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So arbeitet der Kriseninterventionsdienst der Bergwacht-Region Chiemgau

„Da kann man nichts beschönigen oder um den heißen Brei herumreden“

BGLand24.de hat sich von Eva Partholl, Leiterin des „KIT Berg“ der Bergwacht-Region Chiemgau schildern lassen, wie sie arbeitet.
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BGLand24.de hat sich von Eva Partholl, Leiterin des „KIT Berg“ der Bergwacht-Region Chiemgau schildern lassen, wie sie arbeitet.

Das Kriseninterventionsteam (KIT) - Sie sind zur Stelle, wenn Menschen nach einem Unglück akut psychisch traumatisiert sind, beispielsweise durch den Verlust eines Angehörigen. BGLand24.de hat sich von Eva Partholl, Leiterin des „KIT Berg“ der Bergwacht-Region Chiemgau schildern lassen, wie sie arbeitet.

Ramsau bei Berchtesgaden - Die Verständigung von Angehörigen ist eine traurige, aber wichtige Pflicht. Manch einer mag aus Film und Fernsehen dabei Bilder vor Augen haben: Zwei Uniformierte, die vor einer Haustür auftauchen. „Dürfen wir hineinkommen? Wir müssen ihnen etwas mitteilen.“ - „Das mache ich persönlich sofort und ohne Umschweife: Da kann man nichts beschönigen oder um den heißen Brei herumreden. Ich teile ihnen die Todesnachricht direkt heraus mit“, berichtet Eva Partholl, Leiterin des „KIT Berg“ der Bergwacht-Region Chiemgau gegenüber BGLand24.de. Erst vor kurzem musste sie der Mutter eines monatelang vermissten 21-Jährigen mitteilen, dass ihr Sohn am Watzmann bei einem Bergunfall ums Leben kam.

Krisenintervention sind für Beteiligte und Angehörige nach Unfällen und Katastrophen da

Die sogenannte „Krisenintervention im Rettungsdienst“ betreut körperlich unverletzte Beteiligte und Angehörige bei akut psychisch traumatisierenden Unfällen, Notfällen und Katastrophen. Dabei soll die Hilfe möglichst unmittelbar nach dem Ereignis einsetzen. So soll den Betroffenen Raum für ihre Trauer verschafft werden. Dies soll sie wieder handlungsfähig machen und dadurch der Entstehung einer Posttraumatischen Belastungsstörung vorbeugen.

Eva Partholl, Leiterin des „KIT Berg“ der Bergwacht-Region Chiemgau

Die speziell zur Krisenintervention ausgebildeten Helfer sind erfahrene Einsatzkräfte des Rettungsdienstes oder des Bevölkerungsschutzes. So wie Eva Partholl, die neben ihrem Engagement bei der Bergwacht Ramsau als Reha-Assistentin und Klinische Kodierfachkraft in einem Klinikum in Bischofswiesen tätig ist.

Immer zu zweit vor Ort

„Wir haben da keine Bereitschaft, wie andere Rettungskräfte“, berichtet Partholl. „Wir erhalten eine SMS von der Rettungsleitstelle, in der grob umrissen ist, worum es geht. Dies anhand von Stichworten wie ‚Vermisstensuche‘ oder ‚laufende Reanimation‘ und verbunden mit einer Angabe, wer und wie viele Personen eine Betreuung benötigen.“ In diesem Moment gelte es dann, sich zu hinterfragen, ob man für den Einsatz bereit ist. „Wenn man von der Arbeit vollkommen ausgelaugt ist, braucht man nicht in den Einsatz zu gehen. Denn der dauert in der Regel vier bis sechs Stunden und man muss emotional dafür bereit sein.“

Einsatz der Bergwacht am am 12. Juni

Einsatz der Bergwacht am am 12. Juni
Einsatz der Bergwacht am am 12. Juni © BRK KV Berchtesgadener Land
Einsatz der Bergwacht am am 12. Juni
Einsatz der Bergwacht am am 12. Juni © BRK KV Berchtesgadener Land
Einsatz der Bergwacht am am 12. Juni
Einsatz der Bergwacht am am 12. Juni © BRK KV Berchtesgadener Land
Einsatz der Bergwacht am am 12. Juni
Einsatz der Bergwacht am am 12. Juni © BRK KV Berchtesgadener Land
Einsatz der Bergwacht am am 12. Juni
Einsatz der Bergwacht am am 12. Juni © BRK KV Berchtesgadener Land
Einsatz der Bergwacht am am 12. Juni
Einsatz der Bergwacht am am 12. Juni © BRK KV Berchtesgadener Land

