Mit dem Pinsel der Unschuld

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Berchtesgaden - Die Künstlerin Wang Yani, ehemals weltberühmtes, malendes „Wunderkind“, zeigt bei einem „Public Painting“ in Berchtesgaden ihr Können.

In der Galerie „Ganghof“ ist es mucksmäuschenstill. Nur ein Pinselstrich ist zu vernehmen. Wie er über das Blatt Papier gleitet, langsam, aber zielsicher. Viele Interessierte haben sich in der überschaubaren Lokalität eingefunden. Sie lehnen am Geländer, sitzen auf Stühlen, auf der Treppe. Und konzentrieren sich auf „die Attraktion des Abends“, die Chinesin Wang Yani, zwischenzeitlich deutsche Staatsbürgerin. In den 80er Jahren wurde sie als malendes „Wunderkind“ bezeichnet. Im Kongresshaus in Berchtesgaden hat sie schon vor 20 Jahren öffentlich gemalt. Mit Affen in ihren Werken ist sie berühmt geworden. „Ich male aber keine Affen mehr“, sagt sie heute – und demonstriert in einem „Public Painting“ ihr Talent.

Wang Yani ist eine zierliche Frau, sie ist verheiratet, lebt in München. Ein deutsches Leben. In Südchina, dort, wo sie aufwuchs, war das Leben ein anderes. Ein sehr öffentliches. Das beschreibt auch ein Film, der in der Galerie „Ganghof“ über Wang Yani gezeigt wird. Yani als vier-, als fünf-, als sechsjähriges Kind. Immerzu mit einem Pinsel in der Hand, den sie aufmerksam über das Papier zieht.

„Brush of Innocence“ – Pinsel der Unschuld, so wurde sie einst auf einem Plakat bezeichnet. Wenige Striche genügen, um ausdrucksstarke Motive auf das Blatt zu bringen. In der Galerie „Ganghof“ zeigen sich die Betrachter des Films begeistert. Was folgt, ist Wang Yani live. Für die Kunstfreunde im Raum ist das ein einzigartiger Höhepunkt. Einige davon haben Yani bereits vor 20 Jahren im Kongresshaus malen sehen. Damals war sie noch ein Kind. Heute ist sie eine erwachsene Frau, hat selbst drei Sprösslinge. Und daher auch kaum Freiraum, selbst zu malen. „Mir fehlt die Zeit“, sagt sie. Ihre Kinder sind klein. Noch zwei Jahre würde es dauern, „dann malt sie wieder“, hofft Günther Schödel, Deutscher Botschafter in China a. D.

Wang Yani in Berchtesgaden

Er und seine Frau Erika waren es, die Wang Yani während einer Goethe-Veranstaltung in China erblickt hatten. „Da war Wang sechs Jahre alt und malte gerade ihre Affen“, sagt Erika Schödel. Das kleine Mädchen habe sie fasziniert, „wir haben sie zu uns nach Hause eingeladen. Da hat sie dann gleich drei Bilder in Folge gemalt.“ Ein ganz gewöhnliches Kind sei Wang gewesen. Eines, das Freude am Malen hatte. Mehr nicht. Aus den Augen verloren haben die Schödels die Künstlerin dann nicht mehr. Sie begleiten sie bis heute, auch bei vielen ihrer Ausstellungen in London oder den USA. Das Verhältnis ist ein familiäres.

Für ihre Kunst kann Wang Yani viel Geld verlangen. 8000 Euro für ein spätes Werk sind üblich. „Ich bin nervös“, flüstert Wang in Günther Schödels Ohr. Gleich soll sie, die dreifache Mutter, in der Galerie „Ganghof“ malen. In weltbekannten Häusern wurden ihre Werke ausgestellt, ihre Motiv zieren sogar eine chinesische Briefmarke. Die Künstlerin zupft an ihrem Kleid, die Aufgeregtheit steht ihr ins Gesicht geschrieben. Das macht sie sympathisch. Ihr Arbeitswerkzeug ist auf einer großen Tischplatte ausgelegt, ein Stück Reispapier liegt vor Yani. Aus kleinen Tuben drückt sie die kräftigen Tusch-Farben in ein kleines Behältnis. Ihre Hände zittern ein bisschen. Günther Schödel, der Ex-Botschafter, versucht den kunstinteressierten Zuschauern den Moment zu erklären. Die Künstlerin befinde sich nun in einem meditativen Zustand. Das Bild, das sie gleich malen werde, entstehe gerade in ihrem Kopf. Sei dieses abgeschlossen, könne der praktische Teil beginnen.

„Dann geht alles recht schnell, sie wirft es in einem Zug auf die Seite“, weiß Schödel. Als Wang Yani nach dem Malwerkzeug greift, weiß sie, was sie vorhat. Sie tupft den Pinsel in die blaue Tusche, noch ein wenig Wasser. Dann gleitet sie über das Reispapier, der Untergrund saugt sich voll. Ein Arbeitsschritt folgt auf den nächsten, ein weiterer Pinsel kommt ins Spiel, noch ein paar Striche, über Jahre bewährte Bewegungen. Dann etwas rote Farbe. Die Ausdrucksstärke wächst mit den Strichen. Ein großer weißer Fleck bleibt unberührt. „Das ist für chinesische Malerei typisch“, kommentiert Schödel. Harmonie schwinge in den Bildern der Künstler mit. Typisch sei auch, dass die gemalte Bildkunst in der Regel auch kalligrafisch erklärt werde. Jetzt folgt noch der obligatorische Stempel, der das Bild erst zu dem macht, was es ist. „Lotusblume“, flüstert Wang Yani. Der Applaus ist groß. Diese chinesische Kunst bedarf keiner Erklärung. Die Erklärung versucht indes Schödel zu liefern: „Sie malt uns einen Blütenzweig und schenkt uns den ganzen Frühling.“

kp

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