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Experten über den Rückgang des Blaueisgletschers bei Ramsau

„Selbst ein sofortiges Stoppen des Klimawandels könnte das Blaueis leider nicht mehr retten“

Blaueisgletscher Nationalpark Berchtesgaden Dr. Margherita Stumvoll-Schmaltz Prof. Dr. Wilfried Hagg
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Der rasante Rückgang des Blaueisgletschers „führt uns den Klimawandel drastisch vor Augen“, sagt Dr. Margherita Stumvoll-Schmaltz von der Forschungsabteilung des Nationalparks Berchtesgaden. Das Abschmelzen des Gletschers ist unumkehrbar, darin sind sich Stumvoll-Schmaltz und Prof. Dr. Wilfried Hagg, der seit 2005 am Gletscher forscht, einig.

Bayerns letzte Gletscher schmelzen vor unseren Augen weg. Auch der Blaueisgletscher im Berchtesgadener Land ist vor dem Klimawandel nicht gefeit. Glaziologe Prof. Dr. Hagg und Dr. Stumvoll-Schmaltz vom Nationalpark Berchtesgaden über das drastische Ende des nördlichsten Gletschers der Alpen:

Ramsau bei Berchtesgaden - Den Blaueisgletscher wird es „wahrscheinlich nur noch wenige Jahre geben - ebenso wie die anderen bayerischen Gletscher“, erklärt Dr. Margherita Stumvoll-Schmaltz von der Forschungsabteilung des Nationalparks Berchtesgaden gegenüber BGLand24.de. Der zweite bayerische Gletscherbericht von 2021 gibt den fünf bayerischen Gletschern noch bis 2030.

Blaueisgletscher

Der Blaueisgletscher ist der nördlichste Gletscher der Alpen und liegt eingebettet zwischen Blaueisspitze (2480 m), Hochkalter (2607 m) und Kleinkalter (2513 m) mitten im Nationalpark Berchtesgaden.

Zu Füßen des Hochkaltermassivs befindet sich der Hintersee in Ramsau bei Berchtesgaden.

Region verliert ein Stück „lokale Identität“: Rückgang des Blaueisgletschers

In welchem Jahr genau das letzte Stück Eis des Watzmann- und Blaueisgletschers verschwunden sein wird, hängt auch von den kommenden Wintern und deren Schnee- bzw. Lawinenmengen ab. Das Abschmelzen des Blaueisgletschers lässt sich jedenfalls nicht mehr umkehren. „Es werden weder die Temperaturen sinken, noch lassen sich die Schneebedingungen, also der Nachschub für den Gletscher, ändern“, so Stumvoll-Schmaltz.

Die Gletscherschmelze sorgt im direkten Umfeld am Berg für „lokal-klimatische Änderungen, vor allem auf Grund des Temperaturanstiegs durch die zunehmend fehlende Kühlung“. Die Lebensräume verändern sich oder entstehen neu.

Im Tal wird das Abschmelzen des Blaueises hingegen kaum zu spüren sein - zumindest klimatisch. „Allerdings sind sowohl der Watzmann- als auch der Blaueisgletscher von touristischer, besonders aber von historischer Bedeutung für die Bevölkerung und die lokale Identität“, so Stumvoll-Schmaltz. Als nördlichster und tiefstgelegener Gletscher Deutschlands sei der Blaueisgletscher eine Besonderheit für die Region. „Sein rasanter Rückgang, wie auch der der anderen bayerischen Gletscher, führt uns den Klimawandel drastisch vor Augen. Auch schließt sich mit seinem Verschwinden ein Kapitel lokaler Berggeschichte – wie Besteigungen, Hüttenbauten, Tourismus und andere, im Zusammenhang mit dem Gletscher stehende Ereignisse und Begebenheiten.“

Massive Volumenverluste an bayerischen Gletschern

Dabei hält sich der Blaueisgletscher noch weit besser als etwa der Südliche Schneeferner an der Zugspitze. Durch seine Ausrichtung gen Norden und die Umrahmung durch steile Felswände ist der Gletscher am Hochkaltermassiv nur geringfügig der Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Dadurch hat der Blaueisgletscher zum damaligen Messzeitpunkt für den zweiten Bayerischen Gletscherbericht „nur“ 48 Prozent seines ursprünglichen Volumens verloren - der weniger mächtige Südliche Schneeferner an der Zugspitze hingegen rund 80 Prozent.

