Lenz. Im vergangenen Jahr hat sich Lenz einen Frontlader angeschafft. „Den brauch’ ich“, sagt er. Er plant, einen Sandplatz vor den Duschen mit Platten auszulegen

Internationale Kundschaft

Hans und Helga Solleder genießen die Ruhe unweit des Königssees: „Ich kenne kein Stück Land, das so stimmig ist wie der Berchtesgadener Talkessel. Da können die Garmischer erzählen, was sie wollen“, sagt der Camping-Begeisterte. Frau Helga stimmt nickend zu und sagt: „Alles, was mein Mann sagt, kann ich unterschreiben.“ Schon früher war die Familie mit dem Camper in den Urlaub gefahren. Der 44-jährige Sohn hat inzwischen auch ein Wohnmobil in der Garage stehen.

Das Publikum auf Richard Lenz’ Camping-Platz ist international: „Belgier, Schweden, Franzosen, Spanier, Österreicher – die meisten stammen aus Deutschland“, sagt er. Als das Telefon wieder klingelt, wechselt Lenz die Sprache. „Haben Sie heute noch einen Platz frei?“, fragt der Mann am anderen Ende auf Englisch. „Tut mir leid, wir sind komplett ausgebucht“, entgegnet der Schönauer. So geht das derzeit ständig. „Wir haben Hochsaison“, sagt der zweifache Vater, eigentlich gelernter Gas- und Wasserinstallateur. Aktuell könnte Lenz jeden Platz mehrfach vermieten. 

Selbst Urlaub machen? Für den Campingplatz-Betreiber derzeit unmöglich. Vielmehr schlendert er über seinen Platz, grüßt hier, winkt da – ein kurzer Plausch mit frühstückenden Niederländern. Einer fragt, ob er mal seine Drohne fliegen lassen dürfe. Ein anderer verabschiedet sich. „Hoffentlich bis nächstes Jahr“, sagt Richard Lenz. Den Smalltalk muss man mögen. Lenz liebt die Unterhaltungen dieser Art. „Das gehört dazu. Außerdem mag ich Menschen und das Knüpfen neuer Kontakte.“ Es gibt Besucher, die als Fremde kamen und mittlerweile Freunde sind. Campen verbindet.

Deshalb gibt es auch zahlreiche Stammgäste auf dem Campingplatz Mühlleiten. Einige kommen seit Jahrzehnten. Oma und Opa, Eltern und Kinder. „Wenn man so aufwächst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, in Zukunft Camper zu bleiben“, sagt Lenz, der als zweiter Bürgermeister auch auf lokalpolitischer Ebene aktiv ist und im Kreistag sitzt.

Königssee statt Kroatien

Die, die nicht im Wohnmobil zuhause sind, wohnen im Zelt. So wie Margit und Lutz Müller aus Sachsen-Anhalt. Ihr Weg führt sie ins italienische Triest. Sechs Wochen sind sie bereits unterwegs. Ein paar Wochen wird die Radreise noch dauern. Am Ende werden es rund 1900 Kilometer sein. „Wir lassen uns Zeit und schauen uns auch mal was an“, sagt Margit Müller. Seitdem Ehemann Lutz, ehemaliger Gitarrenlehrer, in Ruhestand ist, fahren die beiden gerne mit dem Rad. Sie haben sich E-Bikes gegönnt, „dann ist der Weg nicht ganz so beschwerlich“, sagt Lutz Müller. 25 Kilogramm schwer ist jeder der beiden Rucksäcke. Das große Zelt wiegt keine vier Kilo. Wechselklamotten, Kamera, Verpflegung – da kommt einiges zusammen.

Früher waren die Müllers in Kroatien, 16 Jahre lang. „Die Entwicklung mit den Preisen war nicht schön“, sagt Margit Müller, und fasst es folgendermaßen zusammen: „Größere Teller, kleinere Portionen.“ Seitdem fährt das Ehepaar Rad. „Wir wollen noch einmal über den Königssee schippern“, sagt der Rentner. Danach soll es weitergehen. „Mal schauen, wie weit wir kommen.“

Richard Lenz telefoniert währenddessen schon wieder. Die Anfragen nehmen kein Ende. Die kommenden Monate werden arbeitsreich. „Besser so als nichts zu tun.“

kp

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