1. bgland24-de
  2. BGLand
  3. Region Berchtesgaden
  4. Schönau am Königssee

Wie Bootsbaumeister Andreas Angerer und Co. die alte „Staufen” wieder auf Vordermann bringen

Erstellt:

Von: Kilian Pfeiffer

Kommentare

Holzgerippe: Die “Staufen” ist seit 88 Jahren im Einsatz. Aktuell wird sie von Grund auf neu gebaut.
Die „Staufen” ist seit 88 Jahren im Einsatz. Aktuell wird sie von Grund auf neu gebaut. © kp

Seit mehr als 25 Jahren gab es in Deutschlands höchstgelegener Werft keine so groß angelegte Reparatur. Eigentlich ist es eine Sanierung, wirkt aber wie ein Neubau. Tausende Stunden investieren Bootsbaumeister Andreas Angerer und sein Team in die Wiederherstellung der „Staufen“, ein rund 20 Meter langes Boot, das seit 1935 Hunderttausende Passagiere über den Königssee transportiert hat. Ein handwerklicher Marathon, der das gesamte Jahr dauern könnte. 

Schönau am Königssee - Aus dem kleinen Schornstein der selbst gebauten Kiste jagt der Dampf empor. Im Inneren der Kiste befinden sich Eichenplanken. In der Dampfkiste werden die Hölzer dank hoher Temperaturen und Wasser biegsam. Gedacht sind die Eichenplanken für den Rumpf des Bootes, das zurzeit wie ein gestrandeter Wal in der Werft am Königssee liegt. Wie beim Fassbau werden die Planken in einem bestimmten Verfahren zweischichtig auf den Rumpf genagelt. Mehr als 50000 verzinkte Nägel und Kupferpendants werden von Hand ins Holz getrieben, sagt Andreas Angerer, mit Blick nach draußen, auf den winterlichen Königssee. Dort riecht man den Winter, hier drinnen steigt einem eher der Geruch von Lack und Farbe in die Nase. 

Rares Berufsbild

Andreas Angerer ist 31 Jahre alt und frisch gebackener Bootsbaumeister. Sein Meisterstück war ein Motorfundament für einen Umbau eines Segel- in ein Motorboot. Angerers Berufsbild ist rar. In Deutschlands höchstgelegener Werft gibt es neben ihm nur noch einen weiteren Bootsbaumeister. Allerdings geht dieser in einigen Jahren in den Ruhestand. Andreas Angerer soll dann übernehmen, so wie er es jetzt schon bei der groß angelegten Staufen-Reparatur macht. Das Elektroboot ist nach dem Hochstaufen benannt, einem markanten Felsmassiv zwischen Bad Reichenhall, Piding und Anger. Die Boote am Königssee tragen die Namen besonderer Orte der Region: Königssee, Bad Reichenhall, Marktschellenberg oder Jenner heißen sie. Die Namensgebung hat Tradition.  

Bootsbaumeister Andreas Angerer in “seiner” Werft am Königssee.
Bootsbaumeister Andreas Angerer in „seiner” Werft am Königssee. © kp

Familiäre Tradition

Den Bootsbaumeister hat Andreas Angerer hoch im Norden an der Ostsee gemacht, in Travemünde. Die Ausbildung zum Bootsbauer absolvierte er in Duisburg. Der gelernte Schreiner, der 2017 zur Bayerischen Seenschifffahrt kam, nutzte eine seltene Chance und schlug den Weg ein, Meister seines Fachs zu werden. Nur eine Handvoll Ausbildungseinrichtungen gibt es in Deutschland, das Berufsbild kann man durchaus als exotisch beschreiben. Andreas Angerer folgt einer gewissen familiären Tradition: Schon der Vater war Schreiner in der Werft am Königssee. Der Schwiegervater arbeitet bei der Seenschifffahrt, der Schwager ebenso. Zwei Jahre lang beförderte Angerer zunächst Besucher über den Königssee, dann begann er mit der Bootsbaulehre. 

Handwerker sind bei der Schifffahrt heiß begehrt. Vor allem im Winter, wenn am Königssee nur reduziert gefahren wird, bringen sie die Elektroboote wieder in Schuss, säubern Rümpfe, tauschen Planken aus. Meistens sind es Frostschäden, die am Boot im schlimmsten Fall zu undichten Stellen führen könnten. Der TÜV wirft regelmäßig ein Auge auf die rund 15 bis 20 Tonnen schweren Wassergefährte. Alle zwei Jahre findet eine Kontrolle im Wasser statt, alle fünf Jahre werden die Elektroboote auch an Land kontrolliert, sagt Andreas Angerer.  