2007 führte Prof. Dr. Wilfried Hagg mit seinem Team erste Messungen zum Volumen des Blaueises durch. Damals maß der Gletscher 400.000 m³. „Bis zum Jahr 2018 schrumpfte das Volumen auf 280.000 m³“, so Hagg, - bei einer durchschnittlichen Dicke von 5,3 Metern und einer maximalen Dicke von 17 Metern.

Am Blaueis- und Watzmanngletscher betreibt Hagg mit seinem Team hauptsächlich ein geodätisches Monitoring, „das heißt, wir vermessen in gewissen Abständen die Eisoberfläche und berechnen die Volumen- und Massenänderungen aus der Differenz zwischen zwei Messungen. Weil hier erste verwertbare Messkampagnen bereits aus dem späten 19. Jahrhundert vorliegen, ergibt sich daraus eine wertvolle Langzeit-Beobachtungsreihe.“

Zur Person

Prof. Dr. Wilfried Hagg forscht an der LMU München mit Schwerpunkt Hydrologie und Glaziologie. 2005 bekam Hagg Projektmittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligt, um die Bayerischen Gletscher zu erforschen.

Die Mittel sind mittlerweile aufgebraucht, dennoch beobachtet Hagg zusammen mit seinen Kollegen von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften die fünf Gletscher weiterhin .

Die Messungen werden jedoch nicht jährlich durgeführt. Ob der Gletscher 2022 bisher stärker geschmolzen ist, als in den Jahren zuvor, lässt sich also kaum beantworten, erklärt Hagg. Eine Bilanz könne erst Ende des Sommers gezogen werden. „Im Schnitt hat der Gletscher in den letzten Jahren circa 80 cm an Dicke eingebüßt.

An der Zugspitze wurde das Schmelzen des Eises dadurch begünstigt, „dass die Schneedecke ein bis zwei Monate früher als üblich verschwand. Der Sommer ist bislang nicht außergewöhnlich heiß, die Gletscher schmelzen dort also nicht intensiver, sondern länger als in den Jahren davor“, so Hagg.

Schneereiche Winter sind Nahrung für die Gletscher

Auch der Glaziologe bestätigt das Ende der Gletscherzeit im Berchtesgadener Land. „Neues Gletschereis bildet sich dort, wo im Jahresmittel mehr Schnee akkumuliert wird als schmilzt. Dies ist in den Berchtesgadener Alpen kaum mehr möglich, weil die Schneegrenze inzwischen deutlich oberhalb der höchsten Gipfel liegt. Eine Umkehr des Schneegrenzanstiegs ist nicht in Aussicht und selbst ein sofortiges Stoppen des Klimawandels könnte das Blaueis leider nicht mehr retten.“

Schneereiche Winter könnten das Ende des Blaueisgletschers nur noch hinauszögern. „Schnee ist einerseits Nahrung für den Gletscher, aus der neues Eis entstehen kann und andererseits schützt eine langandauernde Schneedecke den Gletscher vor intensiver Eisschmelze“, so Hagg. Auch Lawinen dienen dem Gletscher als Nahrung und Schmelzschutz. „Gerade auf niedrig gelegenen Kargletschern unterhalb der Schneegrenze sind Lawinen eine wichtige Zusatznahrung, ohne die viele Gletscher gar nicht mehr existieren könnten.“

Ob 2030 oder wann auch immer das letzte Stück Gletscher verschwindet, „wir werden das Blaueis begleiten, bis kein Eis mehr vorhanden ist“, so der Professor.

ce

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