Gespräch mit Archäologe Alois Spieleder

"Hier lässt sich die Geschichte Marktschellenbergs in ihren archäologischen Resten bestaunen"

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Etwa sechs Wochen lang haben archäologische Grabungen in einem Hinterhof in Marktschellenberg stattgefunden.

Marktschellenberg – Ausgrabungen im historischen Ortskern von Marktschellenberg sind in den vergangenen sechs Wochen erfolgreich gewesen. Im Gespräch erklärt Archäologe Alois Spieleder, warum er sich sicher ist, dass im Boden des Ortes noch zahlreiche weitere Überraschungen stecken.

Herr Spieleder, Sie waren mehrere Wochen in Marktschellenberg mit Ausgrabungen beschäftigt, nachdem im historischen Ortskern der Startschuss für den Umbau des ehemaligen Gasthauses "Untersberg" gefallen war. Wie kam es überhaupt dazu?

Der ganze Ortskern von Marktschellenberg gilt als Bodendenkmal. Artikel 7 des bayerischen Denkmalschutzgesetzes verlangt für Eingriffe in ein Bodendenkmal eine denkmalrechtliche Erlaubnis. Diese Erlaubnis wurde vom Landratsamt erteilt mit der Auflage, dass vor dem Neubau eine Ausgrabung stattfinden muss.

Das Ausgrabungsgebiet war in einem Hinterhof des unter Denkmalschutz stehenden Hauses. Was haben Sie dort genau gemacht?

Jede archäologische Ausgrabung beginnt zuerst mit der Untersuchung beziehungsweise der Beaufsichtigung des Oberbodenabtrags. In diesem Fall bedeutet das, dass die modernen Bodenbeläge entfernt wurden. Dabei habe wir sofort archäologische Strukturen erkannt, das heißt Mauerfundamente und Balkenkonstruktionen. Wir haben begonnen, die Befunde zu beschreiben, digital als auch analog zu fotografieren, zu vermessen und teilweise auch zeichnerisch zu erfassen. Die Befunde reichten bis annähernd zwei Meter unter die Oberfläche des Innenhofes.

Tatsächlich sind Sie auch auf besondere Dinge wie Mauern und Kanäle gestoßen. Was hat früher dort stattgefunden?

Wir haben die abschließende Auswertung noch nicht vollständig abgeschlossen, aber so viel kann man schon sagen: Bei dem aufgefundenen Rinnensystem handelt es sich um sogenannte Ziegelschläuche, deren Zweck die Ableitung des Traufwassers aus dem Innenhof war. Hierzu gibt es Vergleichsbefunde, zum Beispiel aus dem Passauer Domhof. Diese Befunde sind als die zeitlich jüngsten einzuordnen. Die vorgefundenen Fundamente sollten in Zusammenhang mit den Bestandsgebäuden gesehen werden. Durch die archäologische Untersuchung sind also Teile der vor Jahrhunderten abgerissenen Bebauung im Innenhof wiederentdeckt worden. Besonders erwähnenswert sind die massiven steinernen Mauerfundamente, die von einem Pfahlrost gestützt wurden und augenscheinlich in das ausgehende Spätmittelalter zu datieren sind. Diese müssten zum Kern des Bestandsgebäudes gehört haben, das allerdings nach Abriss und Umbau seinen Charakter nur noch in Teilen erhalten hat.

Es handelt sich dabei um die ältesten archäologisch dokumentierten Befunde, die jemals im Ortskern Marktschellenbergs gefunden wurden. Was ist die Besonderheit daran?

Die Latrinenbefunde sind unseres Erachtens tatsächlich die ältesten Befunde. Besonders spannend ist die gute Erhaltung von organischen Überresten im feuchten Milieu des Innenhofes. Das bedeutet, dass wir die archäologisch oft nur über Bodenverfärbungen nachweisbaren Holzbefunde hier noch in voller Erhaltung dokumentieren konnten. Die Latrinen sind in das 13. und 14. Jahrhundert zu datieren. In dieser Zeit prosperierte der Ort. Das Salz hatte große Bedeutung. In der Mitte des Jahrhunderts wurde eine zweite Salzpfanne in Betrieb genommen, um die Produktion zu steigern. Marktschellenberg gehörte administrativ zur Fürstpropstei Berchtesgaden, die reichsunmittelbar über den Berchtesgadener Augustiner Chorherrenstift direkt dem Kaiser unterstand. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts entstanden hieraus die Konflikte, die zur Berchtesgadener Expedition Herzog Friedrichs führten.

Der Fundreichtum ist immens. Neben Luxusware fanden Sie Warzenbecher, eine Schuhsohle und einen Topf aus Keramik. Worauf lässt all das schließen?

Die Fragmente der Warzenbecher stellen unter anderem diese Luxusware dar. Die Wandstärke der aufgefundenen Exemplare ist äußerst dünn. Generell ordnet man diese Fundgruppe eher wohlhabenderen Gesellschaftsschichten zu. Auch die vorgefundene Keramik spricht dieselbe Sprache. Herausragend sind die Funde von Lederschuhen, die bereits von uns analysiert wurden. Sie bestanden zum Großteil aus Rindsleder und wären nach heutiger Konfektion Schuhgröße 32 bis 36 und sind somit Kinderschuhe. Dies gibt einen Einblick in das Leben der spätmittelalterlichen Marktsiedlung. Während heute Marktschellenberg vor allem mit Tourismus verbunden wird, sehen wir es in der Vergangenheit - und das gilt generell für einige Alpenregionen - als wichtigen Wirtschaftsstandort und auch als Verkehrsknotenpunkt. Neben Salz- und Marmorabbau und transalpinem Handel sollte man noch den Faktor Wasserkraft hinzuzählen.

Mit Sicherheit ist das Kinderschwert einer der außergewöhnlichsten Funde. Was können Sie dazu sagen?

Das hölzerne Schwert deutet aufgrund der Ausarbeitung mit einem Scheibenknauf in die Gotik, also ebenso das 13. Jahrhundert. Aufgrund seiner Größe wird es von uns als Spielzeugschwert angesprochen. So ein Fund ist ausgesprochen selten.

Ganz so reibungslos verliefen die Ausgrabungen nicht. Gab es bei den Arbeiten unverhoffte Vorkommnisse?

Wir waren vom Befundaufkommen etwas überrascht, konnten allerdings die Ausgrabung im Zeitrahmen abschließen. Parallel zu unserer Grabung musste bereits mit der Unterfangung der Gebäude begonnen werden. Hier wurde es manchmal ziemlich eng. Da allerdings die Absprachen und die Zusammenarbeit mit den ausführenden Baufirmen hervorragend verliefen, gab es keine weiteren Probleme. Größte Überraschung war allerdings, dass im Tiefgaragenareal überhaupt kein archäologischer Befund feststellbar war.

Gehen Sie davon aus, dass in Marktschellenberg noch weitere Dinge im Erdreich verborgen liegen?

Definitiv ja. Allerdings zeigte bereits unsere Maßnahme, dass erst einmal auch die richtige Stelle gefunden werden muss. Hier lässt sich die ganze Geschichte des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ortes Marktschellenberg in ihren archäologischen Resten bestaunen.

Kilian Pfeiffer

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