„Fortgehen, um wieder zurückzukommen“

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Die Eiskletter-Weltmeisterin Ines Papert (M.) zusammen mit den BERGinale-Veranstaltern Martina und Hans Klegraefe.

Berchtesgaden - Sie ist klein und zierlich und im ersten Moment verkennt man ihr Talent. Bis der Projektor anlässlich der BERGinale anspringt und die ersten Bilder über die Leinwand rauschen.

„Forever“ heißt ihr Programm. Ines Papert ist jetzt in ihrem Element, irgendwo in senkrechten Wänden, in Überhängen, ein Leben mit Fels und Eis. „Routine bestimmt den Alltag“, sagt Papert, „Gewohnheit das Leben“. Damit hat sie wohl Recht. Die meisten geben sich genügsam, nicht so die vierfache Weltmeisterin und mehrfache Weltcup-Siegerin im Eisklettern.

„Augenblicke, in denen einfach alles still wird“ – Papert ist auf der Suche nach genau solchen Momenten, nach Erfahrungen fern der Alltäglichkeit. Die Besucher der BERGinale nimmt sie mit auf diese Reise, in jene Momente, „in denen man seine Träume lebt“, sagt sie, „in denen man das macht, was man immer machen wollte.“ Gewiss ist, dass die Extremkletterei genau ihr Ding ist, ihr wahr gewordener Traum, nach dem sie immer wieder greift. Da scheint kaum Platz zu sein für ihren zehnjährigen Sohn. Im Gegenteil, sagt sie, die Familie sei das Wichtigste. „Immer wieder zieht es mich nach Hause zurück. Fortgehen, um wieder zurückzukommen“, sagt sie.

Viele Besucher sind anwesend, allein die Einführungssequenz, professionell abgedreht, zeigt, was den Zuschauer in den nächsten 90 Minuten erwarten wird: ein sportliches Highlight aus sehenswerten Fotos, kurzen, knackigen Filmsequenzen, Interviews aus der Gefühlswelt der teilnehmenden Bergspezialisten, die mit Ines Papert auf ihren Expeditionen unterwegs sind. Die teils mehrwöchigen Ausflüge in „Forever“ sind von langer Hand geplant, professionell vorbereitet, die mitgebrachten Inhalte sichern Paperts Lebensunterhalt, sie betreibt ihren Sport, das Klettern in Fels und Eis, mit Akribie. Die Bayerisch Gmainerin ist oft im Jahr unterwegs, im Nirgendwo, etwa im abgelegenen „Icefall Brook Canyon“ in Kanada, wo Ines Papert mit drei kletternden Kolleginnen zehn Erstbegehungen in zehn Tagen absolvierte. Unberührtes Eis, 600-Meter-Wasserfälle, für die erfolgreiche Eiskletterin geht ein Traum in Erfüllung. Keinen Hehl macht Papert daraus, dass die Stimmung untereinander nicht immer die beste war – und dennoch gelingt ihr mit „Into the Wild“ eine äußerst anspruchsvolle Mixed-Route, die sie mit einer M12 bewertet. Wiederholt wurde diese Route bis heute kein zweites Mal. In absoluter Einsamkeit verbringt das Team seine Nächte, die Bilder zeugen von purem Abenteuer, waghalsigen Kletter-Touren. Nicht nur Kanada ist das Ziel von Paperts Reise, auch die Begehung des Extrem-Klassikers „Flying Circus“. „Eiszapfen, scharf wie Haifischzähne, die Kletterei überhängend und grenzwertig“, so erfährt man es von ihr. Dass ein solches Leben doch auch mit dem Familienleben vereinbar ist, zeigt sich zu einem späteren Zeitpunkt während ihres Vortrags: Ihr zehnjähriger Sohn zusammen mit der dem Sport verfallenen Ines, traute Zweisamkeit. Die Familie gibt ihr Rückhalt, ist der Ankerpunkt, doch muss sie hin und wieder nach draußen, neue Experimente wagen, Routen finden, sich selbst übertreffen. In Verbindung mit dem Familienleben ergibt sich für Ines Papert jenes „Traum-Leben“, das sie nach eigenem Bekunden lebt. In einem Moment beneidenswert, „es sind Geschichten einer flüchtigen Welt“, sagt die mehrfache Weltmeisterin, die die Herausforderung sucht, auch das Risiko, Tag für Tag. Momentan ist Papert zu Hause bei ihrem Sohn. Dann ist sie ganz Familienmensch.

kp

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