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Dokumentation Obersalzberg

Ausstellungsfilm wurde aufbereitet und steht Öffentlichkeit zur Verfügung

3,2 Millionen Besucher in 22 Jahren: die Dokumentation Obersalzberg.
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3,2 Millionen Besucher in 22 Jahren: die Dokumentation Obersalzberg.

Als „filmisches Meisterwerk” würde Autor Ulrich Chaussy seine Dokumentation heute zwar nicht mehr bezeichnen. Hunderttausende haben den Film “Obersalzberg - Vom Bergbauerndorf zum Führersperrgebiet” aber gesehen, der 22 Jahre lang exklusiv in der Dokumentation Obersalzberg lief.

Berchtesgaden – Inhaltlich überzeugt der Film auch heute noch. Seit wenigen Tagen läuft der Streifen, in dem Zeitzeugen unter anderem über die Vertreibung Einheimischer berichten, auf YouTube. Für die neue Ausstellung plant das Institut für Zeitgeschichte zudem eine neue Dokumentation.

Die Aufarbeitung der Geschichte rund um den Obersalzberg und die Vertreibung der Einheimischen beginnt mit einer Recherche von Ulrich Chaussy. Der WDR hatte Chaussy Ende der 1980er-Jahre auf Recherche geschickt, die Dokumentation Obersalzberg gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. „Ich fand dort unsägliche Erinnerungsbroschüren”, sagt er. Touristen konnten diese kaufen, allesamt unkommentiert. Keine Rede von der Vertreibung ehemaliger Bewohner. „Die Recherche ließ mich nicht los”, sagt Chaussy, der Mitte der 1990er-Jahre auf Basis seiner Recherchen das Buch „Nachbar Hitler - Führerkult und Heimatzerstörung am Obersalzberg” veröffentlichte.

Die „Geschichten hinter der Geschichte” faszinierten ihn in besonderem Maße. „Ich kümmerte mich systematisch darum, möglichst viele Zeitzeugen zu finden.” Mittlerweile liegt das Buch in achter Auflage auf, hat sich zum Bestseller entwickelt. Chaussys Nachforschungen am Berg kann man im Rückblick durchaus als Erfolg bezeichnen. Zahlreiche Obersalzberg-Bewohner zeigten Bereitschaft für Gespräche. Das Ziel: Möglichst viele Interviews führen, sagt Chaussy. 

Der Autor des Films, Journalist und Historiker Ulrich Chaussy.

Mit dem Buch „Nachbar Hitler” hatte der Autor, basierend auf den Recherchen am Obersalzberg, ein erfolgreiches Fachbuch am Markt etabliert. Unter Lokalpolitikern in und um Berchtesgaden stieß das Buch auf wenig Gegenliebe. „Ich habe mir damals keine Freunde gemacht.” Der Obersalzberg und dessen Geschichte waren ein sensibles Thema, bargen Sprengkraft, was die zukünftige Ausrichtung anging - Aufklärung als Gegengift -, und wie sich dies alles auf das Umfeld und den Tourismus auswirken könnte.

Damals hieß es, man dürfe kein Hotel auf dem Obersalzberg errichten, dort, wo „mörderische Politik” betrieben wurde, sagt Chaussy. Erst als sich Erfolg einstellte, die Ausstellung von deutlich mehr als jenen prognostizierten 40.000 jährlichen Besuchern aufgesucht wurde und das Tourismusmarketing aufsprang, war man von der Einrichtung überzeugt.

In einer Arbeitsgruppe rund um den bereits verstorbenen Volker Dahm und den stellvertretenden Fachlichen Leiter und Kurator der Dokumentation Obersalzberg, Albert Feiber, wurden ab Mitte der 1990er-Jahre Inhalte für die neue Ausstellung konzipiert. Für die Verantwortlichen der Obersalzberg-Ausstellung war Chaussy von Anfang an der richtige Mann: Für eine Film-Dokumentation, die dauerhaft und exklusiv in der Ausstellung, am neu zu schaffenden Erinnerungsort, gezeigt werden sollte, griff der Journalist auf sein regionalgeschichtliches Archiv zurück.

Die Interviews, die er Ende der 1980er-Jahre geführt hatte, waren Gold wert, die meisten der Protagonisten ein Jahrzehnt später bereits gestorben. „Das historische Fenster der Zeitzeugenschaft hatte sich allmählich geschlossen”, sagt der heute 70-jährige Chaussy. 

