Franz Kuchlbauer erhält Christopherus-Medaille

Er rettete Ramsaus Bürgermeister das Leben

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Bayerns Ministerpräsident Markus Söder überreicht Franz Kuchlbauer die Christopherus-Medaille.
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Ramsau - Fast auf den Tag genau neun Monate ist es her, dass Bürgermeister Herbert Gschoßmann an einem wunderschönen, heißen Herbsttag einen Ausflug mit seinem Bürgermeisterkollegen Thomas Weber machte. An das Ende des 16. September 2018 kann er sich nicht mehr erinnern.

Es ist das Ende des Almsommers im Berchtesgadener Land, auf der Mordau Alm herrscht reges Treiben und auch Ramsaus Bürgermeister Herbert Gschoßmann macht mit seinem Bischofswieser Bürgermeister Kollegen Thomas Weber einen Ausflug dorthin. Mit dem Rad geht es auf 1200 Meter ins Lattengebirge. Gemütlich sitzt man zusammen. Herbert Gschoßmanns Kopf ziert dabei immer der schwarze Fahrradhelm, um sich vor der Sonne zu schützen. "Ein paar Tage vorher bin ich die Watzmann-Überschreitung gegangen und meine Sonnenkappe war in der Wäsche", erinnert er sich im Gespräch mit BGLand24. Dass ihm diese Tatsache zum Verhängnis werden könnte, daran hätte er nie gedacht.

Gegen 18 Uhr machen sich die beiden Bürgermeister auf den Heimweg. Thomas Weber in Richtung Bischofswiesen, Herbert Gschoßmann in Richtung Ramsau. "Das ist das letzte, an das ich mich erinnere", gibt er zu. Dann fehlt ihm fast eine Woche seiner Erinnerung. Genau diese Zeit wird aber vor allem Franz Kuchlbauer nicht vergessen. Er ist im Talkessel als "Kedei" bekannt und einer der Almbauern auf der Mordau.

"Ich dachte, er wäre tot"

"Obwohl es so lustig zuging auf der Alm, musste ich gegen 17 Uhr auf den Hof, um die Kühe zu versorgen", erzählt er im BGLand24-Interview. "Ich habe meiner Lebensgefährtin versprochen, dass ich in einer Stunde wieder da bin." Am Ende des Almsommers gibt es auch auf den Almen viel zu tun und dementsprechend wollte Kuchlbauer helfen. Zum Glück, wie sich noch herausstellen sollte.

Auf dem Rückweg zur Alm sieht der Almbauer etwas im Graben liegen. Vermutet eine Plane oder ähnliches, bleibt stehen, steigt aus und erschrickt. Es ist ein Fahrrad, das im Graben liegt und unter dem Fahrrad liegt eine leblose Person. "In dem Moment habe ich noch nicht daran gedacht, dass ich die Person kennen könnte." Kuchlbauer wirft das Fahrrad zur Seite, hebt die Person auf und erkennt Herbert Gschoßmann. "Er war blau und grau im Gesicht, ich dachte er sei tot."

Einhändige Herz-Druck-Massage

Sofort schiebt der Mitarbeiter des Nationalparks Berchtesgaden den Gedanken beiseite, hebt Gschoßmann aus dem Graben und legt ihn einigermaßen stabil auf den Weg. "Wir müssen im Nationalpark alle zwei Jahre einen Erste-Hilfe-Kurs machen, ich habe das Programm einfach abgespult." Erst räumt er dem Verunglückten den Mund aus, der voller Steine und Dreck ist. Dann stellt er fest, dass die Zunge nach hinten gerutscht ist und versucht sie nach vorne zu ziehen. "Nachdem sie mir zweimal durch die Finger gerutscht ist, habe ich fester zugepackt und sie herausbekommen."

Kaum liegt der Bürgermeister richtig mit überstrecktem Kopf beginnt Kuchlbauer mit der Herzdruckmassage - einhändig. "Mit der anderen Hand habe ich den Kopf gestützt." Außerdem habe er im Erste-Hilfe-Kurs festgestellt, dass bei ihm der Druck mit einer Hand ausreichend ist. "Der Vorteil ist, du kannst abwechseln." Das muss er auch. Dreimal dreißig Sekunden versucht der "Kedei" Gschoßmann wiederzubeleben. Als er das vierte Intervall beginnt, röchelt der heute 60-Jährige. "Es kam ein bisschen Speichel und der Puls war wieder da."