Sie rückt dann immer gemeinsam mit einem weiteren KIT-Mitglied aus. „So kann sich der eine um die Betroffenen kümmern, während der andere Dinge organisiert, beispielsweise den Kontakt mit den Rettungskräften vor Ort“, erläutert Partholl. „Wir sind da immer in einem Wettrennen mit der Presse. Leider können manche Nachrichtenportale die Verständigung der Angehörigen nicht abwarten, daher beeilen wir uns, damit sie es von uns erfahren, dass ihren Liebsten etwas passiert ist.“ Mit dabei habe sie eine zweckmäßige Ausrüstung. „Da wäre zunächst einmal Infomaterial für die Angehörigen. Da geht es dann darum, welche Symptome sie erwarten müssen, wie beispielsweise schlechter Schlaf und die Nummern von rund um die Uhr erreichbaren Hotlines.“ Ein nicht zu vernachlässigendes Utensil seien Notizblock und Stift. „Damit wir alle Details immer präsent haben und nicht durch wiederholtes Nachfragen belasten müssen.“

Das Wichtigste: Mit den Betroffenen ins Gespräch kommen

„Oftmals schweigt man den Toten oder Vermissten weg. Das versuche ich zu vermeiden. Durch eine Unterhaltung versuche ich zu erreichen, dass die Betroffenen von Anfang an lernen, über ihn zu sprechen. Wir unterhalten uns über die- oder denjenigen. Wann haben sie ihn zuletzt gesehen? Was war er für ein Mensch?“, führt Partholl weiter aus. „Man muss dabei dann das richtige Gleichgewicht zwischen Distanz und Nähe finden und auch Stille aushalten können. Die Angehörigen sollen das Gefühl haben, dass sie alles sagen können und nichts gegen ihren Wunsch je nach außen dringen wird. Dabei kommen harte Fragen auf: Hat mein geliebter Mensch leiden müssen? Kam der Tod schnell?“

Auch die Betreuer des KIT nehme so etwas natürlich sehr mit. „Man hofft ja mit den Angehörigen, dass es beispielsweise bei einem Vermisstenfall noch gut ausgeht.“ Dementsprechend seien regelmäßige Ablösungen bei länger andauernden Einsätzen vorgesehen. „Alle zwei bis drei Monate sprechen wir in unserer Einsatzgruppe besonders belastende Einsätze durch. Zwei bis dreimal im Jahr gibt es außerdem eine ‚Supervision‘. Dabei werden dann mit einem externen Experten die besonders fordernden Fälle durchgegangen.“

Auch Rettungskräfte brauchen Ansprache

Nicht nur die Angehörigen, auch die eingesetzten Rettungskräfte bräuchten im Anschluss Ansprache und Hilfe. Dafür gibt es die sogenannte „Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen“ für Einsatzkräfte. „Die haben alles gegeben, teils ihr eigenes Leben riskiert, um ein anderes zu retten. Zu erfahren, dass beispielsweise eine vermisste Person nur noch tot gefunden werden konnte, belastet sehr“, berichtet Partholl. „Wenn eine tot geborgene Person ins Tal kommt, steht die Mannschaft, die im Einsatz war zusammen und spricht ein Vater unser. Manche fressen das dann in sich hinein. Da versuchen wir dann, durchzudringen. Um die nötige Distanz zu gewährleisten kommt dann ein Kollege von außerhalb zum Einsatz, außer natürlich es wird anders gewünscht.“

„Es sind manchmal so kleine Begebenheiten, die dann auch den vermeintlich gestandensten Bergretter aus der Bahn werfen können“, erinnert sich Partholl abschließend. „Einmal hatten wir eine ganze Reihe von schweren Einsätzen in Folge. Mitten drinnen erfuhr einer der Kameraden, dass eine seiner Kühe gestorben war. Gerade noch im Einsatzgeschehen, saß er auf einmal da und weinte hemmungslos. Auch wir Rettungskräfte sind halt nur Menschen.“

hs

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