Staufen in schlechtem Zustand

Der Zustand der 88 Jahre alten Staufen sei schlecht gewesen, so der gelernte Schreiner. Vor einem halben Jahrhundert fand die letzte groß angelegte Instandsetzung statt. Danach wurde immer nur flickenweise repariert. 

Ein neues Boot zu bauen, wäre wohl das einfachste gewesen. Ein Rumpf aus Stahl ist mittlerweile üblich, mit großer Wahrscheinlichkeit auch langlebiger. Allerdings: Das traditionsreiche Handwerk wird dabei weniger bedient als bei einem Boot in Holzausführung. Bei der Bayerischen Seenschifffahrt legt man Wert auf Tradition. Der gesamte Betrieb fußt darauf. Elektrisch wird hier seit über 100 Jahren gefahren. Ein Boot von Grund auf neu zu gestalten, hat auch viel mit der Weitergabe besonderer handwerklicher Kenntnisse zu tun. 

Wie ein Gerippe liegt die Staufen aufgebockt in der Werft. Die vier Tonnen schwere Bleibatterie und der Motor sind entfernt worden, so auch die elektrischen Anlagen und die Sitzbänke. Im November vergangenes Jahr wurde ausgeschlachtet und mit dem umfangreichen Umbau, der einem Neubau gleicht, begonnen. Ein Bootsbau ist ein Ewigkeitswerk, das die Werftangestellten über Monate beschäftigen wird. Durchaus möglich, dass die Staufen erst 2024, dann grundsaniert und in neuem Glanz erstrahlend, wieder zu Wasser in den Königssee gelassen wird. 

Die Rumpfarbeiten erfordern besonders viel Zeit. Wenn Andreas Angerer davon berichtet, erwähnt er eine ganze Reihe von Fachbegriffen: Den Kiel etwa, und die Verlängerung dessen zu beiden Seiten, Vor- und Achtersteven heißen die Bereiche. Mit letzterem ist auch die Antriebswelle verbunden, an der wiederum die Schiffsschraube angebracht ist. Genaues Arbeiten ist wichtig im Bootsbau. Undichte Stellen sind des Bootsbaumeisters Albtraumvorstellung.

Holz mit Bedacht gewählt

Das in einem Boot vom Königssee verwendete Holz wird je nach Einsatzgebiet mit Bedacht ausgewählt: Eiche und Douglasie für die Beplankung und für die sogenannten im Bootsbau befindlichen Stringer als Längsversteifung. Der Innenausbau des Boots findet unter anderem mit Ulme, Esche und Kiefer statt. Der Aufbau der Fahrgastboote ist teilweise aus tropischem Mahagoni, das sich als extrem widerstandsfähig erweist. Verschiedene Gewerke arbeiten gemeinsam. Die Kapitäne des Königssees sind in der Regel ausgebildete Handwerker - Maler, die lackieren, Schlosser, die die Antriebswelle einbauen, und Schreiner für den Innenausbau. Elektriker sorgen für eine funktionierende Technik an Bord. In der hauseigenen und an die Bootswerft angeschlossenen Sattlerei arbeitet man am richtigen Sitzgefühl. Die Polster in einem Königssee-Boot dienen darüber hinaus als Rettungsmittel für den Notfall. 

Andreas Angerer sagt, dass ein Holzboot großen Aufwand erfordert. Anhand eines Linienrisses und mehrerer Skizzen mit unterschiedlichen Perspektiven zeigt er eigens erstellte Pläne, nach denen das Boot schließlich gebaut wird. “Der Aufwand lohnt sich in jedem Fall”, sagt er. Das Endprodukt sei pflegeleicht und nachhaltig. 

Wenn alles gut läuft, werden der Bootsbauer und sein Team im Herbst fertig sein. Wahrscheinlicher ist es, dass die Staufen erst im kommenden Jahr wieder ins Wasser kommt. Im Jahr 2035 feiert das Elektroboot 100. Geburtstag. Altersmüde? Wohl kaum: Mindestens 50 Jahre, sagt Angerer, soll der Neubau durchhalten.  

kp

Auch interessant

Kommentare