Wie geht es mit Hotel Hochkalter weiter?

Knapper Baugrund: Ramsau macht sich Gedanken um die Zukunft

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Prof. Dr. Jens Badura engagiert sich mit mehreren Arbeitsgruppen in Sachen Zukunft in der Gemeinde Ramsau.

Ramsau - Wie geht es mit dem Hotel "Hochkalter" weiter, gibt es ausreichend Baugrund in der Gemeinde Ramsau und wo sieht sich der kleine Ort in Zukunft? Andrej Schindler von der gemeinnützigen Stiftung Trias für Boden, Ökologie und Wohnen stand im Rathaus der Gemeinde Rede und Antwort.

Für den Experten ist klar: „Wohnen ist angesichts dramatisch steigender Kosten in Zukunft nicht mehr einfach.“ Dass man sich in Ramsau Gedanken über die Zukunft des bei Urlaubern beliebten Ortes macht, ist spätestens an diesem Abend nicht mehr von der Hand zu weisen. Die Grundstückspreise steigen, Bauland ist selten, schöne Wohnungen sind vor allem als Zweitwohnungen für Auswärtige von Interesse. „Und die Zahl der Betten geht seit Jahren zurück“, sagt Fritz Rasp, Tourismus- Verantwortlicher. Gab es einst über 3000 Betten für Urauber, sind es heute lediglich noch 2000. In Ramsau kommt hinzu, dass ein ehemaliges Hotel mitten im Ortskern seit langem leer steht. Die Gemeinde bemühte sich in den vergangenen Monaten vergeblich darum, einen Interessenten zu finden, der hier wieder einen Hotelbetrieb aufbaut. Ein möglicher Interessent hatte Interesse bekundet, war dann aber wieder abgesprungen. Jetzt sucht man weiter nach Möglichkeiten, das große Haus wieder fit für die Zukunft zu bekommen. 

Andrej Schindler von der Stiftung Trias sagt, dass es nicht unbedingt ein Investor sein müsse, der hier viel Geld in die Hand nimmt. Das sehen auch weitere Ramsauer Bürger so, die sich tatkräftig für den Ort engagieren, unter anderem Prof. Dr. Jens Badura, der innerhalb des Modellprojektes „Bergsteigerdorf“ mehrere Arbeitskreise initiiert hat, innerhalb derer Themen wie fehlender Wohnraum oder die demografische Entwicklung innerhalb des Ortes diskutiert werden. Denn die Ramsauer werden älter, „unsere Kinder verlassen den Ort, es gibt viele Familien, die ein Eigenheim suchen, aber nichts mehr bekommen“, sagt eine Mitbürgerin. 

Die Gemeinde hat wenig potenziellen Baugrund in petto, plant aber, den vorhandenen zu veräußern. Weil der Schuldenstand hoch ist und in den nächsten Jahren weiter steigen soll, hat man den Verkauf des existierenden Grundes bereits fest in die zukünftige Finanzplanung eingerechnet. Andrej Schindler sagt, dass der bloße Verkauf eines gemeindeeigenen Grundstücks die schlechteste Wahl sei, da man damit wertvollen Grund einfach veräußere. „Der Grund ist dann weg.“ Tatsächlich gibt es im Ort kaum mehr Flächen, die für eine Wohnbebauung zur Verfügung stehen. Schindler sagt: „Die Form des gemeinschaftlichen Lebens ist in den vergangenen zwanzig Jahren immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Waren es damals noch ein paar "Verrückte", sind es heutzutage vor allem Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die neue Wohnprojekte gründen.“ 

Laut Schindler befinde sich die Gesellschaft in einem „deutlichen Wandel“. Menschen würden immer älter. Die Folge: „Eine Gesellschaft mit sehr vielen alleinstehenden älteren Personen.“ Familienstrukturen brächen auf, „das klassische Modell mit Mutter, Vater und zwei Kindern ist mittlerweile eine Seltenheit.“ Patchwork-Familien und Single-Haushalte nehmen zu. Grundsätzlich gelte: Immobilien-Eigentum werde immer unwichtiger, weil die Mobilität, sei es aus beruflichen oder privaten Gründen, stark gestiegen sei. „Natürlich trifft das nicht für alle Regionen zu“, so Schindler, der den Bedarf und die Situation der Ramsauer Bürger nachvollziehen kann. „Im Vergleich zu Ballungszentren hat man hier paradiesische Zustände“, sagt Schindler. 

