Rettung im Reich von Maulwurf und Fledermaus

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Berchtesgaden - Die aktuell 20 aktiven Einsatzkräfte der Bergwacht Freilassing waren 2010 bei insgesamt 26 Einsätzen gefordert, doch das ist nur die halbe Wahrheit:

Ein Teil ihrer Arbeit findet mittlerweile im Verborgenen tief unter Tage, im Reich der Maulwürfe und Fledermäuse statt. Während der vergangenen Jahre haben die ehrenamtlichen Bergretter mit unzähligen Übungen und Ausbildungen die Höhlenrettungsgruppe der Bergwacht-Region Chiemgau aufgebaut. Bereitschaftsleiter Siegfried Fritsch, Ausbildungsleiter Manfred Huber, Höhlenrettungschef Peter Hogger und Kassenwart Kurt Rexer blickten auf der Jahreshauptversammlung im Rotkreuz-Haus auf die Höhepunkte des vergangenen Einsatz- und Ausbildungsjahres zurück.

26 Einsätze und 11.451 ehrenamtlich geleistete Stunden

Bereitschaftsleiter Siegfried Fritsch konnte zu Hälfte seiner Amtszeit eine durchwegs positive Bilanz ziehen: Von den aktuell 43 Mitgliedern leisten 20 regelmäßig aktiven Dienst, wobei die Bergwacht Freilassing neben der regulären Bergrettung drei zusätzliche Aufgaben erfüllt: Die Einsatzkräfte stellen die Höhlenrettungsgruppe der Bergwacht-Region Chiemgau, rücken bei Bedarf als Funk- und Kommunikationsgruppe zur Unterstützung anderer Bergwachten aus und engagieren sich im Kriseninterventionsdienst (KID) der Bergwacht. Zusammen mit der Bergwacht Bad Reichenhall waren die Freilassinger 2010 bei 13 Einsätzen im Bergrettungsdienst gefordert, zusätzlich mussten sie im Pistendienst achtmal Hilfe leisten und zu fünf KID-Einsätzen ausrücken. Insgesamt wurden bei allen Aktivitäten 11.451 ehrenamtliche Stunden geleistet, davon 8.760 im Bereitschaftsdienst, 205 bei Einsätzen, 1.185 bei 237 Naturschutzstreifen, 376 bei 29 Pistenvorsorgediensten am Götschen und Hochschwarzeck und 560 in der Aus- und Fortbildung. Seit mehreren Jahren leistet die Bergwacht Freilassing zusammen mit der Bergwacht Teisendorf-Anger auch den Sanitätsdienst bei den Ringwettkämpfen des SC Anger.

Rettung im Reich von Maulwurf und Fledermaus

Manfred Huber ist neuer Ausbildungsleiter

Um den Nachwuchs müssen sich die Freilassinger Bergwachtleute derzeit wenig Sorgen machen, denn sie können den Jugendlichen einiges bieten: Acht Anwärter und zwei weitere Neuzugänge werden derzeit bei regelmäßigen Übungen und Ausbildungen auf ihre Prüfungen und den späteren aktiven Dienst vorbereitet; die Arbeit ist spannend und abwechslungsreich. Für ihre Ausbildung war bisher Manfred Huber verantwortlich, der im Mai als Nachfolger von Florian Kronawitter zum neuen Ausbildungsleiter für die gesamte Bereitschaft ernannt wurde. Jeden zweiten Donnerstag finden Fortbildungsabende statt, die durch regelmäßige fachspezifische Übungen im Gelände den hohen Ausbildungsstand der Bergwacht sicherstellen. Allein 19 Termine wurden für die Anwärter organisiert. „Das was aktuell in den Anwärter-Prüfungen gefordert wird, muss in unserer Bereitschaft jeder Aktive können“, erklärte Huber, der bei seiner Arbeit vor allem durch Rudi Hiebl und Thomas Läpple unterstützt wird. Da Ausbildung vor allem Teamarbeit ist, brachte sich in die fachspezifische Ausbildung ein Großteil der aktiven Einsatzkräfte mit Wissen und individuellen Fähigkeiten ein. „Hier profitiert jeder vom anderen“, berichtete Huber. Simon Rainer, Bernhard Fuchs und Benedikt Hiebl wurden 2010 fest ins Ausbilder-Team mit aufgenommen. Huber: „Mit so einem starken Nachwuchs dreht sich das Rad ständig weiter!“ Die Seeleinsee-Diensthütte als ehemaliger Rettungsstützpunkt an der Kleinen Reibe hat dabei als Ausbildungsstützpunkt wieder an Bedeutung gewonnen. „Wir können von dort aus mehrtägige Höhlenrettungsübungen durchführen und müssen nicht immer das gesamte Material über den Stiergraben rauf- und runtertragen“, erklärte Fritsch. Sechs zusätzliche Einsatzkräfte haben 2010 das Einsatzleiter-Modul in Bad Tölz absolviert; drei Mitglieder waren bereits zuvor als fertig ausgebildete Einsatzleiter im Einsatzbereich Saalachtal aktiv. Bei zwei Grundkursen haben die Mitglieder der Höhlenrettungsgruppe ihre Kenntnisse und Fähigkeiten erweitert und elf Bergretter haben am Training für ergänzende Besatzungsmitglieder am Hubschrauber-Simulator in Bad Tölz teilgenommen, wobei die Bergwacht für die Fahrten auf das City-Mobil der Stadt Freilassing zurückgreifen konnte.

