"Erst jetzt wird die Thematik aufgearbeitet"

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Dr. Christian Hartmann am Donnerstag im Obersalzberger Gespräch

Berchtesgaden - Dr. Christian Hartmann referiert am am heutigen Donnerstag beim 18. Obersalzberger Gespräch zum "Unternehmen Barbarossa".

„Unternehmen Barbarossa“ – der Deckname für den Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion – kostete viele Millionen Menschen das Leben. Dr. Christian Hartmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München, hält über das Unternehmen, das vor 70 Jahren begann, anlässlich des 18. Obersalzberger Gesprächs einen Vortrag über die neuesten Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet. „Die Forschung hat sich irrsinnig verändert“, sagt er im Vorgespräch. „Erst jetzt wird die Thematik richtig aufgearbeitet.“

Eine „Erinnerung und Bilanzierung“ sei notwendig, sagt Hartmann. Bislang sei das in noch nicht ausreichendem Maße geschehen. Denn in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs „sucht ein Kriegsschauplatz wie der deutsch-sowjetische seinesgleichen.“ Über 30 Millionen Menschen sind in den Jahren 1941 bis 1945 gefallen, das „Unternehmen Barbarossa“ selbst gilt als eine der größten Zäsuren in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. „Diese ganzen Ereignisse überschatten unsere vergangene Geschichte und die Gegenwart. Es hat nichts gegeben, was diesem Ereignis gleichkommt“, so der Historiker. Neue Forschungserkenntnisse, die Hartmann lüften möchte, beruhten vor allem auf der Tatsache, dass viele Archive jetzt erst – nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts - geöffnet wurden. „In Deutschland gibt es da eine relativ klare Regelung – nach 30 Jahren.“ In anderen Ländern sei das verschieden, die Aufarbeitung dauere lange. Hartmann weiß aber, dass sich der Blick auf den Kriegsschauplatz durch die Archiv-Öffnung gewaltig verändert hat. Neue Aspekte seien in die Forschung eingeflossen, Einzelschicksale, der „Mensch steht im Mittelpunkt der Wahrnehmung“, nicht die Sache. Hartmann sagt, die zwei Wehrmachtausstellungen (1995 bis 19999 und 2001 bis 2004) hätten dazu beigetragen, dass die Verbrechen der Wehrmacht in der Zeit des Nationalsozialismus, vor allem aber im Krieg gegen die Sowjetunion, einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden konnten. Das langsame Abtreten der Zeitzeugen habe dazu geführt, sich verstärkt mit der Aufarbeitung der deutsch-sowjetischen Vergangenheit zu beschäftigen – den Fokus auf die Militär-Geschichte gerichtet. „So viel wie in den letzten 15 Jahren wurde noch nie über den deutsch-sowjetischen Krieg geforscht“, weiß der Experte.

Aber die russischen Mühlen, deren Archive, mahlen nun mal langsam, „zögerlich“ seien sie in der Aufarbeitung. Dass die deutschen Taten im Fokus stünden, sei wichtig, trotzdem würde die Forschung gewinnen, wenn auch die Gegenseite detaillierter beleuchtet werden würde und könnte. „In dieser Hinsicht wissen wir noch längst nicht alles“, so Hartmann. Er zeigt sich aber zuversichtlich. Auch, weil es in den 90er Jahren bereits eine „vorsichtige Öffnung der russischen Archive gegeben hat“. Unter anderem seien Geldgeschenke dafür verantwortlich gewesen. Erst, wenn einzelne Aspekte konkret würden, gewännen sie an Brisanz. „Von einer flächendeckenden Forschung kann bis heute leider noch nicht die Rede sein.“ Dr. Christian Hartmann ist am heutigen Donnerstag, 27. Oktober, um 19 Uhr anlässlich des 18. Obersalzberger Gesprächs in der Dokumentation Obersalzberg und referiert zum Thema „Unternehmen Barbarossa – Der deutsche Krieg im Osten 1941 – 1945“. Anfang des Jahres hat er das gleichnamige Buch im „C. H. Beck“- Verlag veröffentlicht.

kp

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