Die knapp 29-minütige Dokumentation, die bislang nur am Obersalzberg gezeigt wurde, läuft dort seit 22 Jahren. Zehntausende Male wurde sie abgespielt, von hunderttausenden Besuchern angesehen. „Die lokalen Zeitzeugen, die über den Wandel des Berges im Laufe der Zeit berichten, haben uns motiviert, das Video jetzt auch öffentlich zugänglich zu machen”, sagt Dr. Mathias Irlinger, Bildungsreferent in der Dokumentation Obersalzberg. 

An die Überreste von Hitlers Berghof erinnern heute noch die Grundmauern.

Für jede Bildsequenz mussten die Mitarbeiter des zuständigen Instituts für Zeitgeschichte im Laufe der vergangenen Monate die Bildrechte einholen, da der Verwendungszweck nun ein anderer ist, jeder Interessierte per Klick den Film im Internet anschauen kann. Die historischen Filmaufnahmen, die neben den regionalgeschichtlichen Parts gezeigt werden, sind im Eigentum von Agenturen und Archiven.

Auch die finanzielle Frage stellte sich dabei. Deshalb wurde die Dokumentation auch „leicht überarbeitet”, sagt Bildungsreferentin Leonie Zangerl. Einige Sequenzen und Bilder mussten ausgetauscht, deutsche und englische Untertitel für die Videoplattform YouTube geschrieben werden. Der bürokratische Aufwand sei immens gewesen, erinnert sich Zangerl. 

Die Dokumentation, in der Zeitzeugen über das Leben am Obersalzberg unter Hitler sprechen, über die Veränderungen am Berg unter zunehmendem Einfluss des Diktators, sei immer „ein großer Anziehungspunkt der Ausstellung gewesen”, sagt Zangerl. Der Film sei das Sahnehäubchen nach einer bild- und textlastigen Führung durch die von 3,2 Millionen Gäste besuchte Einrichtung gewesen. 27.000-mal ist die Dokumentation auf VHS und DVD im Laufe von zwei Jahrzehnten zudem verkauft worden. „Die Schließung der Einrichtung war ein guter Anlass, den Film jetzt allen zugänglich zu machen”, sagt Mathias Irlinger. 

Darin wird der Obersalzberg als einst idyllisches Bergdorf gezeigt, als organisch gewachsene Einheit mit vielen Bergbauernhöfen und einer zunehmenden Anzahl von Sommervillen begüterter Städter, die das Geld auf den Berg brachten. Carl von Linde etwa, Ingenieur und Erfinder und Gründer eines internationalen Konzerns, oder Arthur Eichengrün, Chemiker und Wegbereiter des Arzneimittels Aspirin.

Als Hitler auf den Berg kam, kamen die Wallfahrer, boten ein „deprimierendes Bild”, vor dem Zaun stehend und auf Hitler wartend, wie Zeitzeuge Johannes Baumann sagt: “Wir wollen unseren Führer sehen, wir wollen unseren Führer sehen, riefen sie immer.” Johanna Stangassinger, einst Obersalzberg-Bewohnerin und mittlerweile verstorben, sagt im Film: „Die Leute waren in Ekstase.” Wer ihm die Hand geben durfte, wollte sich diese nicht mehr waschen.

Zeitzeugin Johanna Stangassinger lebte einst auf dem Obersalzberg.

Kieselsteine, auf denen Hitler stand, wurden als Andenken mit nach Hause genommen. „Es war ein Kasperltheater”. Sonderzüge kamen nach Berchtesgaden, die Blasmusik empfing die wallfahrenden Gäste bereits am Bahnhof. Mit dem Ausbau zum Führersperrbezirk mussten angestammte Bergbauern ihre Häuser und Höfe verlassen, wurden zwangsenteignet oder verkauften zu schlechten Bedingungen. Schließlich folgte 1945 die Bombardierung des Berges.

Für den Erweiterungsbau der Dokumentation Obersalzberg, dessen Eröffnung für Ende 2022 angekündigt ist, wird es einen neuen Film geben, verspricht Bildungsreferent Irlinger. Über dessen Inhalt äußern, könne er sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. 

kp

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