Das Leben – am seidenen Faden

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Pfeilschnell über Stock und Stein. Beim Zuschauen verlässt den Beobachter der Mut. Den Mountainbiker scheinbar nicht.

Berchtesgaden – Nein, eigentlich möchte man nur noch die Augen schließen, wegschauen. Feuchte Hände, verkrampft kauert man auf seinem Platz, die Hand zu einer Faust geballt.

Auf der Leinwand im Saal des Kongresshauses spielt sich das Geschehen ab. Extremsport der feinsten Art, Kajak-Wasserfall-Weltrekorde, Mountainbiken auf „fiesen“ Downhill-Strecken, Tauchen mit nur einem Atemzug, 300 Tage einsam auf einer verlassenen Insel – „einfach nur krank“, sagt ein junger Zuschauer, einer von 750 Besuchern, die gekommen sind.

Komplett ausverkauft ist die Veranstaltung. Zehn Jahre „European Outdoor Film Tour“. Martin Schaumann vom Bergsport Geistaller hat die Tour nach Berchtesgaden geholt, ist beeindruckt von der Resonanz auf jenes sportliche Spektakel, welches sich dort, droben auf der Leinwand, abspielt.

Survival-Test im Südpazifik

Der Franzose Xavier Rosset hat sich zu einer ganz besonderen Herausforderung entschieden. 300 Tage möchte er auf einer Insel verbringen, alleine, fern der Heimat. Auf sich gestellt, ein Leben in der Natur. Der moderne Mensch wird zum Jäger, zum Sammler, zum Konstrukteur. Die Mittel, die Rosset zur Verfügung hat, sind einfach. Aber sie funktionieren. Im Laufe der 300 Tage durchlebt der Abenteurer Hochs und Tiefs, fehlender Antrieb, keine Gesprächspartner, 300 Tage können lange sein.

Dem Franzosen gelingt das Unterfangen, der Betrachter ist begeistert. Aber das, was nun kommt, sprengt jede Vernunftvorstellung. Er ist noch jung, eigentlich zu jung, um zu sterben. Aber was macht das schon, in diesem Fall, in seinem Fall. Er lebt den Moment, den Augenblick. Der junge Mann, der auf der Leinwand zu sehen ist, ist einer der „begnadetsten Kletterer“ der Welt. Oder doch einer der unvernünftigsten? Die Grenzen verschwimmen, nur die sportliche Leistung tritt in den Vordergrund, sprengt die Grenzen zwischen Vernunft und Unvernunft – Leben oder Tod: ein falscher Handgriff entscheidet.

Der durchtrainierte Mann heißt Alex Honnold. Er ist einer, der für das Klettern lebt, in der Königsdisziplin des Kletterns beheimatet ist, der die Schule geschmissen hat, den Pick-Up seiner Mutter klaute, um „die Welt zu erobern“. Gelebte Träume, fern der Realität. Honnold hat es geschafft – für sich ganz alleine. Alex Honnold befindet sich in der Route „Regular Northwest Face“ am Half Dome, 400 Meter über dem Boden, mitten in einer Felswand – ungesichert. Honnold klettert „free solo“, das Seil und unterstützende Ausrüstung bleiben zuhause. Klettern in seiner ursprünglichsten Form.

Mutter möchte man in so einem Moment nicht sein

Im Publikum macht sich Anspannung breit, der Saal verstummt, 750 Zuschauer verstummen, Stille legt sich über das Publikum als Alex Honnold Angst ausdrückt, plötzlich, mitten in der Wand. Verlassen ihn jetzt seine Kräfte, stürzt er in den Tod, unwiderruflich, das war’s mit dem eben noch so herbeigesehnten Moment. Panik macht sich breit, 400 Meter über dem Boden, in einer senkrechten Wand, die nichts verzeiht, nicht den kleinsten Fehler. Mutter möchte man in solch einem Moment nicht sein.

Kopfschütteln bei den Zuschauern. „Warum macht er das nur?“. Diese Frage zu beantworten, gelingt nur jenen, die „free solo“ klettern, den Kick, die Herausforderung suchen, Mensch gegen Natur. Alex Honnold gelingt der Coup, er überwindet seine plötzlich in ihm aufgestiegene Panik, klettert weiter, Handgriff für Handgriff. Und dann ist er oben, nach über zwei Stunden in der Wand, er hat es geschafft, 600 Meter liegen hinter ihm, unter ihm, ein bewegender Moment für den Zuschauer.

Er wird auch in Zukunft klettern, neue Herausforderungen suchen, größere. Ob er Angst vor der Höhe habe? „Eigentlich nicht“, sagt er. Die Angst spiele sich nur im Kopf ab. Alex Honnold setzt sich in seinen Pick-Up, braust los – das nächste Ziel vor Augen. Eine Frage bleibt: Wie lange noch?

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