Der König der Lüfte

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Die Steinadler-Experten Ulrich Brendel (r.) und Jochen Grab vom Nationalpark Berchtesgaden werden bei der nächsten BERGinale im kommenden März über Steinadler informieren.

Berchtesgaden - Seit nunmehr 30 Jahren widmet man sich im Nationalpark Berchtesgaden der Steinadler-Forschung.

Diplom-Biologe Ulrich Brendel weiß um die Faszination des Steinadlers bestens Bescheid. „Er öffnet das Herz der Menschen“, sagt der Adler-Experte des Nationalparks Berchtesgaden. In den letzten 30 Jahren hat sich viel getan in der Steinadler-Forschung des Nationalparks. Seit 1981 geht man dem Greifvogel aus der Familie der Habichtartigen nach, misst Bruterfolge, Reviergrößen und Bestandssituation. Und wendet die gesammelten Ergebnisse praktisch an. Vor allem, um die 14 Brutpaare, die man von Berchtesgaden aus betreut, zu schützen. Ob Hubschrauberpilot oder Gleitschirmflieger: Rücksicht nehmen sollen alle.

„Im Bereich der Umweltbildung ist der Steinadler eine Schlüsselart“, sagt Ulrich Brendel. Der Experte muss es wissen. 1995 hat der Nationalpark begonnen, Führungen in das „Tal des Steinadlers“, das Klausbachtal, anzubieten. 8.500 Interessierte haben die Möglichkeit bislang wahrgenommen. „Wir gehen offener mit unseren Ergebnissen um“, sagt Brendel. Informieren heißt in diesem Fall auch: schützen. „Was man kennt, das lernt man auch zu schützen“, meint der Biologe. Deshalb gibt es seit einigen Jahren Regelungen mit Gleitschirmfliegern und Helikopterpiloten, die das Revier von Steinadlern kreuzen könnten. Zwischen März und Juni brütet der Greifvogel. In dieser Zeit können Störungen von außen besonders schwerwiegende Folgen mit sich bringen. Verlässt der brütende Elternteil den Horst dauerhaft, schaut es für den Nachwuchs schlecht aus: „Frisch geschlüpfte Adlerjunge sind nicht in der Lage, die eigene Temperatur selbstständig zu regulieren“, weiß Brendel. Deshalb gibt es Festsetzungen, in welchem Abstand und in welcher Höhe geflogen werden soll. Nicht näher als 500 Meter darf man sich Steinadlern nähern. GPS-gestützte Geräte, in denen die Horst-Daten gespeichert sind, helfen Hubschrauberpiloten dabei. „Bei den Beteiligten rennt man offene Türen ein“, sagt Brendel. Die gute Zusammenarbeit freut ihn. „Jeder geht auf den anderen zu.“ Am Untersberg etwa gibt es ein Brutpaar. In der Nähe ist auch der Borkenkäfer aktiv gewesen. „Die Staatsforsten haben mit der Borkenkäferbekämpfung gewartet, bis die kritische Zeit für die Jungvögel vorbei war“, erzählt Brendel zufrieden. Und auch für Gleitschirmflieger gibt es ab nächstem Jahr eine Neuerung, die einen Kontakt mit dem Steinadler vermeiden soll: Mit „Google Maps“ sollen Flug-Sportler künftig Routen planen können. „Alle notwendigen Daten im Hinblick auf den Steinadler werden mitgeliefert“, sagt Brendel. Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr. Viele Jahre hat es gedauert, viele Gespräche wurden geführt, bis das Zusammenspiel so funktionierte wie sie das jetzt tut. Das sei auch wichtig, sagt der Steinadler-Experte. Denn die Greifvögel sind streng geschützt. Vom

Aussterben sind sie zwar nicht bedroht. In Bayern, vom Allgäu bis nach Berchtesgaden, gibt es aber lediglich 45 Brutpaare. „Wir schauen auf ein Viertel des deutschen Bestandes“, so der Nationalpark-Mitarbeiter. 1.300 existieren im gesamten Alpenraum. In den Zentralalpen kommt der beeindruckende Vogel am häufigsten vor. Nationalpark-Mitarbeiter kümmern sich um 14 Brutpaare. Fünf davon befinden sich im Nationalpark-Gebiet. Warum es nur so wenige Brutpaare gebe? „Der Lebensraum hier ist nicht perfekt“, sagt Brendel. In den Zentralalpen gebe es weniger Störungen. Auch die Bruterfolge dort seien höher. „Bei uns brütet etwa jedes dritte Paar erfolgreich. In den Zentralalpen jedes zweite.“ Ein Steinadler, der in freier Natur bis zu 25 Jahre alt wird, ist vor allem eines: anpassungsfähig. Als Thermiksegler benötigt er Aufwinde, halboffene Landschaften und möglichst viel Beutetiere. Fehlende Beute ist der Hauptgrund für die hohe Sterblichkeit. „Bis zur ersten Eiablage sterben 75 Prozent der Jungadler“, sagt Brendel. In den ersten 80 Tagen, bis ein Steinadler flügge wird, verspeist er die Fleischmenge von bis zu 30 Murmeltieren. Und schraubt dadurch sein Gewicht um das 50- fache nach oben. 100 Gramm wiegt ein geschlüpfter Adler. Wenn er den Horst verlässt, wiegt er etwa fünf Kilogramm. Gejagt und gefressen wird vom kleinen bis zum großen Tier alles: vom Murmeltier bis zur Gams. „Beute schlagen“ sagt der Fachmann dazu. Natürliche Feinde hat der Steinadler keine. Anfangs ernährt sich der Vogel vor allem von Aas. Ein typisches Adlerrevier umfasst eine Größe von bis zu 70 Quadratkilometern. Der streng monogam lebende Greifvogel lebt ein Leben lang mit seinem Partner zusammen. „Nur wenn der eine Teil feststellt, dass der Jagderfolg des anderen nicht mehr groß genug ist, kann es sein, dass ein weiterer Adler im Revier geduldet wird“, sagt Brendel. Um irgendwann den Platz des schwächelnden Tieres einzunehmen. Der mit einer Spannweite von bis zu 2,30 Metern große Vogel soll auch in Zukunft große Bedeutung im Nationalpark Berchtesgaden haben. Der Deutsche Aero Club (DAeC) und der Deutsche Hängegleiterverband (DHV) wollen in Zusammenarbeit mit dem Nationalpark Berchtesgaden mit dem Projekt „Luftige Begegnungen“ vor allem eines: informieren, wichtige Daten sammeln und damit Fragen beantworten helfen wie „Wo begegnen Piloten welchen Vogelarten?“ und „Wie reagieren Steinadler auf Luftfahrzeuge?“. Erste Daten gibt es bereits. Im kommenden Jahr soll das Projekt verstärkt verfolgt werden.

kp

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