Kläranlage Berchtesgaden: Eine Reportage

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Eine Wissenschaft für dich: Georg Lenz im Labor.

Berchtesgaden - In der Kläranlage Berchtesgaden sorgen Georg Lenz und seine vier Kollegen dafür, das 22.000 Bewohner sauberes Wasser haben.

Das Areal der Kläranlage Berchtesgaden ist riesig – und doch arbeitet hier nur eine Stammbelegschaft von fünf Personen. Fünf Personen, die sich um die Abwässer von 22.000 Bewohnern aus vier Gemeinden kümmern: Berchtesgaden, Bischofswiesen, Schönau am Königssee und Ramsau. Anfang der 90er Jahre wurde kräftig in die Kläranlage investiert, über 22 Millionen Mark. 20 Jahre lang lief der Betrieb dann weitestgehend unverändert. „Um dem aktuellen Stand der Technik zu entsprechen, mussten wir nun investieren“, sagt Abwassermeister Georg Lenz. 1,8 Millionen Euro flossen in die Anlage.

Treffpunkt Kläranlage Berchtesgaden: Das Wetter ist trüb, es regnet, ein Wind bläst über das Gelände. Der Geruch ist gewöhnungsbedürftig, ein bisschen modrig, moosig, miefig. „Das ist ganz normal“, sagt Georg Lenz, der Abwassermeister: „Ein Sägewerk hat auch einen Eigengeruch.“ Vor dem Besucher liegen große, runde Becken, Nachklärbecken nennt sich eines, ein anderes Belebungsbecken. In diesem sprudelt es verdächtig. So als würde man eine Wasserflasche schütteln und dann öffnen. „Das alles erkläre ich ihnen später“, sagt Lenz. Zunächst gibt es Fakten. Die warten im Büro des Abwassermeisters, der seine Anlage wie die eigene Westentasche kennt. In Lenz‘ Büro prangt ein detaillierter Plan an der Wand. Eine Übersicht der Kläranlage. Farblich gekennzeichnet sind dort jene Maßnahmen, die in den letzten Monaten umgesetzt wurden. Fast zwei Millionen Euro wurden investiert.

„Man sieht davon nicht viel“, sagt Lenz. Denn Kläranlagen sind hochtechnisch. Maschinen rattern in den Gebäuden. Koordiniert wird die Abwasserreinigung von komplexer Steuerungstechnik. Auch diese musste modernisiert werden. Ebenso in die biologische Reinigung hat der Markt Berchtesgaden viel Geld gesteckt. „Die Kläranlage ist wohl der kostenintensivste Gemeindebetrieb“, sagt Lenz. Allein der Strom, der hier verbraucht wird, ist immens. Eine eigene Blockheizkraft-Anlage sorgt dafür, dass Strom entsteht. So viel, dass theoretisch 200 Einfamilienhäuser davon zehren könnten. Das Blockheizkraftwerk musste erneuert werden. „Eine Generalüberholung hätte sich nicht mehr gelohnt“, sagt Lenz.

Eindrücke aus dem Klärwerk in Berchtesgaden

Jeden Tag strömen 10.000 Kubikmeter Abwässer in die Kläranlage. Je nachdem, wie viel Wasser verbraucht wird. Ausgelegt ist die Anlage auf bis zu 60.000 Personen, die verschmutztes Flüssiggut einleiten. „Im Sommer sind viele Touristen da. Da braucht man das“, sagt Lenz. Beeindruckend groß sind Mengen an Wasser, die tagtäglich gereinigt werden, um dann, gesäubert, wieder in die Berchtesgadener Ache geleitet zu werden. Bis es soweit ist, muss das Wasser mehrere Arbeitsschritte durchlaufen haben. Wenn die Kläranlage komplett ausfiele? „Dann würden die Abwässer zurückgestaut“, sagt Lenz. Irgendwann ginge die Brühe über und würde in die Ache laufen. Allgenbildung, Tiersterben. „Eines Tages wäre die Ache tot“, prognostiziert der Abwassermeister, der Blaumann trägt. So wie seine Kollegen auch.

