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Ramsauer Philokartist auf Motivsuche

Anton Resch sammelt schon sein halbes Leben Postkarten als zeitgeschichtliche Dokumente

Acht Bücher hat Anton Resch herausgebracht. Sie geben Einblick in die riesige Sammlung von Ansichtskarten
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Bücher Resch Postkarten.JPG

Hunderttausende Post- und Ansichtskarten sind in den vergangenen Jahrzehnten durch seine Hände gegangen. In Kartons und Alben geordnet hat Anton Resch die schönsten und ältesten seines Sammelgebietes. Der Philokartist aus dem Bergsteigerdorf Ramsau sammelt seit mehr als 30 Jahren und hat mittlerweile acht Bücher zum Thema veröffentlicht. 

Ramsau - Das Album mit dem roten Einband - eines von vielen - birgt Anton Reschs ganz persönlichen Schatz: Ansichts- und Postkarten sind darin enthalten, die älteste stammt aus dem Jahr 1887, ist vom Hintersee - „Königreich Bayern” steht hinten drauf.

„Zeitgeschichtliche Dokumente” nennt Resch die papierenen Kostbarkeiten, deren Wert sich natürlich individuell bemisst. Jedoch: Sammler von Post- und Ansichtskarten gibt es viele. „Ich fahre einmal pro Woche auf Flohmärkte und Großtauschtage”, sagt der Ramsauer. Meist ist sein Ziel dann das benachbarte Österreich, hin und wieder geht es für Resch nach Wasserburg oder München. Dort treffen sich Postkartenhändler, oft mehrere hundert Interessierte blättern sich dann durch die großen Sammlungen, kaufen und tauschen, was das Zeug hält.

Die erste Postkarte hat Anton Resch vor mehr als 30 Jahren archiviert. Damals war der ehemalige Busfahrer Mitte dreißig. „Ich fand alte Postkarten seit langem recht interessant”, sagt er. Man könne darauf die Wandlung eines Ortes, die Veränderung über die Zeit hinweg, nachzeichnen. Begonnen hat der heute 65-Jährige mit dem eigenen Wohnort, dem Bergsteigerdorf Ramsau. Viel Landschaft, wenige Gastwirtschaften, etliche Bauernhöfe - nur 1700 Einwohner zählt die Gemeinde. Postkarten davon gab es aber viele. Die Region war Zielort der Sommerfrischler, schon damals.

Auch die NS-Zeit hat der Sammler in Form von Post- und Ansichtskarten dokumentiert. Hier: Ein überdimensionales Hakenkreuz am Ettenberg in Schellenberg, das man aus der Ferne sehen soll. 

Anton Reschs Sammelgebiet ist die Zeit vor 1960. „Alt müssen die Karten sein”, sagt er. Je älter die Karten, desto besser. Häufig sind historische Ansichtsmotive nur schwer zu finden, teilweise teuer im Ankauf. Postkarten mit Ramsau-Motiv, mit Hochkalter, Watzmann oder der Ortskirche St. Sebastian hat Resch mittlerweile etliche.

Die erste Sammelwelle von Ansichtskarten gab es bis zum Ende des Ersten Weltkrieges im Jahr 1918. Ein nennenswerter Markt für alte Ansichtskarten bildete sich dann ab Ende der 1970er-Jahre. Die meisten Sammler sind sogenannte Heimatsammler, die Karten der Heimatregion oder des Heimatortes zusammentragen.

Anton Resch begann ähnlich. Er zeigt Ramsauer Karten mit alten Bauernhäusern, mit Wirtshäusern des Ortes, Anlasskarten wie etwa jene der Glockenweihe. Viele Gebäude gibt es nicht mehr, andere haben sich äußerlich deutlich verändert. Es gibt Karten, auf denen die Alpenstraße noch nicht existiert. Prinzregent Luitpold beim Eisstockschießen am Hintersee: Das Motiv ist ein besonderes, die Karte gefällt dem Freund der Karten, dem Philokartisten. Blaueishütte, Schärtenalm: In der reichhaltigen Kollektion gibt es zudem eine Vielzahl an Berghütten, viele der Karten sind schwarz-weiß.

Nach wenigen Jahren hatte Anton Resch das Heimatdorf gut abgedeckt. Er erweiterte sein Sammelgebiet auf die umliegenden Gemeinden, “auf den alten Landkreis”, zudem auf das benachbarte Österreich.

