Ganz ohne Worte Gehör verschaffen

+
Alles Gute zum 75. Vereinsjubiläum. Vorsitzende Dagmar Lochner freut sich mit einer Flasche Champagner.

Schönau - Beim 75-jährigen Gründungsjubiläum des Gehörlosenvereins Berchtesgaden feiern Hörbehinderte aus ganz Bayern am Königssee.

Die Begrüßung fällt still und leise aus, ganz ohne Worte. Dafür mit zahlreichen Händen in der Luft, nach oben gestreckt, die sich wild hin- und herbewegen. Das Klatschen der Gehörlosen. Ganz ohne Geräusche. Aber mit viel Herzlichkeit in dem, was man vermittelt. Im Gasthaus Unterstein trafen sich kürzlich Hörgeschädigte, um gemeinsam das Jubiläum des Gehörlosenvereins Berchtesgadener Land zu begehen. Und eins wurde bereits nach wenigen Minuten offensichtlich: Der Zusammenhalt unter Gehörlosen, Schwerhörigen und Spätertaubten stimmt.

Aus Österreich und Bayern waren Vertreter von Gehörlosenvereinen angereist, etwa Stefan Straßer vom Hörgeschädigten-Verein Mühldorf/Inn-Altötting 1942. Auch Rudolf Gast, Vorsitzender des Landesverbandes Bayern der Gehörlosen war gekommen. Um einen Tag mit den Mitgliedern des hiesigen Vereins und dessen Vorsitzender Dagmar Lochner zu verbringen. Untereinander klappt die Verständigung prächtig. Die Gebärdensprache überwindet das Alltags-Handicap des Nicht-Hörens – und so war es im gut besuchten Gasthaus-Saal immerzu sehr still und leise. Hier und da mal ein Räuspern, ein Husten, wenige Laute. Für den Hörenden eine Veranstaltung mit Seltenheitswert. Eine sprach jedoch immer. Lis Neudecker, eine Gebärdensprachdolmetscherin aus dem österreichischen Wals, übersetzte für all jene, die hören, darunter für den Bürgermeister von Schönau am Königssee, Stefan Kurz, der neben dem zweiten Bürgermeister von Berchtesgaden, Karl Seiberl, die Rathauschefs der drei Talkessel-Gemeinden Ramsau, Bischofswiesen und Marktschellenberg vertrat. Kurz war schon mal auf einer ähnlichen Veranstaltung Gehörloser. Viele Jahre sei es her. Gute Erinnerungen habe er an den Termin, vor allem aber, sagt er, seien die, die nicht hören, immerzu gut gelaunt gewesen - damals.

"Gehör verschaffen" - 75 Jahre Gehörlosenvereins

Nicht nur damals. Eine positive Atmosphäre lag auch während der aktuellen Jubiläumsfeierlichkeit im Raum. Grußworte des stellvertretenden Landrats Helmut Fürle: „Ihr habt allen Grund zum Feiern“, sagte dieser. Auf Landes- und Bundesebene sei viel geschehen. Das Verdienst liege bei den Gehörlosenvereinen, die maßgeblich dazu beigetragen haben, dass „die Belange der Hörgeschädigten in die Welt getragen werden.“ Gehörlose befänden sich nicht mehr am Rand der Gesellschaft, so Fürle, der die gefestigten Vereinsstrukturen und den Zusammenhalt untereinander lobte. Gut vernetzt sei der Gehörlosenverein Berchtesgadener Land. Kinder könnten dadurch frühzeitig gefördert, berufliche Fortbildungen und Bildungsangebote allgemeiner Natur angeboten werden. „Den erbrachten Leistungen Ihres Vereins, Frau Lochner, gebührt höchste Anerkennung“, so Fürle. Und auch Bürgermeister Kurz war voll der lobenden Worte, die von den Gehörlosen im Saal, sonst zum Klatschen mit den Händen winkend, applaudierten, den Saal in eine Geräuschkulisse verwandelten.

Auch Rudolf Gast, der Vorsitzende des Landesverbands Bayern der Gehörlosen, selbst gehörlos, bat die Gebärdensprachdolmetscherin „ihm doch die Stimme zu leihen“. Ausdrucksstark war Gasts Auftritt, er sprach von der „Inklusion“, von der Einbeziehung, der Dazugehörigkeit Gehörloser. Dass es wichtig sei, dass Gehörlose auf jene Schulen gingen, die für sie am besten geeignet sind. 7144 Gehörlose gebe es in Bayern, sagt er. Die Vereine seien das Sprachrohr für die eigenen Belange. In seinen Grußworten erinnerte er zurück an zwei bedeutende Feierlichkeiten, die Gehörlose in der Vergangenheit bereits in Berchtesgaden gefeiert hatten: Zum einen die Welt-Winterspiele, eine Art Olympiade, die im Jahr 1967 stattfand, zum anderen das im Jahr 2000 durchgeführte 4. Bayerische Landestreffen der Gehörlosen, das bereits vor elf Jahren auf reges Interesse stieß. Keiner der Vereinsvertreter befreundeter Vereine ließ es sich nehmen, Grußworte zu sprechen, kleine Geldgeschenke zu überreichen. Die Jugendgruppe des Trachtenvereins D`Watzmanner hatte gegen Ende einen Auftritt, ebenso das Gehörlosen-Theater Thow Show aus München sowie ein Pantomime. Man wolle sich bald wieder treffen, so die einhellige Meinung der Beteiligten, die den Nachmittag nicht nur für den Einzelnen zu einem besonderen Erlebnis gemacht hatten.

kp

Zurück zur Übersicht: Region Berchtesgaden

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser