Kleine Puppen auf großer Bühne

Auch den Teufel und den Krampus hat Mia Kaiser-Wenig im Repertoire.

Berchtesgaden – Die Tür geht auf, „das ist meine Werkstatt“, sagt Mia Kaiser-Wenig. Bunte Stoffe, viel Seide, eine Menge an Filz, Bordüren, unzählige Modellköpfe, fertige Handpuppengewänder, ein Wirrwarr aus Beständen und Arbeitsmaterialien.

„Man sieht, dass hier gearbeitet wird“, sagt die Gastgeberin, lächelnd. Die Dame, die dem Besucher die Tür geöffnet hat, ist keine Unbekannte. Seit etlichen Jahren führt sie den Kasperl im Kongresshaus zum Erfolg, mit der Berchtesgadener Kasperlkiste bringt sie Kinderaugen zum Leuchten, Gesichter zum Lachen. Seit nunmehr 30 Jahren betreibt sie das Puppenspiel.

Aus Hobby wurde Leidenschaft

Aus einem Hobby wurde Leidenschaft, mit voranschreitender Erfahrung und einhergehender Professionalisierung der Beruf. „Gestern hatte ich eine Gruppe Grundschullehrerinnen bei mir zu Gast“, erzählt sie. Lehrerinnen, die sich von Kaiser-Wenig etwas beibringen lassen, es später im Unterricht weitervermitteln.

Bis eine Handpuppe fertig ist, ist es ein weiter Weg. Der Kasperl funktioniere selbst heutzutage noch, sagt die Puppenspielerin, trotz der Tatsache, dass er sich im Laufe der Zeit erheblich gewandelt hat. Natürlich gebe es auch heute noch einen Jahrmarktkasperl, einen Hau-drauf-Kasperl – ein Sympathieträger, speziell bei Kindern, war und ist der Zipfelmützenträger aber immer geblieben.

Kinder sind frühreifer

Allerdings, das habe Kaiser-Wenig im Laufe der letzten Jahrzehnte festgestellt, „sind die Kinder frühreifer geworden“. Bis zur zweiten Klasse funktioniert das Handpuppenspiel ohne weiteres. „Bei der dritten und vierten Klasse dann eher nicht mehr“, sagt sie. Früher, vor 25 Jahren, ja, da seien selbst die Viertklässler vor dem rotgewandeten Kinderliebling gesessen und hätten gelacht.

„Mein Lehrer war ein Hohnsteiner“, sagt Kaiser-Wenig. Hohnsteiner Handspielpuppen haben es zu großem Ruhm gebracht, vornehmlich durch den aufstrebenden Puppenspieler Max Jacob. Theo Eggink, seines Zeichens Holzbildhauer und Wegbereiter für das bekannte Kasperl-Ensemble, beherrschte die Kunst des Schnitzens von Puppenköpfen. Nach dessen ursprünglichen Idealen formen noch heute Puppenmacher ihre von Hand bedienten „Kunstwerke“.

Mia Kaiser-Wenig indes hat sich das Modellieren selbst beigebracht, im Laufe der Jahre hat sie ihre Technik verbessert, optimiert, man könnte von Perfektion sprechen, wenn man ihr über die Schulter blickt, zuschaut, wie sie aus Holzmehl, Wasser und Leim Köpfe formt, Nasen zurechtbiegt, Augenhöhlen gräbt, Falten zieht. Vorstellungskraft und die entsprechende Fingerfertigkeit sind verlangt, wenn Ansehnliches dabei herauskommen soll.

Mia Kaiser-Wenig: Ein Leben mit den Puppen.

Dann folgt der Backofen, eineinhalb Stunden bei 90 Grad Celsius, fertig ist der Rohling. Ein Sammelsurium an Pinseln, Farben über Farben, „selbst gemischt, die zu kaufenden Farbtöne entsprechen oft nicht meiner Vorstellung“, sagt Kaiser-Wenig. Flink pinselt sie einen Kopf an, deckt jenen dominierenden Beige-Ton ab, zaubert dem Puppenkopf eine lebhafte Kolorierung ins Gesicht. „Das kann jeder lernen“, meint die Puppenfrau. Beinahe möchte man als Betrachter daran zweifeln. Die Kurse, die sie gibt, beweisen das Gegenteil. „Normalerweise schaffen wir die Figuren an einem Tag“, sagt sie.

Die Puppe entsteht im Kopf

Viele Arbeitsschritte, viel Handarbeit, die Puppe entsteht im Kopf, die Hand verwirklicht diese. Einige Tausend davon dürfte sie bereits gefertigt haben. Stoffauswahl, Accessoires, Schmuck – soll das Kleid gemustert sein, die Kleidung edler Herkunft entsprechen? Ein armer Schlucker oder doch lieber die Prinzessin, übrigens ein beliebter Charakter, „überbehütet, unsicher, verwöhnt“, sagt Kaiser-Wenig.

Moralische Ansprüche kenne das Kasperltheater nicht, „der Anspruch liegt in den Figuren“, weiß die seit 15 Jahren in Berchtesgaden Wohnende. Der Räuber, „ein fauler Hund, der alles ergaunert“. Und die Hexe? „So ganz böse ist sie bei mir gar nicht“, sagt Kaiser-Wenig. Aber: „Wir brauchen das Böse, um das Gute darzustellen“. Archetypen seien die Figuren aus dem Kasperltheater, Vorbilder für Nachfolger, für Figuren, die Ähnliches verkörpern sollen.

Das Puppenspielen hat sie gelernt, in Kursen, „immer wieder in den Herbstferien bin ich in die Nähe von Dresden gefahren, 13 Mal insgesamt“, sagt sie rückblickend. Mit einer Bauchladenbühne habe alles angefangen. Allerdings sei man dadurch in der Kunst des Spielens deutlich eingeschränkt. „An der großen Bühne lässt sich einfach schöner spielen“, weiß die Herrin der Puppen, die seit nicht allzu langer Zeit eine Partnerin, Bettina, an ihrer Seite weiß, die sie unterstützt, Figuren übernimmt, spielt, dem Stück individuelle Einflüsse zukommen lässt.

Vielfältiger sei das Spielen zu zweit, auch, weil „wir uns gegenseitig motivieren“. Als Nachfolgerin kann sie sich Bettina vorstellen, sie bringe das Zeug mit, das eine Puppenspielerin brauche.

18 Kasperlstücke habe Mia Kaiser-Wenig derzeit im Repertoire, sieben Märchen, die sie aufführen könnte. Zwölf Mal im Jahr hat sie große Auftritte, etwa im Kongresshaus mit der Berchtesgadener Kasperlkiste, „so genau kann man das nicht sagen“, sie wird gebucht, spielt privat, „je nachdem“. Im Januar wird es ein neues Stück geben, an einem Trollmärchen arbeitet die freischaffende Künstlerin, die auch im Kunsthaus „Nonntal 10“ zu finden ist, derzeit – „ein Puppenspiel mit Tischfiguren“, sagt sie. Für die Zuschauer wird es anders sein, neu. Ein direkter Blick, eine persönliche Begegnung mit der Puppenspielerin ist dann möglich. Üblicherweise arbeitet Kaiser-Wenig im Verborgenen, hinter der Bühne. Das Augenmerk liegt dann auf dem Kasperl, dem Protagonisten, neunmalkluger Hampelmann und Hexenbezwinger in einer Person. Denn im Rampenlicht möchte die Puppenspielerin nicht stehen – dafür sind die Puppen da. Handgefertigt, jede für sich ein kleines Kunstwerk auf großer Bühne.

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