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Die „Reanimation“ Marktschellenbergs

Grenzort zu Salzburg ohne Dorfzentrum - Einheimischer möchte das mit Millionensumme ändern

Ein kleines Café gleich neben dem Rathaus. Viel mehr haben die Marktschellenberger derzeit nicht.
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Ein kleines Café gleich neben dem Rathaus. Viel mehr haben die Marktschellenberger derzeit nicht.

Als „Tor zu Salzburg“ hat sich das grenznahe Marktschellenberg im südöstlichsten Bayern einen Namen gemacht: Untersberg, Almbachklamm und die größte Eishöhle Deutschlands sind touristische Hotspots. Allerdings: Das Zentrum des 1750-Seelen-Dorfes gilt seit langem als verwaist. Das örtliche Gasthaus an der Bundesstraße 305, gleich neben der Kirche, ist seit über einem Jahrzehnt geschlossen. Ein Nahversorger: Fehlanzeige. Ein einheimischer Handwerksmeister nimmt nun eine Millionensumme in die Hand und will dem Dorf wieder Leben einhauchen.

Marktschellenberg – Marktschellenbergs Bürgermeister Michael Ernst wirkt zuversichtlich. Lichtblicke im von Bergen umgebenen Grenzort sind selten. Der Mann, der im Rathaus am Tisch neben ihm Platz genommen hat, ist Thomas Schwaiger. Schwaiger ist 48 Jahre alt, Spenglermeister, viel beschäftigt. Als Handwerker kann er sich und seine 35 Angestellten vor Arbeit kaum retten. Der gebürtige Marktschellenberger ist so etwas wie der Hoffnungsschimmer des Örtchens, das schon so lange im Winterschlaf liegt. Eigentlich ist Marktschellenberg, seitdem das Gasthaus geschlossen wurde und der örtliche Einzelhändler dicht machte, nur noch Durchfahrtsort. Das Hotel am Marktplatz ist seit dem Tod der Besitzerin ungenutzt. Bis zu 16.000 Pkw passieren während der Saison die Gemeinde - pro Tag. Die wenigsten bleiben stehen. 

Drei Minuten sind es von hier zur österreichischen Grenze. Nach Salzburg dauert es nur ein paar Minuten länger. Das ist auch der Grund, weswegen viele Österreicher in Marktschellenberg wohnen. Denn die Mietpreise sind hier deutlich günstiger als jene in Salzburg, wo das Leben allgemein kostspieliger ist. 

Als Marktschellenberger plagt Thomas Schwaiger schon lange ein Problem, wenn er durch „seinen“ Ort fährt, vorbei am leer stehenden Gasthaus „Forelle“, seinem Objekt der Begierde. Der Ursprung des direkt am Marktplatz befindlichen Gebäudes, gleich neben der Kirche, liegt Jahrhunderte zurück. Eigentlich müsste es unter Denkmalschutz stehen, wenn es im Laufe der Zeit nicht unzählige Male umgebaut worden wäre. Das ehemalige Gasthaus haben schon lange keine hungrigen Gäste mehr von innen gesehen. „Ein zentrales Gebäude und trotzdem keine Nutzung“, sagt Thomas Schwaiger: „Das finde ich sehr schade.“ 

Der Kauf des Hauses, das rund 1900 Quadratmeter Nutzfläche aufweist, fand bereits im vergangenen Jahr statt. Die Einigung mit dem Vorbesitzer, dessen Nutzungskonzept nie aufzugehen schien, ging flott über die Bühne, Schwaigers Vision rückte ein greifbares Stück näher. Schwaiger als Investor zu bezeichnen, das hört man im Ort nicht gern. Zumal der Einheimische durch und durch Marktschellenberger ist. „Das ist kein Investor, sondern unser Bauherr“, sagt also Bürgermeister Michael Ernst im Besprechungssaal des Rathauses mit direktem Blick auf das Gasthaus Forelle, das schon demnächst abgerissen werden könnte

Marktschellenberg war im Juli in die Schlagzeilen geraten, als ein Unwetter den gesamten Ortskern unter Wasser setzte, weil der Fluss, der durch die Gemeinde fließt, über die Ufer trat. Etliche Bewohner wurden zu Opfern der Flut. Eine Flut an Spenden schwappte daraufhin über das Örtchen.

