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Steht sie wirklich „vor dem Abgrund?“

Experten schildern Situation: So geht es der Gams in Zeiten des Klimawandels

Vor dem Gespräch in der Nationalparkverwaltung. (v.l.n.r.): Dr. Roland Baier (Nationalparkleiter), Dr. Rudolf Reiner, Alfons Leitenbacher, Hans Berger.
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Vor dem Gespräch in der Nationalparkverwaltung. (v.l.n.r.): Dr. Roland Baier (Nationalparkleiter), Dr. Rudolf Reiner, Alfons Leitenbacher, Hans Berger.

Die Gams ist das Symboltier der bayerischen Alpen. Gämsen sind typische Bewohner alpiner und subalpiner, unwirtlichster Lebensräume. Der auch in den Alpen deutlich spürbare Klimawandel macht den an kalte Bedingungen angepassten Tieren das Leben im Hochgebirge schwerer. Aber geht es dem heimischen Gamswild wirklich so schlecht, dass es „vor dem Abgrund“ steht, wie manche Stimmen wissen wollen?

Berchtesgaden - Ist es gerechtfertigt, von „deutlicher Gefährdung“  und „massiven Störungen“ bei den Gamspopulationen zu sprechen? Und was bedeutet das für das jagdliche Management der Alpengams? Als Wildbiologe beim Nationalpark Berchtesgaden befasst sich Dr. Rudolf Reiner intensiv mit dieser Charakterart unserer Berge und untersucht unter anderem das Zusammenspiel des Gamswilds mit seiner Umwelt im Klimawandel. Kürzlich informierten sich Alfons Leitenbacher, Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) und Hans Berger, Vorsitzender der BJV-Kreisgruppe Berchtesgadener Land  bei der Nationalparkverwaltung zu diesem Thema. Die Heimatzeitung war mit Fragen dabei.  

Dr. Reiner geht es der Gams in den bayerischen Alpen wirklich so schlecht? 

Reiner: Großräumig betrachtet sicher nicht! Es ist aber nicht auszuschließen, dass gewisse Gamspopulationen in ihrer Bestandshöhe rückläufig sind. Oder anders gesagt: Wir sind in manchen Gebieten nicht am Höchststand, dass eine Population in ihrem Fortbestand gefährdet ist, wurde nicht nachgewiesen. Es gibt Fluktuationen, auch ohne Bejagung. Die hängen stark vom Lebensraum und der Witterung ab. Blickt man über die Grenzen von Bayern hinaus und betrachtet den gesamten Alpenbogen, zeigt der letzte Bericht der Naturschutzunion (IUCN), dass es auch innerhalb von Nationalstaaten (z.B. Schweiz, Österreich, Italien und Frankreich) unterschiedliche Entwicklungen der Gamsbestände gibt.

Generell sind vor allem im hochalpinen Bereich Rückgänge zu verzeichnen. Für das Gebiet des Nationalparks Berchtesgaden kann man aus Gamszählungen und Jagdstreckenanalysen ableiten, dass es hier einen Höchststand an Gamswild in der ersten Hälfte der 1990er gab. Dann kam es zu einer Reduktion, seit 2006 sind die Bestände aber stabil. In den letzten Jahren beobachten wir wieder eine leicht steigende Tendenz.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf die Gamspopulationen?  

Dr. Reiner: Gämsen im Hochgebirge verlieren aufgrund der Klimaerwärmung an Körpergewicht, und zwar umso mehr, je wärmer der Frühling und Sommer ist. Dazu gibt es eindeutige Ergebnisse aus Italien, der Schweiz, Österreich, die wahrscheinlich auch auf den Berchtesgadener Raum übertragbar sind. Dazu forschen wir gerade. Dies gilt nicht für Gämsen, die im Wald leben, wo es schattig ist und die Tiere dadurch weniger Energie verbrauchen und gleichzeitig mehr Zeit für die Nahrungsaufnahme verwenden. Zudem verlagert sich im Hochgebirge mit der Erwärmung der Vegetationsbeginn nach vorne.