Dennoch müsse die Frage erlaubt sein, wieso man eine Immobilie besitzen müsse. Vielmehr könne man sie auch auf Lebenszeit besitzen. So gebe es etwa bei kirchlichen Grundstücken oftmals noch das Erbbaurecht, jenes Recht, meist gegen Zahlung eines regelmäßigen sogenannten Erbbauzinses, auf einem Grundstück ein Bauwerk zu errichten oder zu unterhalten. Schindler gibt während seiner Ausführungen lediglich Ratschläge, nennt Ansatzpunkte, an denen man anknüpfen könne. Natürlich müsse man die Ramsau als touristischen Standort erhalten und gestalten, weil hier mit dem Tourismus der Großteil der Einnahmen erzielt werde. „Allerdings dürfen die Bürger nicht vergessen werden.“ 

Gemeinschaftliche Wohnprojekte seien eine Möglichkeit, wie man günstig Wohnraum für Einheimische schaffen könnte. Gemeinschaftsprojekte, in denen es etwa auch Räume gebe, in denen man sich begegnen könne, seien grundsätzlich auch „rentable Modelle“. Das gelinge dann, so Schindler, wenn man eine Genossenschaft gründe, die das auch gemeinschaftlich finanziere. Dass so etwas funktioniert, hat etwa auch die Hochschwarzeckbahn in Ramsau bewiesen. Auch dort fanden sich in kürzester Zeit zahlreiche Bürger, die das Projekt mit Geld unterstützten, 160000 Euro kamen zusammen, seitdem läuft die Bahn. Schindler zeigte anhand einiger Beispiele, wie Genossenschaftsmodelle funktionieren, wo sie umzusetzen seien. „Alle Probleme können gemeinschaftlich gelöst werden“, sagt er. 

Auch die Sache mit dem Hotel „Hochkalter“ erachtet er als Möglichkeit, genossenschaftlich aktiv zu werden. „Es geht im ersten Schritt nur darum, zu schauen, ob sich überhaupt ausreichend Bürger finden, die so etwas unterstützen.“ Auch die Gemeindefläche, die verkauft werden soll, sei interessant, dass man sie zusammen angeht, eventuell mit dem Erbbaurecht belegt. Natürlich gehe es als Genossenschaft nicht darum, Renditen zu erzielen, aber darum, wirtschaftlich zu bleiben und alle Kosten decken zu können. Mit der Erbbaurechtsvariante könne man Zinsen erzielen, insgesamt, auf lange Sicht gesehen, würde die Gemeinde sogar mehr Geld einnehmen, als wenn sie das zur Verfügung stehende Grundstück auf einmal verkaufe. Tourismusdirektor Fritz Rasp hat Bedenken, dass ausreichend Bürger zusammenfänden, die sich gemeinschaftlich engagieren. Ein anderer Bürger sagt, dass es einem typischen Ramsauer wichtig sei, Eigentum zu besitzen, demnach seien Wohngemeinschaften vielleicht nicht das richtige Mittel, zukunftsfähig zu sein. Bürgermeister-Stellvertreter Rudi Fendt sagte, dass der Tourismus-Aspekt derzeit kippe, „wir haben ein begrenztes Angebot“. Ein „Umdenken“ sei erforderlich. Einige Bürger können sich ein gemeinschaftliches Engagement vorstellen, Jens Badura macht den Vorschlag, auszuloten, ob ausreichend Ramsauer zusammenkämen, um sich in Sachen Hotel und Grundstück zu engagieren. Diesbezüglich soll nun ein Termin gefunden werden, an dem man miteinander über Möglichkeiten des Engagements diskutiert. „Wir werden schauen, dass der Termin bald zustande kommt“, so Jens Badura.

Kilian Pfeiffer

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