Forscher präsentieren Ergebnisse zu Insektensterben

Seltenen Nachtfalter am Königssee entdeckt

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Zoottenbock
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Ramsau - Die Zahl der Insekten nimmt in Deutschland seit vielen Jahren dramatisch ab. Um rund 75 Prozent ist diese Biomasse, wie sie im Fachjargon bezeichnet wird, zurückgegangen. Das sind die Gründe:

Versuchsfläche, auf der auch totholzbewohnende Insekten untersucht werden

Wer kennt sie nicht - die vielen Insekten, die in der Vergangenheit die Autoscheiben zierten. Vor allem nach längeren Autobahnfahrten. Ist Ihnen aufgefallen, dass dieses  Phänomen immer weniger geworden ist? Das liegt nicht daran, dass die Insekten gelernt haben auszuweichen, sondern daran, dass sie schlichtweg weniger werden. Genau wie die Bienen, Hummeln und Schmetterlinge. Das hat jetzt eine international beachtete Publikation herausgefunden. Grund dafür ist die intensive Landnutzung, die nicht mehr nur Rebhühner und Feldlerchen verschwinden lässt, sondern auch viele Tagfalter und andere fliegende Insekten.

Die Forscher verzeichneten an rund 60 Probestellen im gesamten Bundesgebieteinen Rückgang um mehr als 75 Prozent an Biomasse bei Fluginsekten. Die Ursachen des Artensterbens sind vielfältig, könnten jedoch eine Kombination aus Klimafaktoren, Intensivierung der Landwirtschaft oder noch unbekannten Lebensraumfaktoren sein. 

Biologische Vielfalt in den bayerischen Nationalparks

Erkundigt man sich nach diesem Phänomen in den beiden bayerischen Nationalparks, so bekommt man hier genau die gegenteilige Auskunft. Dort heißt es, "ist die aktuelle Entwicklung der biologischen Vielfalt erfreulicherweise umgekehrt." 

Hier darf sich die Natur auf großer Fläche ohne menschliches Zutun entwickeln. In nicht genutzten Wäldern dürfen Bäume alt werden, Borkenkäfer und Stürme schaffen Totholzstrukturen und Lücken im Wald.

Auf der Suche nach den Schmetterlingen

Insektenforscher bestätigen in jahrelangen Untersuchungen massive Verluste an Biomasse bei Fluginsekten

So konnte in einer kürzlich veröffentlichten, langjährigen und ehrenamtlich durchgeführten Forschungsarbeit im Nationalpark Berchtesgaden Dr. Walter Ruckdeschel in zahllosen Nachtstunden über 600 Nachtfalterarten nachweisen. Das sind 60 Prozent aller Nachtfalterarten Bayerns. Alleine 160 Arten davon stehen auf der Roten Liste der in Deutschland gefährdeten oder vom Aussterben bedrohten Arten

Ein Vergleich mit älteren Daten erlaubte schließlich Aussagen zum Artenschwund: "Da weite Gebiete des Nationalparks nicht oder im Fall der Weiden nur extensiv bewirtschaftet werden und die vielfältigen Biotope im Nationalpark kaum Umweltbelastungen ausgesetzt sind, hat sich das Artenspektrum im Vergleichszeitraum nur wenig geändert", erklärt Schmetterlingsexperte Ruckdeschel.

Seltener Fund am Königssee

Einen besonderen Fund machte Nationalpark-Leiter Dr. Roland Baier im Sommer 2017: Am Ufer des Königssees entdeckte der Forstwissenschaftler ein totes Exemplar des Augsburger Bären. 

Dieser in weiten Teilen Europas extrem selten gewordene Nachtfalter aus der Familie der Bärenspinner gilt als in Bayern weiträumig ausgestorben. Der Falter reagiert empfindlich auf Lebensraumveränderungen: Überall dort, wo der Mensch zu sehr gestaltend eingriffen hat, ist diese Art verschwunden. 

Umso größer war die Freude bei Nationalpark-Leiter Baier: "In Zeiten des viel diskutierten Artensterbens wurde mit dieser Entdeckung ein Erstnachweis für den Nationalpark Berchtesgaden erbracht." 

So viele Infos bietet Totholz den Forschern

Auch die Forschungsergebnisse aus dem Nationalpark Bayerischer Wald stimmen zuversichtlich: Totholzforscher Dr. Sebastian Seibold betreut hier mehrere Versuchsflächen. 

Ein toter, grüner, glänzender Bockkäfer nördlich des Zwieslerwaldhauses auf einem toten Baum ist ihm jüngst besonders ins Auge gefallen. "Das war ein Ungarischer Ahornbock, der ist neu für den Nationalpark", stellt er fest. "Dieser seltene und gefährdete Käfer ist ein europäischer Endemit, kommt also außerhalb des Kontinents nicht vor. Seine Larven fressen in den Stämmen des Bergahorns".

Sebastian Seibold ist einer von mehreren jungen Forschern, die die Artenvielfalt an Totholz in Waldlücken und an den Gewässern im Nationalpark Bayerischer Wald umfangreich untersuchen. 

Unglaubliche 2.168 Käferarten konnten auf diese Weise für den Nationalpark nachgewiesen werden. Das sind 40 Prozent aller in Bayern vorkommender Käferarten. 

55 Prozent der nachgewiesenen Arten sind typische Waldarten, zehn Prozent gelten als Bewohner der naturnahen Gewässer im Nationalpark. Darunter sind 384 Arten der aktuellen Roten Liste Deutschlands. 

Unter den fast 600 Totholzkäferarten unterstreichen die 16 Urwaldreliktarten die Naturnähe des Nationalparks. Viele der einst schon ausgestorben geglaubten Arten wie der urige Zottenbock oder der Goldfüßige Schnellkäfer sind dank der jahrzehntelangen, natürlichen, von Menschen unbeeinflussten Waldentwicklung mit Totholz und offenen Stellen im Wald wieder regelmäßig anzutreffen. 

"Eine derart hohe Konzentration dieser Urwaldrelikte gibt es nirgendwo sonst in Bayern", resümiert Nationalpark-Leiter Dr. Franz Leibl. 

Unsere Nationalparks sind wichtige Schutzgebiete

Die beiden Nationalparkleiter Dr. Roland Baier und Dr. Franz Leibl zeigen sich froh, mit ihren Schutzgebieten einen wichtigen Beitrag gegen das Artensterben zu leisten. Für Leibl steht fest: "Große Schutzgebiete mit Raum für überlebensfähige Populationen und genügend Puffer zur intensiven Landnutzung sind unabdingbar für den Arten- und Biotopschutz. Ebenfalls wichtig ist jedoch der Naturschutz in der Fläche. Schutzgebiete sind bedeutsame Rückzugsräume, wir müssen uns aber auch um die Normallandschaft und die Vernetzung unserer Kerngebiete kümmern." 

Und Roland Baier ergänzt: "Die Studien zeigen, dass die beiden bayerischen Nationalparks zuverlässig Arten schützen und für künftige Generationen erhalten. Diese großflächigen Landschaften, in denen natürliche Prozesse ungestört ablaufen können, sind damit bewährte und unverzichtbare Elemente der Naturschutzbemühungen."

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