„Man muss die Bahn zu den Menschen bringen“

Berchtesgaden – Es ist ein Mammutprojekt, welches am Dienstagabend im Kongresshaus in Berchtesgaden vorgestellt worden ist. Eine Aufgabe, deren Dimension im ersten Moment kaum fassbar scheint.

Der Verein zur Förderung der „Regional-Stadt-Bahn (RSB) Salzburg-Bayern-Oberösterreich“ hat eingeladen, Gottfried Mayer, der stellvertretende Obmann des Vereins, präsentiert vor zahlreichen Gemeinderatsvertretern und allen fünf Bürgermeistern der Talkesselgemeinden Berchtesgaden, Schönau am Königssee, Marktschellenberg, Ramsau und Bischofswiesen das ambitionierte Investitionsvorhaben.

Problem: die Finanzierung

Mit 1000 Millionen Euro müsse man in den nächsten 25 Jahren rechnen, um das südöstliche Bayern mit Salzburg und Oberösterreich direkt zu „vernetzen“, mit einer Trassenführung zu verbinden, um somit dauerhaft „den Verkehr von der Straße zu holen“, sagt Gottfried Mayer. Die Weichen für eine Machbarkeitsstudie seien bereits gelegt. Problem: die Finanzierung.

Das große Vorbild ist Karlsruhe. Im Karlsruher Raum gilt das „Karlsruher Modell“. Dessen wesentlicher Mitgestalter ist der Ingenieur Dieter Ludwig. In diesem Modell „können Zwei-System-Stadtbahnwagen sowohl auf Stadtbahn- als auch auf Eisenbahnschienen fahren“. Alle Haltepunkte werden von Stadtbahnwagen angefahren, die sich in das Umland hinaus bewegen und sich dann wieder im Stadtzentrum treffen. Somit sind die umliegenden Ortschaften direkt mit dem Zentrum verbunden, eine problemlose Überführung per Bahn garantiere eine halbwegs autofreie Stadt, wie Mayer zu berichten weiß. 400 Kilometer Schienennetz umfasst das Karlsruher Stadtbahnnetz bislang und zählt damit zu einem der größten regionalen Schienennetze Europas.

Viele Gemeinderäte aller fünf Gemeinden waren während der Projektpräsentation anwesend.

„Das Verkehrsproblem in Salzburg und im Umland wird in Zukunft immer extremer. Wir müssen dagegenwirken“. Bislang hat der Verein zur Förderung der RSB 25 Bürgermeister österreichischer und bayerischer Gemeinden überzeugen können, Mitglied zu werden. Piding war die letzte Gemeinde, die dem Verbund beigetreten war. Auch wenn sich das Vorhaben bislang noch im Anfangsstadium befindet, ist man überzeugt davon, Landesmittel locker machen zu können, Bundesmittel, EU-Mittel, die das grenzüberschreitende Projekt mitfinanzierten. „Voraussetzung ist, dass wir alle zusammen an einem Strang ziehen“, sagt Mayer, ein Mann der Worte, der PR-Worte. Er weiß wie harte Fakten schmackhaft zu vermitteln sind. Größter Profiteur des Projektes dürfte die Stadt Salzburg selbst nebst Umland sein, die in den Stoßzeiten am Verkehr „erstickt“, durch eine Projektumsetzung in diesem Ausmaß, wieder ein wenig das Atmen lernen könnte.

Drastische Worte seitens des Vereinsmitgliedes, das die Infrastrukturen schaffen möchte – „wir müssen an unsere Kinder, an die Zukunft denken“, appelliert er. Selbst heutzutage würde es eine regelrechte Herausforderung darstellen, Gleistrassen zu bauen, sich den Weg von Salzburg - als Herzstück des Gesamten – in das Umland zu bahnen. „Ihr solltet Euch bereits zum jetzigen Zeitpunkt Gedanken machen, wo künftig Gleise verlaufen könnten“, mahnte Mayer. Nachhaltigkeit sei das Stichwort, welches es zu beachten gelte. Regionalpolitisch sei die Zustimmung bislang groß. „Man erkennt die Verkehrsproblematik, die die Zukunft mit sich bringen wird“ – daher wolle man sich dieser Entwicklung entgegenstellen, die Bevölkerung von Anfang an mit in das Boot holen, einbinden, mitentscheiden lassen.

