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Zwei schüchterne Teenager im Fels

Großer Erfolg für den Naturschutz: Bartgeier-Jungvögel sind in den Berchtesgadener Alpen angekommen

Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber ließ es sich nicht nehmen, selbst
„Hand anzulegen“: Die Projektleiter Jochen Grab (links) vom Nationalpark Berchtesgaden
und Toni Wegscheider, LBV-Kreisvorsitzender im Berchtesgadener Land, präsentierten
dem Ehrengast die beiden Bartgeier-Jungtiere „Wally“ (links) und „Bavaria“.
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Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber ließ es sich nicht nehmen, selbst „Hand anzulegen“: Die Projektleiter Jochen Grab (links) vom Nationalpark Berchtesgaden und Toni Wegscheider, LBV-Kreisvorsitzender im Berchtesgadener Land, präsentierten dem Ehrengast die beiden Bartgeier-Jungtiere „Wally“ (links) und „Bavaria“.

Die Auswilderung der beiden Bartgeierweibchen „Wally“ und „Bavaria“ in der Ramsau war ein besonderes Ereignis - für den Naturschutz und für die Region:

Ramsau - Ein grüner Transporter rollt auf das Gelände des Klausbachhauses, der Nationalpark-Infostelle unweit des Hintersees. Sofort wird das Fahrzeug von dutzenden Fotografen und etlichen Kamerateams umringt. Die wertvolle Fracht – zwei schüchterne Teenager mit Federn und Krallen – wartet in Spezialboxen auf die nächste Etappe einer langen Reise: Erst rund 90 Tage alt, aber schon fast ausgewachsen, die finale Flügelspannweite von 2,90 Metern mit 2,70 nahezu erreicht, sechs Kilo schwer, Körpertemperatur 40 Grad, hoher Puls. „Wally“ und „Bavaria“ sind da, die Bartgeier-Weibchen, „Gypaetus barbatus“ werden sie in Latein betitelt. Bis zur Auswilderung waren sie lapidar 112 und 113, aber Schüler der 5. und 6. Klassen des Gymnasiums Berchtesgaden und Leser der „Süddeutschen“ verpassten ihnen nun ihre Namen. Getauft wurden sie von Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber, stellvertretend war Schülerin Eva Graf als Patin mit dabei. Der Bezeichnungen gibt es derweil reichlich: Gold-, Berg-, Gemsen-, Joch-, Stein- und Lämmergeier nannten die Menschen den Bartgeier in den Alpen. „Boabrüchl“ wird er ebenfalls gerufen: Das hat er (s)einem markanten Verhalten „zu verdanken“, große Knochen, die er zuvor aus luftiger Höhe erkannt hat, zum Zertrümmern auf Felsen abzuwerfen.

Nach einer kurzen Rast in einer kleinen Holzhütte dürfen Wally und Bavaria in der Ramsau – nach einigen Dankes-, Gruß- und Info-Reden der Ehrengäste – endlich raus, an die Luft, die Sonne, die rechtzeitig zwischen den dunklen Gewitterwolken durchblitzt. Berchtesgadens sportlicher Bürgermeister Franz Rasp hat den richtigen Wetter-Riecher, „reist“ mit dem Rad aus seiner 17 Kilometer entfernten Marktgemeinde an. Erst, als sich die beiden Vogel-Mädchen auf ihre erstmal „letzte“ steile Reise zur Halsgrube begeben, in weich ausgestatteten Holzkisten auf Transport-Kraxen, getragen von Mitarbeitern der Bayerischen Staatsforsten, des LBV sowie des Bayerischen Jagdverbandes, weicht die Schwüle. Kühlender Regen wie am Morgen setzt ein.

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Drei Wochen wird‘s nun etwa dauern, bis die Junggeier die ersten Flugversuche unternehmen – rund um die Uhr beobachtet und noch kulinarisch von den Projekt-Mitarbeitern umsorgt. Gefüttert wird jeweils im Morgengrauen, aber nicht täglich. So früh schlafen sie noch und verbinden das plötzliche Futter in ihrem „Bau“ nicht mehr mit den Menschen. Wissenschaftler überwachen von einem nahen Platz das Geschehen, Infrarotkameras und ein Livestream helfen ungemein. „Das ermöglicht uns, Unregelmäßigkeiten sofort zu erkennen“, so Toni Wegscheider – „und rasch zu helfen“.

Ein Pate kreist über dem Geschehen

Als ob er über der Auswilderung ein wachsames Auge haben will, kreist exakt als Nationalpark-Leiter und Veranstaltungs-Mitgastgeber Dr. Roland Baier die ersten Worte in die Mikrofone spricht, ein Steinadler – einem Paten gleich – über den Köpfen der vielen Projekt-Mitarbeiter, Besucher, Medien-Vertreter und schaulustigen Vogelfreunde. Die zwei Protagonisten bekommen von all dem hoch über dem Tal nichts mit: Bereitwillig lassen sich Wally und Bavaria die für sie freilich auch stressige Prozedur der Vorstellung, der Taufe und der vielen Fotowünsche über sich ergehen.

Mit Blick auf die felsige Heimat in den nächsten mindestens drei Wochen im Hintergrund: An der Nationalpark-Infostelle Klausbachhaus am Hintersee wurden die Bartgeier zahlreichen Gästen offiziell vorgestellt, getauft und anschließend an der Halsgrube auf rund 1300 Metern in die Freiheit entlassen. Noch können sie nicht fliegen.

