Geschafft: In acht Tagen zu Fuß über die Alpen

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Bischofswiesen - Der Alpenmarsch ist geschafft. Das Gebirgsjägerbataillon 232 Bischofswiesen hat insgesamt 10.000 Höhenmeter in acht Tagen gemacht. 

Langsam schälen sich die Silhouetten der Soldaten der ersten Marschgruppe des Gebirgsjägerbataillons 232 aus dem Hochnebel im Bereich der Pustertal-Jagdhütte an der Hohen Kisten (1922m). Es liegen noch knapp 600 Höhenmeter vor den Soldaten bis der Gipfel erreicht ist und es an den Abstieg Richtung Jachenau geht und der erste von acht Marschtagen im Rahmen des Alpenmarsches der Struberjager endet.

StGefr Leuendorf der 1./GebJgBtl 232 ist einer von 106 Soldaten des Bataillons, die in den nächsten acht Tagen über 10.000 Höhenmeter und eine Strecke von über 140 Kilometern zurücklegen werden, dabei elf Gipfel besteigen und sich Dauerregen, 50 Zentimeter Neuschnee und schönstem Sonnenschein ausgesetzt sehen, bis sie unter dem Applaus der Berchtesgadener Anwohner und Touristen in die Jägerkaserne in Bischofswiesen marschieren und den Alpenmarsch beenden.

„Eine anstrengende, aber unvergessliche Erfahrung“, resümiert StGefr Leuendorf und unterstreicht damit die Worte des Bataillonsführers Major Gudat, der beim Abschlussantreten deutliche Worte zur Bedeutung dieses einmaligen Vorhabens fand: „Kameraden sie haben unter widrigsten Witterungsbedingungen, wechselnden Umweltbedingungen und ungünstigsten Rahmenbedingungen vor sich selbst bestehen können. Soldaten, wir haben manchmal gefroren, wir haben manchmal gelitten und wir haben manchmal gezweifelt aber wir haben gemeinsame Erlebnisse und einzigartige Kameradschaft gewonnen.“

Zurück zum ersten Tag

Mittlerweile wurde von beiden Marschgruppen der Gipfel der Hohen Kisten (1922m) erreicht und auch die Sonne durchbricht wie abgesprochen den Hochnebel. Nun für den Abstieg im Richtungstrupp eingesetzt, führt StGefr Leuendorf mittels Karte und Kompass die Marschgruppe zum Auslaufpunkt in Obernach. Nach acht Stunden Marsch findet hier die weitere Verbringung in den Biwakbereich auf dem Sportplatz in Jachenau statt , wo unter der Führung von OFw Leirer die Talstaffel bereits Hochgebirgszelte, Feldküche und den Gefechtsstand aufgebaut hat und die Marschteilnehmer somit umgehend mit der Nachbereitung des Marsches und dem Verpflegen beginnen können.

„Ein solches Vorhaben wie der Alpenmarsch lässt sich nur bewerkstelligen, wenn alle Beteiligten engagiert und vorbildlich zusammenarbeiten“, macht Major Gudat mit Blick auf die Talstaffel und die zur Unterstützung eingesetzten Kräfte deutlich. Diese haben den Auftrag, die Biwakplätze in den verschiedenen Gemeinden des bayrischen Voralpenlandes vor- und nachzubereiten, während die Marschgruppen ihre jeweiligen Tagesziele ansteuern und täglich einen zwischen acht und zehn Stunden dauernden Marsch absolvieren. Eine sorgfältige Planung im Vorfeld und die dazugehörigen Absprachen mit Landeskommando, anderen Bundeswehrstandorten, Bundeswehrdienstleistungszentrum (BwDlZ) und vor allem den betroffenen Gemeinden erleichtern den zur Unterstützung eingesetzten Kräften dabei die Arbeit wesentlich. Es kann an dieser Stelle nicht stark genug betont werden, wie freundlich und zu zuvorkommend seitens der Gemeinden auf Unterstützungsanfragen des Bataillons reagiert wurde und überall eine positive Stimmung gegenüber der Bundeswehr und den schon traditionsgemäß eng mit der bayrischen Bevölkerung verbundenen Gebirgsjägern vorherrschte. Sichtbares Zeichen des Dankes für die Unterstützung der Gemeinden war die allabendliche Einladung an Bürgermeister und Gemeinderäte in die jeweiligen Biwakplätze, wo im Rahmen des Führerkorps meist bis in die Nacht hinein Anekdoten vergangener Jahre ausgetauscht wurden, anregende Gespräche oder auch die ein oder andere sicherheitspolitische Diskussion geführt wurden.