Dabei ist es für den Kollektor unwesentlich, ob die Postkarten beschrieben, gestempelt oder mit Briefmarke versehen sind. „Natürlich kann man da interessante Dinge rauslesen”, weiß er. Doch ihm geht es mehr um die Motive. Ein Gutteil der Karten ist auf der Rückseite unbeschrieben, kein Absender, kein Empfänger. Geld mit den Karten zu verdienen, darum ging es Anton Resch nie. Er weiß von Verkäufen von Wiener Werkstätte- und Bauhaus-Kunstschul-Ansichtskarten, bei denen 20 Stück für mehr als 80.000 Euro den Besitzer wechselten.

Dicke Stapel füllen die vielen braunen Kartons, in denen Resch einen Großteil der mühsam angehäuften Sammlung aufbewahrt. Die wichtigsten Karten finden sich thematisch sortiert hinter Klarsichtfolien in den schweren Alben. Anton Resch nennt etwa einen Bestand an Obersalzergkarten zu Zeiten Hitlers sein Eigen. Wenig bekannte Motive sind darin zu finden: Die Obersalzberger Weihnachtsschützen gratulieren zum Geburtstag, die Adolf-Hitler-Höhe, wo später ein Fünf-Sterne-Hotel errichtet wurde, oder des „Führers Landhaus” aus 63.000 Streichhölzern erbaut. „Das ist ein ganz eigenes Sammelgebiet”, sagt Anton Resch.

Der Ramsauer füllt dutzende Seiten umfassenden Ordner mit Reichenhall-Motiven in frühen Zeiten, darunter die Bergbahn am Hessing mit Blick auf die Kurstadt. Resch kennt Sammler, die sich auf Weihnachtskarten spezialisiert haben, solche, die nur Oktoberfest-Bildmotive sammeln. Er selbst bleibt heimatverbunden.

Kürzlich besuchte ihn ein niederländischer Händler, nahm ihm 20 Kartons mit Ansichtskarten ab, „die ich nicht brauche”, darunter Frankreich- und Osteuropa-Motive, die bei großen Tauschgeschäften Teil des Pakets waren, aber jetzt unberührt in der Kiste schlummern. Bei Verlagsauflösungen hat Anton Resch schon häufig zugeschlagen, vor wenigen Wochen landeten bei ihm wieder ein paar tausend Karten zu Päckchen gebunden. „Da nehme ich dann nur die, die für mich von Interesse sind”, sagt er. Den Rest tauscht er bei Flohmärkten. „Ich kenne viele Händler, die relevante Karten für mich zurückhalten”, sagt der leidenschaftliche Sammler.

Vor einigen Jahren kam Resch mit einem Verlag in Kontakt, der Interesse an der umfassenden Kartensammlung hatte. Acht Bücher entstanden im Laufe der Jahre aus der Zusammenarbeit. „Historische Ansichtskarten”, Band 1 bis 8, heißen die je etwa 130 Seiten umfassenden Werke mit tausenden Motiven und von Resch verfassten Kurzbeschreibungen. Jedes der Bücher widmet sich dabei einer bestimmten Region: Berchtesgaden, Reichenhall, Salzburg und Pinzgau.

Anton Resch ist stolz auf die bildreichen Schmöker. „Der erste Band hat sich wie warme Semmeln verkauft”, sagt er, sortiert die Karten, zeigt Motiv um Motiv. Zu jedem hat er etwas zu berichten: Den Limonaden-Fabrikanten aus Marktschellenberg. „Wer weiß heute noch, dass es ihn früher mal gab”, fragt Resch mit einem Grinsen. Der Österreichische Hof mitten in Berchtesgaden? „Definitiv eine rare Ansicht.” Das Richtfest am Hauptbahnhof ist auf Ansichtskarten verewigt, die Königsseebahn während der Entstehung. „Das sind einige Besonderheiten dabei”, freut sich Resch.

Den Kontakt zu weiteren Sammlern zu knüpfen, das ist das Bestreben des Postkartensammlers. „Natürlich gibt es noch viele Fundstücke, die ich noch nicht habe.” Aber das Sammeln ohne Schlusspunkt ist es gerade ja, was das Hobby ausmacht.

kp

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