Manch einer will sie kurz streicheln. In den Händen der Projektleiter Jochen Grab (Nationalpark Berchtesgaden) und Toni Wegscheider (Kreisvorsitzender Landesbund für Vogelschutz) fühlen sie sich aber gut aufgehoben, geborgen, beschützt. Die meisten staunen und halten Abstand. „Wie groß sie schon sind“, ist eine Besucherin am Grundstückszaun ungläubig, dort machen die Vogel-„Halter“ ebenfalls kurz Station. Zu viel muten sie Wally und Bavaria aber trotz ihrer „unglaublichen Geduld, die ihnen auch bleiben wird“, so Ulrich Brendel, nicht zu. Schonend soll das laut Naturschutz-Verbände „landesweit spektakulärste Naturschutzprojekt 2021“ für die Hauptdarsteller über die Bühne gehen. Vor 140 Jahren wurden ihre Kameraden ausgerottet.

Die Nationalpark-Chefs Dr. Roland Baier und Ulrich Brendel informieren die große Medienschar zusammen mit Dr. Norbert Schäffer über diese außergewöhnlichen Vögel: „Reine Knochenfresser sind‘s“, sagt der LBV-Vorstand. „Und völlig ungefährlich, sowohl für andere Tiere als auch für Menschen“, berichtet Brendel. „Sie töten nicht“. Erst wenn sich die anderen Tiere – Gänsegeier unter anderem – am Aas, beispielsweise einer verendeten Gams, sattgefressen haben, kommt der „perfekte Resteverwerter“ namens Bartgeier vorbei und verspeist genüsslich die Knochen. Ein Stück darf da schon mal 30 Zentimeter lang sein. Die stärkste Magensäure im gesamten Tierreich leistet rasch wertvolle und ganze Arbeit.

Eine Dame entspannt, die andere mobil

Die lange Reise für Wally und Bavaria begann letzte Woche im schon sommerheißen Andalusien. Ihr Leben begann in einer Aufzuchtstation. Im Nürnberger Tiergarten in Schwaig lernten sie sich kennen. Das „zelebrierten“ sie in ihrer offenbar unerschütterlichen Art. Die Akklimatisation ans etwas rauere deutsche Klima lief reibungslos. Sie wurden beringt und einzelne Federn mit einem Bleichmittel, wie es im Frisörbedarf benutzt wird, versehen – eine Art „Strichcode“ zur Wiedererkennung. Dabei zeigten sich die körperlichen wie charakterlichen Unterschiede der beiden Auswilderungskandidaten: Während 112 deutlich größer, dafür leichter ist und die Prozedur entspannt über sich ergehen ließ, ist 113 sehr mobil und war von der Aktion eher weniger begeistert.

Es ging bald weiter. In die Ramsau. Der letzte Teil der Europa-Tour. Die beiden Weibchen erreichen nach dem offiziellen Teil, der für die Menschen freilich sein musste – mit Musik, Reden, Fotos, Videos und einer Brotzeit –, ihren ersten Fels. Purer, nackter schroffer Kalkstein, eine Knittelhorn-Nische, sechs mal 20 Meter groß. Aber durchaus gemütlich hergerichtet, mit Fichtenzweigen und Schafwolle: „Sie sollen sich wohl fühlen“, schmunzelt Toni Wegscheider. In den ersten Tagen werden sie sich kaum bewegen. Erstmal an die Umgebung gewöhnen. „Wir haben Zeit“, scheinen sie zu denken.

Die Greifvögel bekommen GPS-Sender, denn sie werden erstmal nicht bleiben. „Die Berchtesgadener Alpen sind viel zu klein für sie, ihr Revier ist über 300 Quadratkilometer groß“, sagt Wegscheider. Sie werden wegfliegen, in die Westalpen vermutlich, im Spätherbst. Aber sie werden heimkehren, sofern ihnen nichts passiert, bestenfalls einen Bartgeier-Mann finden und Nachwuchs bekommen – vielleicht sogar im Berchtesgadener Land. Der Ort ist ideal, die Faktoren der Ostalpen stimmen hier, für diese stolzen Tiere.

Ein Meilenstein im Artenschutz

Der Tag bekommt große Vokabeln: „Meilenstein“ beispielsweise, ein solcher ist es nicht nur für den Nationalpark Berchtesgaden in Sachen Artenschutz. Wir wollen unser Tierreich bewahren und beschützen“, sagt LBV-Chef Schäffer und „mit diesen ausgewilderten Vögeln die mitteleuropäische Population dieser seltenen und faszinierenden Greifvogelart stärken“. Sind Wally und Bavaria erwachsen, werden sie sieben Kilo auf die Waage bringen. Damit zählen sie zu den größten, flugfähigen Vögeln der Welt.

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Die Initiatoren mussten im Vorfeld einige Dämpfer verkraften: Zuerst zerbrach eines der im Nürnberger Tiergarten zur Brut befindlichen Eier im Nest, dann blieb das zweite Ei ebenfalls ohne Schlupferfolg. Nach Wochen der Unsicherheit wurden vom spanischen Zuchtzentrum Guadalentin zwei junge Bartgeier zugesichert

bit

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