Der Morgen des zweiten Tages startete um 06 Uhr mit dem Trompetenstück „La Montanara“, das fortan zum allmorgendlichen Weckritual gehörte und vom OStFw Wirries der 1./GebJgBtl 232 gespielt wurde. Eine gute Einstimmung für eine der längsten Tagesetappen des Alpenmarsches. In Jachenau begann der Aufstieg auf die Benediktwand um 07.45 Uhr bei Wind und Nässe, so dass Trittsicherheit und ständige Aufmerksamkeit aller Marschteilnehmer gefordert waren. Gerade bei der Überschreitung der Benediktwand über den Latschenkopfweiter zum Gipfel des Braunecks verzögerten verschlampte und anspruchsvolle Wege den Marsch, so dass der nächste Biwakbereich in Lenggries erst gegen 18.30 Uhr erreicht wurde. Drei Gipfel, 1600 Höhenmeter im Aufstieg, mehr als 20km Marschlänge und knapp elf Stunden Marschzeit machten den zweiten Marschtag zur ersten Herausforderungen an die körperliche Leistungsfähigkeit aller Soldaten. Weitere sollten noch folgen!

War das Wetter bis dahin auf Seiten der Soldaten, setzte gegen Mittag des dritten Tages auf dem Weg vom Geierstein (1491m) zum Fockenstein (1564m) ein Wettersturz ein, der Kälte und Platzregen mit sich brachte. Selbst der Poncho konnte nicht verhindern, dass die Soldaten am Abend in Bayrischzell völlig durchnässt und bei erstem Neuschnee ihren Biwakbereich bezogen und nach dem Trockenlegen der Kleidung und Ausrüstung erschöpft in die Schlafsäcke krochen. Der dritte Tag zeigte eindrucksvoll, welchen widrigen und sich plötzlich verändernden Witterungsbedingungen man sich im Gebirge ausgesetzt sieht und machte deutlich, dass zum Alltag der Gebirgsjäger eben nicht nur Sonnenschein und Klettern gehört, sondern widrigste Wetterbedingungen und kritische Umweltbedingungen ständige Begleiter im Gebirge sind.

Entsprechend begann der vierte Tag mit Schneefall und Kälte, welche die Marschgruppen bis kurz unterhalb des Gipfels des Wendelsteins (1838m) begleiteten. Hier war die Spitzengruppe unter Führung des Heeresbergführers HptFw Streif aus der 2./GebJgBtl 232 gefordert, die neben dem Orientieren im verschneiten Gelände auch viel Spurarbeit im teils 50cm tiefen Neuschnee zu leisten hatte und damit die Grundlage für eine weitere erfolgreiche Tagesetappe aller Marschteilnehmer legte. Dass gegen Nachmittag der Himmel aufriss und sich die verschneite Berglandschaft im Sonnenlicht präsentierte, entschädigte für die Strapazen des Aufstieges und die Witterung des Vortages und macht einmal mehr deutlich, welch besonderen Momente sich beim Dienst unter dem Edelweiß erleben lassen.

„Eine Erfahrung, die wir nicht missen möchten“, lautete das einhellige Fazit aller Marschteilnehmer für diese beiden entbehrungsreichen Tage, dessen versöhnliches Ende neue Motivation für die zweite Hälfte des Alpenmarsches mit sich brachte.

Ziel des fünften Marschtages war die Überschreitung der Kampendwand (1669m) bei Aschau, deren Realisierung aber aufgrund des vorangehenden Wettersturzes sich als unmöglich erwies. Trotz Vorbereitung und Erkundung durch den Hochgebirgsjägerzug erwiesen sich die Bedingungen mit minus zehn Grad Celsius, Schnee und Eis und anhaltenden Windböen vor Ort als so kritisch, dass auf eine komplette Überschreitung verzichtet wurde. Der Gipfel wurde dennoch über den Normalweg erreicht und auch die Kompanieübergabe der 3./GebJgBtl 232 von Hptm Weiß an Olt Seiler, vor dem Panorama des Chiemgauer Landes und der schneebedeckten Kampendwand, war ein weiterer Höhepunkt im Rahmen des Alpenmarsches. Dass der Feldküchentrupp abends ein Grillen vorbereitet hatte, rundete den fünften Marschtag perfekt ab.

„Großes Lob an die Verpflegungsgruppe, es hat jeden Tag super geschmeckt“, unterstreicht StGefr Leuendorf die Bedeutung einer guten Verpflegung für Motivation und Leistungsvermögen der Marschteilnehmer.

Mit Tag sechs stand der streckenmäßig längste Marsch auf dem Programm. Von Unterwössen ging es bei strahlendem Sonnenschein auf den Hochfelln mit eine Höhe von 1671m. Wegen Steinsturz gesperrte Wege sorgten auf der ohnehin schon langen Marschstrecke für zusätzliche Umwege, so dass am Ende des Tages eine Marschleistung von 26km erreicht wurde, was aber mit dem nahen Ende des Alpenmarsches vor Augen der Motivation keinen Abbruch tat. Im Gegenteil, der morgige Tag sollte mit dem Durchsteigen eines Seilgeländers in der Hörndlwand nochmal ein Highlight für alle Beteiligten bieten.

Zu dem Artikel: 10.000 Höhenmeter in acht Tagen

ACHTUNG STEIN!

Dieser Warnruf erschallte gegen Mittag des siebten Tages beim Durchsteigen des Seilgeländers in der Hörndlwand (1684m). Ein koffergroßer Stein hatte sich beim Greifen gelöst und verletzte zwei Kameraden der ersten Marschgruppe. Bei strahlendem Sonnenschein und bester Laune war der vorletzte Tag des Alpenmarsches gestartet und Ziel war der Gipfel der HÖRNDLWAND über ein Seilgeländer in der Nordwand. Ein Mannschaftssoldat des Hochgebirgsjägerzugs befand sich zum Zeitpunkt des Steinschlags oberhalb der Schlüsselstelle und sicherte einen Kameraden nach, als er den Warnruf hörte. Vor die Wahl gestellt, sich selbst in Sicherheit zu bringen und dabei die Sicherung des nachsteigenden Kameraden aufzugeben oder weiter seinen Auftrag unter Inkaufnahme einer Gefährdung seines Lebens zu erfüllen, entschied er sich für letzteres und erlitt durch herabstürzende Felsbrocken eine Fraktur im Knöchel und musste mit dem Hubschrauber in Krankenhaus nach Traunstein verbracht werden, ebenso wie ein weiterer Kamerad der ersten Marschgruppe. Erneut zeigte sich, dass alpine Gefahren stete Begleiter im Einsatzraum Gebirge sind und nur der reibungslosen Zusammenarbeit aller Beteiligten sowie dem notwendigen Quäntchen Glück ist es zu verdanken, dass größere Verletzungen ausblieben und die Marschgruppe das Seilgeländer weiter bis zum Gipfel durchsteigen konnte.

Zu dem Artikel: Soldaten durch Steinschlag verletzt

Der letzte Tag

Für die letzte Marschstrecke über den Predigtstuhl (1613m) und den Dreisesselberg (1664m) hinab nach Bischofswiesen schlossen sich die drei Grundausbildungszüge der Rekrutenkompanie den Marschteilnehmern an. Den Rekruten wurde dadurch bereits in der dritten Woche ihrer Grundausbildung ein Bergerlebnis der besonderen Art geboten und nicht zuletzt der abschließende Marsch des Bataillons durch Berchtesgaden mit Truppenfahne und Gesang wird jedem Beteiligten – und den Anwohnern und Touristen in Berchtesgaden – in tiefer Erinnerung bleiben. Ein würdiger Abschluss dieses Alpenmarsches, der in diesem Rahmen wenn nicht einzigartig, so doch ein seltenes Erlebnis in der Dienstzeit eines Gebirgsjägers ist und dessen Bedeutung Major Gudat als Bataillonsführer beim Abschlussappell so auf den Punkt bringt:

„Frauen und Männer des GebJgBtl 232. es ist geschafft, - ja - es ist geschafft. Vor nunmehr acht Tagen starteten wir bei Garmisch Partenkirchen und haben uns bei Nebel an der Hohen Kisten, bei Regen am Fockenstein, bei Schnee am Wendelstein, bei Wind und Kälte an der Kampenwand, bei Sonne und einheimischer Bevölkerung am Hochfelln, im Seilgeländer an der Hörndlwand und bei schönstem Wetter im Lattengebirge hierher durchgeschlagen. Ein einmaliges Erlebnis geht damit zu Ende. Sie haben mit hervorragender Durchhaltefähigkeit, absoluten Willen und unzerstörbarer Moral es geschafft diese ‚Mammutaufgabe‘ zu meistern.“

Pressemeldung Gebirgsjägerbataillon 23

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