Sechs Regionen würden miteinander verbunden

„Wenn sich die Bevölkerung auch nur ein einziges Mal getäuscht fühlte, wäre das Projekt dem Untergang geweiht“, bekräftigte der stellvertretende Obmann, der die Regional-Stadt-Bahn auch bereits Landrat Georg Grabner präsentieren konnte. Dieser zeigte sich angetan, möchte das Vorhaben unterstützen. Mit dem vorgelegten Konzept würden sechs Regionen miteinander verbunden werden – Salzburg, Bayern, Oberösterreich, Steiermark, Kärnten und Tirol – so die Planungen der Vereinsvorstände, die sich auf gutem Weg sehen, nun eine Machbarkeitsstudie anstreben, einen Masterplan, der – bei guter Ausarbeitung und Vorbereitung – die Entscheidungsträger in Brüssel überzeugen soll. „Unsere Vision soll keine Vision bleiben, sondern Wirklichkeit werden“, so Mayers Begehr, der landesweit auf Zustimmung stößt.

Gespannt verfolgt Stefan Kurz, Bürgermeister von Schönau am Königssee, die Worte des Projektkenners Gottfried Mayer.

Die Raumordnung dürfte das größte Problem werden: „Ihr in Bayern habt es da noch etwas besser. Rund um Salzburg ist alles zersiedelt, es wird schwierig werden, durch unsere Region zu trassieren“. Möglich sei es aber allemal. Mit viel Zuspruch, mit langen Gesprächen, mit dem Kauf von Grundstücken. Die Regional-Stadt-Bahn soll in steter Folge fahren, ohne große Pausen, eine Linie soll von Bad Ischl über Hof und Grödig durch Berchtesgaden bis an den Königssee verlaufen. „Hätten wir das gewusst, hätten wir den Triftplatz etwas anders gestaltet“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde Schönau am Königssee, Stefan Kurz.

Nachhaltigkeit geht anders. „Wir kommen trotzdem bis zum Königssee“, weiß Gottfried Mayer, „die Möglichkeit gibt es“, ist er überzeugt. Für den Tourismus bedeute dies eine Chance, auch Bürgermeister Kurz bestätigt dies. Und auch die vier Gemeindevorsteher der anderen anwesenden Orte zeigen sich interessiert. „Das alles klingt im ersten Moment zwar recht utopisch“, sagt Herbert Gschossmann, Bürgermeister der Gemeinde Ramsau, und auch Toni Altkofer, Bürgermeister aus Bischofswiesen, dessen Gemeinde die Regional-Stadt-Bahn zunächst nicht direkt betreffen würde, erachtet das Konzept als zukunftsweisend.

Zu früh, um ins Detail zu gehen

80 Prozent aller Gemeinden der besagten Regionen wolle man mit der Regional-Stadt-Bahn erreichen, Zubringerdienste würden es ermöglichen, direkt zur Bahn zu gelangen. Neben dem Personenverkehr scheint auch der Güterverkehr näher in den Fokus zu rücken. Doch um ins Detail zu gehen, ist es zu früh. In 25 bis 30 Jahren könnte das Projekt vollständig verwirklicht sein, man wartet ab, schart weitere Befürworter um sich. Vielleicht Dietrich Mateschitz, den Red Bull-Begründer, mehrfacher Milliardär, gutes Ansehen in der Bevölkerung, so der Vorsitzende des Vereins, Martin Greisberger, gleichzeitig Bürgermeister im österreichischen Thalgau. „Mir persönlich wäre es wurscht, wenn da eine Red Bull-Bahn durch die Regionen fährt“, sagt er. Hauptsache, sie fährt – irgendwann.

Zurück zur Übersicht: Region Berchtesgaden

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser