Ein Besuch im Interconti auf dem Obersalzberg

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Fünf-Sterne-Luxus mit atemberaubendem Panorama: Das Hotel Interconti auf dem Obersalzberg.

Berchtesgaden - Das Interconti am Obersalzberg steht wegen Millionenverlusten unter Beschuss. Bayerische Landesbank und Hotel-Management verteidigen das „Leuchtturmprojekt“. Ein Ortstermin.

Eigentlich müsste er toben. Er hat so oft mit Journalisten gesprochen – aber sie wollen ihn nicht verstehen. Jeden Morgen, wenn er die Zeitungen durchblättert, entdeckt er wieder diese unschönen Schlagzeilen, die er für Halbwahrheiten hält: „Das Luxushotel am Obersalzberg – ein Millionengrab.“ Seit Tagen geht das so. Und seit Tagen bewahrt Claus Geißelmann Contenance. Was anderes ziemt sich ja nicht für den Generaldirektor eines Fünf-Sterne-Resorts. „Wir als Hotelmanagement sind im positiven Bereich“, kontert er zum x-ten Mal, und seine Stimme könnte kaum ruhiger klingen. „2008 lag unser operatives Ergebnis bei 700 000 Euro – plus.“

Geißelmann sitzt in der Lobby. Vor ihm steht das zweite Glas stilles Wasser, neben ihm flackert ein Kaminfeuer. Er dreht sich um, macht eine Handbewegung zur Fensterfront. Man sieht Berge, Wiesen, Wälder. „Diese Abgeschiedenheit, das ist unser USP“, sagt er. USP heißt ausgeschrieben „unique selling point“. Man könnte es auch auf Deutsch ausdrücken: Alleinstellungsmerkmal.

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Geißelmann weiß genau, dass es zur Zeit eine zweischneidige Sache ist mit dem „Leuchtturmprojekt am Obersalzberg“. Rund 15 Millionen Euro Miese sind seit der Interconti-Eröffnung 2005 aufgelaufen. Diese Verluste gingen aber ausschließlich auf das Konto der Betreibergesellschaft, einer Tochter der staatlichen Landesbank. Für Geißelmann ist das ein entscheidender Punkt. Für die Steuerzahler aber leider auch – die müssen das Defizit schließlich finanzieren. Vertreter der Bayerischen Staatsregierung nehmen das Minus jedoch bewusst in Kauf: Der Imageschaden, mahnen sie, wäre zehnmal so hoch wie diese 15 Millionen, wenn sich der Obersalzberg zum Wallfahrtsort für Neonazis entwickeln würde. Der Obersalzberg ist Bayerns schwierigster Berg – mit viel brauner Vergangenheit.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung des Hotelmanagements ist nüchterner. Interconti stellt den Namen, das Buchungssystem und den Direktor – und macht Gewinn. „Es erstaunt mich, dass dieser Zusammenhang nie richtig herausgearbeitet wird“, sagt Geißelmann und lächelt dabei.

Einen Imageschaden fürchtet er angeblich nicht. „Dieses Haus ist kein austauschbares Produkt“, schiebt er schnell nach – und es klingt so, als müsste er sich verteidigen. Seit Februar ist er Chef im Haus ; sein Vorgänger weilt in Ägypten und kümmert sich um andere Interconti-Projekte. Vermutlich soll Geißelmann den Laden am Obersalzberg aufmischen, damit nicht wie 2008 jedes zweite Bett leer bleibt. Die Wirtschaftskrise macht es ihm nicht leicht, und bestenfalls erreicht das Interconti heuer Vorjahresniveau. Also kein nennenswerter Erfolg. Geißelmann will jedoch nicht von „Nachholbedarf“ sprechen. Das Hotel habe ausschließlich „Steigerungsmöglichkeiten“. „Der Gast will authentische Erfahrungen“, sagt er und fängt an, die Vorzüge des Berchtesgadener Landes aufzuzählen. Brauchtum, Tradition, regionale Handwerkskunst – das sind die Schlagworte, und das müsse auch mehr rein ins Haus. Die Pläne sind zwar noch nicht konkret. Aber es geht um bodenständigen Luxus – und eine familiärere Atmosphäre. Denn die fehlt diesem Hotel tatsächlich.

Zweifelsohne hat man das Gefühl, stets hofiert zu werden. „Hatten Sie eine gute Anreise?“ „Dürfen wir Ihnen beim Gepäck behilflich sein?“ „Wenn Sie etwas brauchen, drücken Sie die Null auf Ihrem Telefon, wir sind 24 Stunden für Sie da.“ Der Service ist top, das hat auch eine interne Kundenbefragung ergeben. Und wenn die Gäste mal einen Massagetermin im Wellness -Bereich verschieben möchten, weil sie noch beim Frühstück sitzen und an ihrem Sekt nippen, ruft der Kellner bei den Damen vom Mountain-Spa an – und die Antwort lautet selbstverständlich: „Selbstverständlich!“

Alles ist perfekt – und leicht steril. Die Zimmer mit gediegenen Ledergarnituren, dunklem Holz und gesprenkeltem Teppich. In den Bädern kühler Marmor und Schiefer. Auf den Gängen gespenstische Leere, am Pool und in der Sauna auch kein Mensch. Die wenigen Gäste, die man zufällig trifft, reden kaum ein Wort – nicht einmal beim Essen, wenn sie nebeneinander sitzen. Nachdem das ZDF gestern da war, sind heute auch Touristen gekommen, um sich „dieses Hotel mal aus der Nähe anzuschauen“. Eine Senioren-Gruppe mit Rucksäcken hastet vorbei, ein älterer Herr deutet mit dem Zeigefinger auf den Haupteingang. Kurz darauf kommen dann Erika und Götz, zwei Rentner aus Thüringen, beide über 70. Sie ziehen einen behäbigen Dackel hinter sich her. Erika macht Fotos. „So ein Luxushaus – und dann solche Verluste“, sagt sie und schüttelt den Kopf.

Erika und Götz machen gerade Urlaub in einem nahegelegenen Berggasthof und blicken aus ihrem Fenster aufs Interconti. „Gestern haben wir’s im Fernsehen gesehen. Und da sind wir hergegangen“, sagt Erika. „Und gerade waren wir drin. Das ist ja irgendwie so dunkel.“ Jetzt flüstert sie. Sekunden später legen beide ihre Köpfe in den Nacken und blicken hoch. Oben, am Berg, steht das Kehlsteinhaus, ein Relikt aus der Nazi-Zeit. „Zum Adolf gehen wir nicht hoch. Wir haben den Krieg schon erlebt“, sagt Erika. „Das hat gereicht.“ Sie zieht den Dackel hinter sich her, den Hügel runter, rechts in Richtung Dokumentations-Zentrum. Dort ist eine ständige Ausstellung über die NS-Diktatur.

In der Bibliothek des Hotels liegt ein 830-Seiten-Band über „Die tödliche Utopie“, daneben ein Kulturmagazin und Tageszeitungen. Das Buch sieht unbenutzt aus. Die NS-Vergangenheit des Obersalzbergs spielt für die Mehrzahl der wenigen Gäste keine Rolle. Sie spielen lieber Golf.

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