Mühsame Rettungsaktion bei toten Tieren

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Schönau am Königssee - Das Gebeinhaus der Gamsen, Steinböcke und Murmeltiere: Durch ein unscheinbares Loch im Boden fallen die Tiere in die Tiefe, irren verletzt umher und verenden in den Gängen.

Die Gotzenbeinhöhle liegt oberhalb des Stiergrabens im Seeleinsee-Gebiet; in einer mühsamen Rettungsaktion haben die Höhlenretter der Bergwacht Freilassing unter widrigen Bedingungen mit viel Kraft und Kreativität die Versorgung und den Abtransport eines liegenden Patienten geübt – sechs Stunden lang bei Feuchtigkeit und Kälte, vorbei an Engstellen und durch bis zu 20 Meter hohe horizontale Schächte. Neben Einsatzkräften der Bergwacht Berchtesgaden war auch Markus Leitner von der Pressestelle des Roten Kreuzes mit dabei; hier schildert er seine Eindrücke.

Die erste Reibn des Winters

In aller Herrgottsfrüh geht’s mit zwei Bergwachtautos und jeder Menge Gepäck von Hinterbrand über die Forststraße rauf in Richtung Priesbergalm. Langsam wird’s hell und an der Steigung oberhalb der Königsbachalm ist erst einmal Schluss: „Schneeketten aufziehen, denn das Wegerl ist vereist!“, meint unser Fahrer Klaus Kronawitter. Wir robben im Dreck umher und jede Menge flinker Finger zurren innerhalb weniger Minuten ein ungeordnetes Eisengewand über die acht Reifen.

„Wie ging das nochmal?“ – jeden Winter eine neue Herausforderung. Klaus bessert mit geübten Handgriffen nach; die Ketten sitzen und sorgen für den notwenigen Griff, denn jetzt wird’s richtig steil: Gemächlich klettert der Freilassinger Iglhaut-Vito über die Eisplatte bergauf, in einigem Abstand gefolgt vom Pinzgauer der Berchtesgadener; Klaus sitzt unbeeindruckt von der Steigung hinterm Lenkrad und erklärt Peter Hogger nebenbei, wie er das Getriebe schalten muss.

Am Priesberg ist die Straße aus und wir packen die gesamte Ausrüstung und Verpflegung für den weiteren Aufstieg um auf Kraxn und in Rucksäcke. „Höhlenrettung würde noch viel mehr Spaß machen, wenns nicht immer so eine Materialschlacht wäre“, klagt Peter, der sich neben seiner persönlichen Schutzausrüstung noch einen Seilsack, Teile einer Spezialtrage und jede Menge Brotzeit und Getränke auf dem Buckel schnallt – da sind schnell 20 Kilo beinander.

Der erste Schnee hat die Landschaft um uns herum eingehüllt und mit zunehmender Höhe wird’s immer winterlicher. Für eine Skitour reichts noch nicht ganz – trotzdem, es ist die erste Reibn des Winters 2010/2011 … eine kleine halt und zum Schwitzen langt sie allemal. Jetzt nur noch ein bisschen mehr Gepäck und ein paar Elefanten und unsere bunte Kolonne würde glatt als Teil von Hannibals Alpenüberschreitungstruppe durchgehen … naja, fast.

Pass auf, sonst liegst du unten bei den Knochen!

Nach einer knappen Stunde und rund 20 Minuten unterhalb des Seeleinsees zweigen wir in Richtung der Laafeld-Wände ab, hangeln uns an einem Seilgeländer über einen rutschigen Steilhang nach oben und treffen in 1765 Metern Höhe den Rest der Gruppe, der nach einer kurzen aber intensiven Nacht auf der Seeleinsee-Hütte bereits die ersten Vorbereitungen für den Einstieg getroffen hat.

„Hallo Peter, hallo Rudi, hallo Markus, hallo Beni, hallo Tobi, hallo Siegi!“ – Hubert Glässner begrüßt uns alle einzeln, als wir auf dem kleinen Plateau oberhalb des Stiergrabens ankommen. Er, der Tierarzt und Bergführer hat die Höhle bereits im Sommer erkundet und die Übung vorbereitet und ausgearbeitet.

Während wir verschwitzt in Unterhosen im Schnee stehen und unsere Höhlenschlaze anziehen, guckt zwischen den verwaschen weißen Nebelwolken diffus die Herbstsonne hervor und hüllt die komische Szenerie in ein silbergraues, unwirkliches Licht. „Wo war nochmal gleich die Höhle?“, frage ich Mani Huber, der heute den Patienten spielen darf. Bei viel Schnee ist er komplett bedeckt, der unscheinbare rund zwei mal drei Meter große Schachteinstieg und wenn man nicht aufpasst, geht’s einem wie den Bergtieren: Man fällt hinunter und kommt nicht mehr rauf. Übrig bleiben dann nur die Knochen.

Am 18. April diesen Jahres hatte ein 47-jähriger Skifahrer am Edelweißlahner im Gebiet der Reiter Alpe tausend Schutzengel, als er nach einem Absturz in ein solches Loch von der Bergwacht lebend gerettet werden konnte – und auch nur deshalb, weil seine Begleiterin besonnen reagiert hatte und rasch den Dolineneingang fand.

Besser als Indiana Jones

Zwölf Männlein in gelben und roten Overalls stehen bald komplett mit Spezialgurten, Helmen, Stirnlampen, Abseil- und Aufstiegsgeräten, Bohrmaschinen und Seilen ausgerüstet im Schnee und gleiten nacheinander am Seil die ersten zehn Meter in die Tiefe: Unterhalb des unscheinbaren Lochs tut sich eine interessante alpine Schachthöhle auf:

Hubert, Rudi Hiebl und Thomas Stöger setzen wenige Meter tiefer Bohrhaken für die zweite Zehn-Meter-Abseilstelle; wieder geht’s am Seil tiefer in den Berg hinein. Scharfkantiger, griffiger Dachsteinkalk lädt zum Klettern ein und im Licht der LED-Lampen erscheinen nach zwei Stufen die ersten Gerippe. „Gebeinhaus“ heißt der Ort mit schaurigem Ambiente auf einer über 30 Jahre alten Karte. Durch die spaltenartigen und zerklüfteten Gänge weht ein kühler Luftzug und unterhalb in der Tiefe hört man Wasser plätschern.

„Höhlenausgang von Rettungstrupp – Frage Verständigung?“ – „Klar und deutlich!“, antwortet Bereitschaftsleiter Siegi Fritsch, der am Eingang Protokoll führt. Unerwartet haben wir an vielen Stellen innerhalb der Höhle trotz des massiven Gesteins eine störungsfreie Funkverbindung zur Oberfläche. Das Kabel-Höhlentelefon musste heute gewichtsbedingt mit Klaus wieder zurück nach Freilassing fahren – vermissen tut es jetzt sowieso niemand, das schwere Teil. „Dummerweise war aber auch die Belohnungsschokolade mit im selben wasserdichten Sack“, ärgert sich Peter, der seine Truppe ansonsten gern am Ziel mit Süßigkeiten versorgt.

Rettungsübung bei den Toten Tieren

„Ein Aufstieg mit viel Ballast durch ein verschneites Gebirgstal, Tierschädel, abenteuerliche Männer und Frauen und Flaschenzüge durch senkrechte Schächte: Hier geht’s ab wie in einem Indiana-Jones-Film“, geistert es mir durch den Kopf, doch wir sind zu Hause im Berchtesgadener Land, alles ist echt und unsere eigene schöne Welt; nix Hollywood, sondern Höhlenrettung der Bergwacht-Region Chiemgau!

Muskelbetriebener Aufzug zurück ans Tageslicht

Weitere 20 Abseilmeter tiefer in der Dunkelheit liegt Mani Huber geduldig auf einer Isomatte und wartet neben Schädeln, Rippen und Gebeinen auf Hilfe. Er soll mehr Glück als die Tiere haben: Als die Retter bei ihm eintreffen, kümmern sie sich zunächst um seine fiktiven Verletzungen und den Wärmeerhalt. Dann beginnt die eigentliche Arbeit: 85 Meter hoch und 330 Meter lang ist sie laut Plan – die Gotzenbeinhöhle. Eigentlich nicht besonders groß, doch Schwerstarbeit für die Einsatzkräfte.

„Nest“ heißt die neue Rettungstrage, die getestet werden soll, und sie wird ihrem Namen gerecht: Aus etlichen scheinbar windigen Stangen und Platten entsteht ein stabiler Korb, in dem der Patient gesichert und während der sechsstündigen Rettungsaktion durch schmale, senkrechte, horizontale Schächte und an Engstellen vorbei nach draußen gezogen, geschoben, gestemmt und getragen wird.

Höhlenrettung ist vor allem Teamarbeit: Ein Teil der Mannschaft bereitet weiter oben bereits mit Bohrhaken und Seilkonstruktionen den weiteren Abtransport vor und sucht mit viel Kreativität nach Lösungen für die zum Teil kniffligen Probleme. Während die Trage langsam die ersten 20 Meter am Seil nach oben wandert, klettert Thomas Stöger am griffigen Fels nebenbei her und sorgt mit ganzem Körpereinsatz dafür, dass die Konstruktion nirgendwo hängenbleibt oder anstößt. Beni Hiebl und Stefan Bauhofer sorgen zusätzlich mit dem eigenen Körpergewicht am anderen Seilende für den notwendigen Gegenzug.

