Krähen am Galgen

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Diese Krähen-Kadaver baumeln auf landwirtschaftlichem Grund zur Abschreckung ihrer Artgenossen.

Bischofswiesen – Der Anblick ist makaber. Tote Krähen hängen an einer Schnur in der Luft, baumeln im Wind hin und her.

Drunter befinden sich Siloballen. Gras, das in Plastikfolie verpackt, auf seine Verfütterung wartet. Die toten Krähen sollen lebendige Artgenossen davon abhalten, Löcher in die Siloballen zu hacken. Das Gras würde sonst verfaulen.

Rita Poser vom Bund Naturschutz ist entsetzt: „Da wurden Krähen erschossen und einfach aufgehängt.“ Ethisch nicht vertretbar sei dies, zumal „peinlich für denjenigen, der das macht.“ Attrappen würden auch ausreichen. „Nein“, sagt die verantwortliche Bäuerin. „Krähen sind sehr intelligent. Die merken sofort, ob dort eine Attrappe ist oder ein toter Vogel.“

Wenn Krähen in die Silage picken, verfault diese: „Der Schaden für den Bauern ist enorm“, sagt Jäger Wolfgang Czech.

„Ich habe keine Ahnung, was das alles soll“, ärgert sich ein Spaziergänger, der unweit vom Naturbad Aschauerweiher aus zu Fuß unterwegs ist. Die Situation ist nicht zufriedenstellend. Erschossene Krähen, die unweit der Straße aufgehängt wurden. „Für Menschen, die mit der Materie nichts zu tun haben, ist die Situation befremdlich“, sagt Rita Poser, die Naturschützerin. Vor zwei Jahren schon hatte sie sich der Sache angenommen, recherchiert. Weil sie es nicht einsah, dass ein Landwirt Krähen schießen lässt, um lebendige Vertreter abzuschrecken.

Jäger Wolfgang Czech weiß um das Problem Bescheid. „Das Gras wird unter der Plastikfolie siliert. Dort befinden sich viele Insekten.“ Und genau wegen dieser Insekten kommen dann die Krähen, picken die Siloballen auf. Luft und Wasser kann eindringen, die Silage wird ungenießbar. „Der Schaden für den Bauern ist enorm“, sagt der Jäger. Krähenattrappen erzeugten aber keinen Effekt. „Was meinen Sie, wie oft das schon ausprobiert wurde“, fragt er. Es dauere ein, zwei Stunden, dann erscheint die Krähe, klopft mit dem Schnabel auf die Attrappe – und weiß Bescheid, dass sie der Landwirt ins Bockshorn jagen wollte.

„Peinlich für denjenigen, der das macht“, sagt Naturschützerin Rita Poser über die toten Krähen.

Es gebe viel zu viele Krähen, effektives Jagen ist nur schwer umsetzbar. „Die Vögel sind einfach zu schlau“, meint Czech. Das sagt auch die betroffene Bäuerin, die sich zu einem Telefonat bereiterklärt. Allerdings erkennt sie das Problem im Zusammenhang mit den an der Schnur hängenden, toten Tieren. „Wenn Sie mir sagen würden, wie wir es ohne die toten Tiere wirksam anders machen könnten, machen wir sofort mit“, sagt sie. Die Erfahrung hat sie aber gelehrt, dass alle anderen Abschreckungsalternativen in der Vergangenheit erfolglos waren. Man weiß sich anders nicht zu helfen: „Die Krähen nehmen überhand“, sagt die Bäuerin. Das Problem mit den Vögeln sei zwischenzeitlich so groß, dass es kaum mehr in den Griff zu bekommen sei.

Im Landratsamt Berchtesgadener Land meldet sich Hanni Eichner zu Wort. Zuständig ist sie unter anderem für den Naturschutz und das Jagdrecht. Vom Krähenproblem hat sie auch schon gehört. Und auch Rita Poser vom Bund Naturschutz scheint ihr keine Unbekannte zu sein. „Wenn die Silage faulig wird, ist das der Schaden des Bauers“, sagt Eichner. Trotzdem findet sie es nicht gut, Kadaver aufzuhängen. Verboten sei das aber nicht, eine Handhabe habe man nicht. Solange ein Jäger die Vögel geschossen hat, sei das in Ordnung. „Krähen sind jagdbares Wild“, weiß Eichner – „und zudem sehr intelligent.“ Mit dem Jagen allein könne man den Tieren nicht Herr werden. Doch die Alternativen, die pickenden Vögel von den Siloballen abzuhalten, fehlen. Beim Oberreitlehen in Bischofswiesen, das sich ebenfalls in der Krähen-Problemzone befindet, verfolgt man indes eine „weniger makabre Vorgehensweise“. „Wir kleben die Löcher mit Klebeband zu“, sagt ein Familienmitglied. Tierleichen aufzuhängen, komme nicht in Frage, so heißt es.

kp

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