Schlüsseldienste mit Abzock-Masche unterwegs

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Schönau/Bad Reichenhall - 414 Euro für eine Türöffnung: Wie eine Familie in Schönau am Königssee auf einen Abzocker hereinfiel:

Familie Mayer macht Urlaub in Schönau am Königssee. Dort haben sie eine Ferienwohnung gemietet, schöne Lage, bestes Wetter. Familie Mayer wandert gerne, genießt die Landschaft. Zwei Wochen Urlaub wird das Ehepaar in Schönau am Königssee verbringen.

Dann, es war der zweite Urlaubstag, ein Sonntag, geschieht das Unglück mit teuren Folgen. Die Haustür zur Ferienwohnung fällt ins Schloss, die Mayers befinden sich zu diesem Zeitpunkt vor dem Haus, der Schlüssel steckt von innen. Keine Chance, zurück in die Wohnung zu kommen. Was bleibt, ist ein Anruf beim Schlüsseldienst vor Ort. Da Sonntag ist, ist die Sorge groß, dass sie Rechnung hoch ausfallen könnte. Aber so hoch?

Der Anruf bei zwei Schlüsseldiensten vor Ort bleibt erfolglos. Niemand nimmt ab. Beim dritten Schlüsseldienst klappt es. Laut Telefonbuch sitzt dieser in der Buchenhöhe. Nur eine Mobilfunknummer ist angegeben. „Wir sind gleich da“, sagt der Mann am Telefon. Das Warten beginnt. „Fast drei Stunden später kam dann ein freundlicher Herr“, erzählt Herr Mayer. Zunächst ging es daran, Formulare auszufüllen. Aufklärungsarbeit. Der Techniker hat einen Ausweis verlangt. Eine Unterschrift forderte der Mann ebenso. Damit war der Auftrag bestätigt. „Das Vorgehen solcher Schlüsseldienste ist zwar legal“, sagt Peter Leitner, der in Bad Reichenhall und Berchtesgaden ein Ladengeschäft betreibt, Sicherheitstechnik verkauft, Schlüsseldienste anbietet. Dennoch bewege man sich in Grauzonen, sagt er, vor allem was die finanzielle Abzocke des Kunden betrifft. Peter Leitner weiß, von was er spricht.

In der Vergangenheit wurde er mehrmals mit „Bauernfängern“ dieser Art konfrontiert, hat Rechnungen gesehen, sich anhören müssen, dass „Schlüsseldienste alle zusammen Betrüger“ seien. „Bei uns kostet eine Türöffnung unter der Woche 39 Euro“, sagt Leitner. An einem Sonntag kommt noch ein Aufschlag hinzu – die Gesamtrechnung bewegt sich dann zwischen 59 und 79 Euro. Familie Mayer kann von solchen Preisen nur träumen. 159 Euro für den „fallspezifischen Einsatzwert“, so lautet die Rechnung. Dazu kommt ein Sonntagsaufschlag von 100 Prozent, 30 Euro verlangt der „Ab- & Aufschliessdienst 24 Stundenservice“, ein Subunternehmen, auf seiner Rechnung, die in Kopie vorliegt, als Fahrpauschale. Plus Mehrwertsteuer ergibt das einen Betrag von 414,12 Euro.

„Das Aufsperren hat zwei Minuten gedauert“, sagt Herr Mayer, der sich noch immer vor den Kopf gestoßen gefühlt. „Von dem Geld hätten wir eine weitere Woche in den Urlaub fahren können. Das war teures Lehrgeld“, scherzt er. Dass die Mayers einer typischen Abzockmaschinerie aufgesessen sind, zeigt sich erst bei der Recherche. Unter „A. Schaefer“ ist der Schlüsseldienst im Berchtesgadener Land bekannt, vertreten in beinahe jedem Ort. Der Eindruck täuscht. Denn dort, wo der Schlüsseldienst ansässig sein soll, in Berchtesgaden etwa in der Buchenhöhe, in Bad Reichenhall in der Frühlingsstraße, ist von „A. Schaefer“ nichts zu finden. Das Berchtesgadener Gewerbeamt bestätigt, dass der Schlüsseldienst in Berchtesgaden nicht gemeldet ist. Eine Notwendigkeit dazu bestehe aber auch nicht. In der Buchenhöhe trifft man auf ein Einfamilienhaus, dort weiß man von nichts – und auch in Reichenhall wird man als Telefonbuch-Nutzer getäuscht. Anruf beim Keller-Verlag, der das Telefonbuch Jahr für Jahr veröffentlicht. Dort zeigt man sich entsetzt, man entschuldigt sich mehrfach. Wie so etwas passieren könne, wisse man nicht. Jedoch sei man nicht verpflichtet, zu prüfen, ob der Auftraggeber, der seine Nummer in das Telefonbuch eintragen lassen möchte, die korrekte Adresse angibt. „Wir haben uns mit dem Schlüsseldienst in Verbindung gesetzt, die Zusammenarbeit wird beendet“. Bereits veröffentlichte Einträge – sowohl im Print-Buch, als auch im Online-„Telefonbuch“, würden gelöscht, so eine Verlagssprecherin.

Nachfrage beim Schlüsseldienst A. Schaefer. Ein sympathisch wirkender Herr meldet sich. Was denn eine Türöffnung koste? „Das kann ich Ihnen nicht pauschal sagen“, sagt der Gesprächspartner. Ob er denn einen Rahmen setzen könne? Auch das sei nicht möglich. Die Schlüsseltechniker müssten von Fall zu Fall entscheiden – „mit wie viel Aufwand die Öffnung verbunden ist“. Der Reporter fragt weiter. „Nerven Sie nicht“, entgegnet der Gesprächspartner. Er legt auf. Das sei die Masche, so Peter Leitner aus Bad Reichenhall. Ein Preis wird im Vorfeld nicht genannt. Ist der Schlüsseldienst einmal vor Ort, bezahlt der Kunde im Regelfall sowieso jeden Preis.

So ging es auch Familie Mayer: „Wir mussten wieder in die Wohnung. Natürlich haben wir den Betrag gleich bezahlt. Uns blieb ja nichts anderes übrig“, sagt Herr Mayer. Das Vorgehen derartiger Abzock-Schlüsseldienste scheint sich immer ähnlich abzuspielen - überall. In jedem Ort ist man mit einer eigenen Telefonnummer vertreten, Telefonumleitungen sorgen dafür, dass der Kunde in ein Call-Center verbunden wird, welches wiederum den Auftrag annimmt – und einen mobilen Dienstleister auf den Weg schickt. Der Eindruck wird vermittelt, man arbeite vom Ort aus.

Dass dem nicht so ist, dass weiß nun auch Familie Mayer, die sich ihren Urlaub aber nicht vermiesen lassen möchte. Das Einzige, was man machen könne, ist, die Öffentlichkeit zu warnen, sagen sie – und haben Recht. „Rechtlich arbeiten die Dienste wasserdicht“, sagt Experte Leitner. Jedoch mit Abzock-Preisen und einer undurchschaubaren Masche. „Wir verdauen den Vorfall noch“, sagen die beiden Urlauber.

Von einem Schlüsseldienst wollen sie die nächsten zwei Wochen nichts mehr hören.

kp

Rubriklistenbild: © dpa

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