Der Zeitpunkt der Geburt der Kitze verschiebt sich aber nicht und war seit jeher auf die Zeit der energiereichsten ersten Grünäsung für die Muttertiere abgestimmt. Diese Diskrepanz führt dazu, dass die Kitze nicht mehr optimal ernährt werden können und ein geringeres Körpergewicht haben.  Auch gehen Gämsen bei hohen Temperaturen nicht auf Nahrungssuche, sondern ruhen, wenn es ihnen tagsüber zu heiß wird. 

Die Gams im Nationalpark Berchtesgaden

In unseren Bergen wird das Gamswild teils recht intensiv bejagt. Ist das wirklich notwendig?   

Reiner: Ob und wie intensiv Wildtiere bejagt werden müssen beziehungsweise können, ist weniger eine Frage der Wildbiologie, sondern hängt vielmehr von der menschlichen Zielsetzung ab. Grundsätzlich muss man zwischen Lebensräumen differenzieren. Im Wald beispielsweise wird die Jagd durch den von Gämsen verursachten Verbiss gerechtfertigt, der die Zielsetzung des Waldumbaus gefährden kann. Im Hochgebirge sollte man zurückhaltender jagen. In der Kernzone des Nationalparks verzichten wir sogar vollständig auf die Bejagung der Gams.  

Leitenbacher: Im Schutzwald braucht es die Gamsjagd, um den Verbiss zu reduzieren und die Schutzfunktionen der Wälder zu erhalten. Das muss in diesem sensiblen Lebensraum oberste Priorität haben! Ein gutes Beispiel ist die Weißwand, die auch zum Lebensraum der Gams gehört und wo der Wald ungehindert aufwachsen können muss. Der Wildbestand muss so gemanagt werden, dass dieses Ziel nicht gefährdet ist, vor allem wenn es die Gämsen bei zunehmender Erwärmung in den Wald zieht.   

Und was meint der Jäger dazu? 

Berger: Ein klares Ja zur Jagd, aber genau hinschauen, was erforderlich ist und nur so lange die Gesamtpopulation nicht gefährdet ist. Oder, wie Dr. Reiner es zusammengefasst hat „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ jagen. Ich richte einen Appell an alle Verantwortlichen mit dem Gamswild, dieser besonderen Wildart, behutsam umzugehen. Bei auftretenden Verbissschäden in Sanierungsflächen sollte der Fokus auch auf die anderen Wildarten, vor allem auf das Rehwild gerichtet werden! 

Dr. Reiner könnten Sie ihre Empfehlung für eine Bejagungsstrategie bei der Gams kurz zusammenfassen?

Reiner: Für mich gilt: zurückhaltende Bejagung über der Waldgrenze, im Wald tendenziell mehr jagen, zeitlich und räumlich noch genauer planen und je nach Lebensraum differenzieren. Aus wildbiologischer Sicht ist es eher gerechtfertigt jüngere Stücke zu erlegen, denn für den Erhalt des Bestandes sind alte Tiere wichtig und sollten daher im Bestand bleiben. 

Leitenbacher: Der Erfolg der Schutzwaldsanierung wird in regelmäßigen Abständen begutachtet. In zahlreichen Fällen zeigt die intensive Bejagung unter Einbeziehung von örtlich abgegrenzten Schonzeitaufhebungen bereits positive Wirkung. Andernorts ist der Verbiss immer noch zu hoch. Deshalb muss und kann die Jagdstrategie durch diese Erkenntnisse passgenau nachgesteuert werden, wie es beispielsweise am Forstbetrieb Berchtesgaden bereits geschehen ist.

Welchen Sinn machen Gamszählungen in diesem ganzen Gefüge? 

Dr. Reiner:  Absolute Zahlen wird man durch Gamszählungen nicht richtig erfassen können, aber der Trend der Bestandesentwicklung ist wichtig. Deshalb müssen solche Zählungen langfristig ausgerichtet sein. 

kon

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