Geduldspiel in der Dunkelheit – keine Fledermäuse weit und breit

„Das alles dauert, weil das Gelände schwierig ist und wir den Patienten möglichst schonend transportieren wollen; die notwendige Infrastruktur müssen wir mit viel Improvisation immer erst auf- und weiterbauen“, erklärt mir Hubert. Während die Kollegen schuften, müssen andere warten, bis es weitergeht; Beni und Stefan nutzen die Zwangspause für einen kurzen Erkundungstrip durch den kniehohen Brecciengang, der von der großen Halle abzweigend nach rund 60 Metern Krabbelpassage in einer engen Schleife endet.

Wenn man genau aufpasst, dann hört man im kalten Wind die Schreie der umherirrenden toten Tiere … nein, natürlich nicht, aber ein bisschen Schauerkitsch gehört natürlich auch zu so einer Exkursion dazu. Da ich im Licht meiner Stirnlampe bis auf ein paar Motten weder Fledermäuse noch andere Lebewesen entdecke und nicht gerne alleine in einer dunklen Höhle sitze, wandere ich mit meinen Steigklemmen am Seil wieder weiter nach oben und folge dem Rettungstrupp mit der Kamera. Über mir surrt es und Sand rieselt von der Decke.

Jakob Brandner ist vorausgeklettert und steht nun akrobatisch unter der Decke des nächsten rund zehn Meter hohen Schachts, wo er möglichst weit draußen die Löcher für die Haken bohrt. Nach einer schweißtreibenden Tragepassage durch einen zerklüfteten, aufsteigenden Gang wird der geduldige Mime mit einem Flaschenzug weiter nach oben befördert. „Würden wir den Mani jetzt einfach raufziehen, dann wäre die Gefahr groß, dass wir ihm an den Engstellen das Gesicht aufreißen“, erklärt mir Peter, der sich im Schacht wie ein elastischer Keil zwischen Trage und Felswand stemmt, damit der Verletzte schonend an den scharfen Kalkzacken vorbeigleitet.

Zum zweiten Mal in Unterhosen im Schnee

Unter vereinter Muskelkraft wandert Mani am Seil immer weiter nach oben und hängt schließlich wie eine Schmetterlingspuppe an der Höhlendecke. „Sieht lustig aus, in seinem roten Sack; warten wir, bis die Motte schlüpft!“, sage ich und Stefan nickt mir lächelnd zu.

Von dort aus geht’s weiter bergauf in den schmalen, zum Teil vereisten Einstiegsschacht und per Flaschenzug die letzten zehn Höhenmeter zurück an die Oberfläche. Als wir wieder vollkommen verschwitzt unsere verdreckten Höhlenklamotten ausziehen und zum zweiten Mal an diesem Samstag in Unterhosen im Schnee stehen, ist es bereits später Nachmittag. „Dort unten merkt man einfach nicht, wie die Zeit vergeht, vor allem wenn jeder alle Hände voll zu tun hat“, sagt Rudi.

Das Höhlenzeugs lassen wir vorrübergehend am Weg stehen und steigen die letzten 20 Minuten am zugefrorenen Seeleinsee vorbei zur Diensthütte der Bergwacht Freilassing auf, wo warme Würstel, Kaffee und Getränke auf uns warten. Bei der Manöverkritik fallen nur lobende Worte. Truppführer Peter Hogger bringt es auf den Punkt: „Trotz der widrigen Verhältnisse beim Aufstieg und der anstrengenden Arbeit im Schacht war die Stimmung hervorragend; gemeinsam wurden alle Probleme beim Transport mit viel Motivation, Kraft und Kreativität gelöst. Neben uns acht Freilassinger Höhlenrettern haben auch drei Einsatzkräfte der Bergwacht Berchtesgaden im Team mitgearbeitet und erneut gezeigt, dass sich Bergwachtmänner mit hohem  Ausbildungsniveau problemlos in eine bestehende Höhlenrettungsgruppe einfügen lassen. Ich bin begeistert!“

Im Raumschiff zurück ins Tal

Ausgerüstet mit Gamaschen, Stöcken und Stirnlampen machen wir uns gegen 18 Uhr zu acht auf den Weg zurück ins Tal – der Rest der Gruppe übernachtet auf der Hütte. Die Wolken reißen auf und im orangefarbenen Sonnenuntergang sehen wir am gegenüberliegenden Hang eine Gruppe Steinböcke – eigentlich kitschig, aber richtig schön!

Rund eine Stunde später sind wir an der Priesbergalm angekommen und es ist es stockdunkel. Thomas und Jakob bringen uns im Pinzgauer zurück nach Hinterbrand - „Das ist wie ein Raumschiffflug durchs Weltall!“, meint Hubert, der neben mir im hinteren Teil des kastenförmigen Spezial-Geländefahrzeugs sitzt, das unbeeindruckt von allen Bodenunebenheiten im Kegel seiner Scheinwerfer mit einem Surren durch die Finsternis talwärts gleitet - und er hat Recht: Das Auto schwebt und über uns leuchten die Sterne.

Pressemitteilung BRK BGL

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