Mit dem Besucher geht es jetzt über das Gelände in ein unscheinbares Gebäude. Dort befindet sich der Zulauf aller Abwässer. „Alles, was in den Kanal kommt, kommt zu uns“, sagt Lenz. Duschwasser, Toilettenwasser, Regenwasser strömt hier hinein. In Hochzeiten bis zu 500 Liter pro Sekunde. Das Tosen ist laut und unnachgiebig. Ruhe findet man in den Räumlichkeiten der Kläranlage nur selten. Maschinen knattern, Turbinen rattern, es piepst und pfeift. Die Abwasser-Profis haben alles im Griff. Lenz ist schon einen Schritt weiter, zeigt dem Besucher den Geröllfang. Eine braune Brühe schießt im Untergrund vorbei. Nicht ausgeschlossen, dass größere Geröll-Brocken den Weg über das Kanalnetz in die Anlage finden. Ein eigens dazu angeschaffter Greifer, ein Mini-Bagger, hat die Aufgabe, den Schutt aus dem Abwasser-Zulauf zu fischen. „Früher sind wir direkt hinuntergestiegen“, erzählt Lenz.

Die Zeiten ändern sich aber. Gleich zu Beginn grob aussortiert werden Feststoffe, die sich auf ihrer langen Reise in das Klärwerk nicht im Wasser gelöst haben. Eine Art Rechen transportiert sie nach draußen, in einen Container hinein.

Ortswechsel, es geht in Richtung der großen, runden Becken. Unterirdisch werden die Abwässer, die die Kläranlage erreichen, um 4,5 Meter angehoben. Warum? „Weil das Wasser jetzt im freien Gefälle die gesamte Anlage durchlaufen kann“, weiß Lenz. Abwässer in der Kläranlage werden auf dreifache Weise gereinigt. Mechanisch: Ein Rechen entnimmt Stoffe durch Heraussieben oder durch Sedimentation. Biologisch: Bakterien kümmern sich um die Reinigung. Oder chemisch. Es geht vorbei am sprudelnden Belebungsbecken, ein Teil der biologischen Reinigung. Dort werden durch Belüften mit Hilfe von Bakterien Inhaltsstoffe des Abwassers abgebaut. Das System ist empfindlich. Um optimal zu verfahren, bedarf es einiges an Fingerspitzengefühl der Abwasser-Fachkräfte. In einem eigenen Labor werden Wasserwerte bestimmt. Dort lässt sich dann feststellen, wie hoch etwa die Bakterienkonzentration im Belebtschlamm, der Brühe im Belebungsbecken, ist. Ein Gebläse, das in einem Raum untergebracht ist, sorgt dafür, dass ausreichend Luft in das Belebungsbecken strömt. „Bis zu 10.000 Kubikmeter pro Stunde wären technisch möglich“, sagt Lenz. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Anlage 24 Stunden läuft.“ Einen Ausfall darf man sich nicht leisten. Eine Betriebsleiterwohnung auf dem Areal stammt aus Zeiten, als noch eine Fachkraft immerzu auf dem Gelände sein musste.

Zwischenzeitlich löst das die Technik, die im Notfall Alarm schlägt. In einem kleinen Raum versteckt, befindet sich eine große Schrankanlage. Darin: Viel Wissenschaft für sich, darunter auch ein Teil der neu installierten Steuerung, die die gesamten Abläufe in der Gemeindeanlage regelt. Ein Nachklärbecken befindet sich nebenan - und kurz darauf wird das Wasser wieder sauber. Zu Beginn entsprach es einer schlammigen Brühe, mit unangenehmem Geruch. „Der Reinigungsgrad am Ende liegt bei 98 bis 99 Prozent“, weiß Lenz, ein bisschen stolz ist er. Von hier aus wird das Wasser wieder in die Ache eingeleitet. Die Feststoffe, die dem Abwasser zuvor entnommen wurden, haben eine geruchsintensive Entwicklung hinter sich: vom Rohschlamm, zum Faulschlamm, zum Klärschlamm. Dieser wird in einem Anhänger gesammelt, abtransportiert und dann verbrannt. Fast zwei Millionen Euro sind in die Kläranlage geflossen. „Das war aber noch nicht alles“, sagt Lenz. Auch in Zukunft muss investiert werden. Im Fokus steht etwa ein Notstromaggregat. Falls alles schief geht, würde das anspringen. „So etwas haben wir noch nicht“, sagt er. Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp weiß schon Bescheid. Ein kostenintensiver Posten. Ein notwendiges.

kp

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