"Ich hatte wirklich Glück"

Erleichtert holt Franz Kuchlbauer eine Decke aus dem Auto, stützt Gschoßmanns Kopf und eilt zur Alm, um Hilfe zu holen. "Die ganze Zeit ist keiner vorbeigekommen. Ich hatte kein Handy dabei und das Netz ist da oben auch ganz schlecht." Also fährt er so schnell es das Gelände und sein Viehanhänger zulassen zu den Almkasern. "Im Auto habe ich mir überlegt, dass mein Almnachbar das bessere Netz hat und bin direkt zu seinem Kaser gefahren." Die Rettung wurde verständigt und ein Hubschrauber angefordert bevor Kuchlbauer zusammen mit seinem Almnachbarn und einem Gast wieder zum Verunfallten fahren.

Radfahrer bei Abfahrt von Mordau-Alm schwer verletzt

Erleichter stellen sie fest, dass er immer noch atmet. Noch bevor sie sich weitere Gedanken machen können, kommt schon der Hubschrauber, der im Bereich Königssee im Einsatz war. Auch Polizei und Bergwacht treffen ein und die Routine nimmt ihren Gang. Im letzten Tageslicht wird Herbert Gschoßmann ins Klinikum Traunstein geflogen.

Als Franz Kuchlbauer einen Anruf aus dem Krankenhaus erhält, da die Ärzte die Ursache des Sturzes herausfinden wollen, traut er sich kaum zu fragen, wie es dem Ramsauer Bürgermeister geht. "Gut, er lächelt mich gerade an", sagt die Ärztin. "Ich hatte wirklich Glück", ist sich Gschoßmann bewusst. Er hatte ein Schädel-Hirn-Trauma, einen Oberkieferbruch, Wunden im Gesicht und Nervenverletzungen im Nacken. "Die Verletzungen im Nacken sind es, die ich heute noch am meisten spüre. Aber wenn das das einzige ist, nehme ich es gerne in Kauf."

Diagnose: Sonnenstich

Da Herbert Gschoßmann ohne sich mit den Händen abzufangen, Kopf voran in den Graben gestürzt ist, begeben sich Ärzte und Polizei auf Ursachensuche. Was hat den Sturz ausgelöst? Die Ärzte sind sich sicher, dass er auf dem Rad schon etwas gehabt haben muss, sonst hätte er versucht, sich mit den Händen abzufangen. "Die Ärzte haben mich gefragt, ob Herbert gekrampft hätte, einen epileptischen Anfall gehabt hätte", so Kuchlbauer. Er muss verneinen. "Auch einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt konnten die Ärzte nach eingehenden Untersuchungen ausschließen", ist Gschoßmann erleichtert. Aber was war es dann?

"Die Polizei hat Zeugen gesucht, die mich wegfahren gesehen haben und tatsächlich ist Wanderern etwas aufgefallen", so Gschoßmann. "Ich muss ziemlich warm angezogen gewesen sein, aber einen Schüttelfrost gehabt haben." Die Diagnose: Sonnenstich. "Ein Sonnenstich kann, wenn man sich plötzlich anstrengt, zu einer Ohnmacht führen", weiß der Verunfallte jetzt. Er muss auf dem Rad ohnmächtig geworden sein und ist dann in den Graben gestürzt.

"Frischt eure Erste-Hilfe-Kurse auf"

Herbert Gschoßmann (l.) ist seinem Lebensretter Franz Kuchlbauer (r.) sehr, sehr dankbar.

Der 60-Jährige ist seinem Retter mehr als dankbar, vor allem weil er in diesem Moment genau das richtige getan hat. "Das erste was ich gemacht habe, als ich wieder einigermaßen fit war, war ein Erste-Hilfe-Kurs. Denn sollte ich jemals in so eine Situation kommen wie der Franz, möchte ich wenigstens die Chance haben, auch das richtige zu tun." Das ist auch der Appell Gschoßmanns an alle. "Frischt eure Erste-Hilfe-Kurse auf, sie können Leben retten."

Für seine Lebensrettung wurde Franz Kuchlbauer von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder mit der Christopherus-Medaille ausgezeichnet. Eine Ehrung, die nicht nur dem "Kedei" sondern auch Ramsaus Bürgermeister Herbert Gschoßmann viel bedeutet: "Er war mein Schicksal."

cz

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