Der Marktplatz von Marktschellenberg war einmal. Bis auf ein paar Standkonzerte findet dort nichts mehr statt. Weil die Gaststätte fehlt. Kirchgänger vermissen zudem das Schnitzel nach dem Sonntagsgottesdienst - und Tagestouristen machen maximal im kleinen Kaffee neben dem Rathaus halt, ehe es zum Volltanken nach Österreich rübergeht. Was schwebt dem Bauherrn also vor? „Leben in den Ort bringen“, sagt dieser. Der Marktplatz muss wieder das werden, wofür er wortwörtlich steht. Ein Ort der Begegnung. Die Gemeinde hat eine Umfrage unter den Einwohnern gemacht. Ein Lebensmittelnahversorger stand ganz oben auf der Liste. Wohnungen ebenso, seniorengerecht versteht sich. 

Thomas Schwaigers Vision basiert also auf einer Rundumversorgung. 2600 Quadratmeter umfasst der Neubau, ein Riesenprojekt soll es werden, Wohn- und Nutzfläche satt. Der Plan, im Bestand zu sanieren, ging nicht auf. Statiker und Planer rieten ihm davon ab. Also alles neu: 24 Wohnungen sind geplant, eine öffentliche Toilette, ein kleiner Supermarkt, ein Friseur, ein Bistro, auch eine Arztpraxis wird es geben. Der letzte Arzt mit Kassenzulassung im Ort ist vor ein paar Jahren in Ruhestand gegangen. Keller, drei Stockwerke, Dachgeschoss: „Wir haben einen Betreiber gefunden, der oben im Haus eine Tagespflege für Senioren führen wird und einen mobilen Pflegedienst für den Landkreis anbietet“, freut sich der 48-jährige Schwaiger. Arbeitsplätze inklusive. 

Bauherr und Bürgermeister gehen bei dem größten Projekt im Ort Hand in Hand. Denn gleich neben dem ehemaligen Gasthaus liegt der Marktplatz, der momentan mehr Parkplatz denn lebendige Begegnungsstätte ist. „Da wird einiges passieren“, prognostiziert der Bürgermeister. Den denkmalgeschützten Marktbrunnen findet man auf alten Postkarten, sogar auf uralten Stichen. Es ist ein Relikt, das die Jahrhunderte überdauert hat und auch weiterhin zentraler Mittelpunkt des Ortes sein soll. Veranstaltungen im Herzen der Gemeinde - das ist ein Wunsch von vielen. „Die Ortskernbelebung ist mein Ziel“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde mit langer Historie. Der Wehrturm unweit des Ortszentrums ist der Überrest einer alten Grenzbefestigung und war im Jahr 1252 zum Schutz der Berchtesgadener Propstei und ihrer Salzwerke am Goldenbach und in Marktschellenberg errichtet worden. 

Bauherr Thomas Schwaiger hat vorsorglich eine Internetseite aufsetzen lassen. Dort sollen sich Marktschellenberger und Interessierte über den aktuellen Stand der Dinge informieren können. Demnächst soll auch ein 3D-Modell fertig werden, das der Gemeindechef beauftragt hat. Der Neubau fällt in eine wortwörtlich ungünstige Zeit: Die Baupreise sind so hoch wie nie für Beton, Holz und Stahl. Acht Wochen wird die Entkernung des Hauses dauern, der Abriss einen weiteren Monat. „Mit zwölf bis 14 Monaten Bauzeit“ rechnet Schwaiger im Anschluss. Er hofft, dass die Umsetzung in diesem Jahr starten kann. „Ich freue mich, dass wir eine Nutzung bekommen, die dem Ort endlich einen Vorteil bringt“, sagt der Bürgermeister.

kp

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