Soziales Engagement über die Pflichtaufgaben hinaus

Auch abseits des Einsatz- und Ausbildungsgeschehens war 2010 jede Menge los: Bei einer Sachspendenaktion sammelte die Bergwacht Freilassing Einsatzmaterial für die Ukraine; mit einer Spende der Sparda-Bank wurde eine neue Spezialbohrmaschine für die Höhlenrettung gekauft und beim Fußballturnier des ESV Freilassing belegten die Freilassinger Bergretter den achten Platz. Beim Handwerkermarkt in Freilassing kümmerte sich die Bergwacht um Brotzeit und Ausschank. Das KID der Bergwacht wurde mit dem Deutschen Bürgerpreis ausgezeichnet. Seit langem fand auch wieder ein Bergwacht-Ausflug statt, der die Ehrenamtlichen nach Kals in Osttirol führte. Fritsch erinnerte beim Totengedenken an die am 11. Februar 2011 unerwartet verstorbene Rotkreuzlerin Waltraud Böhm: „Von ihrem plötzlichen Tod waren wir alle sehr betroffen und überrascht.“

Neue Einsatzkleidung und Anhänger für die Höhlenrettung

„Während der vergangenen Monate hat die Freilassinger Bergwacht viel Geld in neue Einsatzkleidung investiert, die nach langer Wartezeit endlich ausgeliefert wurde“, freute sich Fritsch. In naher Zukunft soll aus eigenen Mitteln auch ein Anhänger für das Material der Höhlenrettung gekauft werden, da derzeit noch keine staatlichen Mittel dafür vorgesehen sind. „2010 standen rund 14.300 Euro an Einnahmen etwa 15.300 Euro an Ausgaben gegenüber. Am Jahresende waren also rund 1.000 Euro weniger als im Vorjahr auf unserem Konto“, berichtete Kassenwart Kurt Rexer.

Höhlenrettungsgruppe weiter ausgebaut

Bundesweit ereignen sich pro Jahr nur eine Hand voll Einsätze; wenn aber etwas passiert, dann sind alle voll gefordert, denn was sie tun ist mitunter das Schwierigste, Personal- und Materialintensivste, was der Bergwachtdienst zu bieten hat. „Höhlenrettung heißt in unserer Region mittlerweile Freilassing“, berichtete Peter Hogger stolz. Die Bergwacht Freilassing hat deshalb den Status einer Rettungswache. Seit den Anfängen im Sommer 2007 hat sich einiges getan: Die Gruppe besteht mittlerweile aus 13 Höhlenrettern und weiteren Sympathisanten, vor allem Studenten, die für größere Einsätze nachgefordert werden können. Einmal monatlich, meist an Montagabenden sind die Spezialisten bei Übungen und Erkundungstouren in den heimischen Höhlen unterwegs. 2010 hat ein Teil der Mannschaft auch die Grundkurs-Module Höhlenrettung der Bergwacht Bayern absolviert. Peter Hogger wird als Stüberlwirt in Zukunft von seinem Bruder vertreten, damit er sich wieder mehr um die Ausbildung seiner Höhlenretter kümmern kann. „Im Einsatzfall muss jeder alles können!“, erklärte Hogger. Bei mehreren großen Übungen trainierten die Höhlenretter vor allem ihr Zusammenspiel mit der Salzburger Höhlenrettung und den örtlichen Bergwachten. Hogger lobte dabei das Engagement der Aktiven: „Vom Dreck angelockt waren immer alle da, die sich irgendwie freinehmen konnten. Bravo!“ Vor einem Jahr hatte Hogger noch mit seinem Badehosen-Foto in weiten Kreisen auf die fehlende persönliche Schutzausrüstung für die Höhlenretter aufmerksam gemacht; bei der Jahreshauptversammlung konnte er nun freudestrahlend verkünden, dass endlich acht komplette Sätze ausgeliefert wurden. „Das sind zwar noch nicht genug für alle, bringt uns aber einen riesen Schritt weiter, da wir nicht mehr so sehr mit privatem Material und geliehener Ausrüstung improvisieren müssen.“

Viel Lob für die Bergwacht

Margitta Popp, Referentin für Ehrenamt und Zusammenleben des Freilassinger Stadtrats lobte die Bergwacht für ihr Engagement im Dienst der Allgemeinheit: „Ich habe mir bisher gar keine Gedanken gemacht, was ihr für tolle Arbeit macht! Ihr setzt ja auch euer Leben ein und engagiert euch ehrenamtlich in einer Zeit, in der jeder gleich mit dem Rechtsanwalt droht, wenn etwas nicht passt; da wundere ich mich, dass hier nicht mehr Geld für die Bergwacht fließt. Wann habt ihr überhaupt noch Zeit für eure Familien?“ Peter Mayer, Vorstand des Deutschen Alpenvereins (DAV), Sektion Freilassing dankte den Ehrenamtlichen im Namen aller Bergsteiger für ihre Arbeit: „Wir freuen uns, dass es die Bergwacht gibt, hoffen aber, dass wir sie nie brauchen. Für das was ihr leistet, können wir nicht genug Dank sagen! Es ist bedauerlich, wie andere Bereitschaften wie die Reichenhaller finanziell im Regen stehen gelassen werden. Das ist ein Armutszeugnis für eine Gemeinde, die mit einem Klettersteig wirbt und für die Bergwacht nichts übrig hat.“

Pressemitteilung BRK Berchtesgadenerland

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