„Eine aufregende Zeit liegt vor uns“

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Schulleiter Thomas Schröder-Klementa: Früher war er der Schulleiter an den Christoporusschulen in Berchtesgaden. Seit August 2010 wohnt er in Kairo.

Berchtesgaden/Kairo – Die Revolution findet in Ägypten statt, auf dem Tahrir-Platz, nur wenige Autominuten von der DEO-Kairo entfernt, der Deutschen Evangelischen Oberschule, die von keinem Unbekannten geleitet wird.

Thomas Schröder-Klementa wohnt in Kairo, unterrichtet an der DEO, 1300 Schüler, eine der ältesten deutschsprachigen Auslandsschulen überhaupt. Er ist Schulleiter, vormals war er Chef an den Christophorusschulen in Berchtesgaden. Seit August vergangenen Jahres wohnt er mit seiner Ehefrau in Kairo und musste den Schulbetrieb angesichts der nunmehr schon seit vielen Tagen stattfindenden Massenproteste gegen den ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak einstellen.

Das Leben geht indes weiter, den Tahrir-Platz hat Schröder-Klementa bislang aber immer gemieden. Eigentlich sollte momentan das Abitur an der Deutschen Evengelischen Oberschule abgehalten werden. Es ist anders gekommen. „Fünf Tage am Stück hatten wir die Schule geschlossen“, erzählt Schröder-Klementa am Telefon.

Nachdem beim ersten Anruf-Versuch keine Verbindung zustande kommen wollte, hat es bereits beim zweiten Mal geklappt. Die Stimme aus Ägypten ist klar und deutlich, nur ab zu knarzt ein Rauschen durch die Leitungen. „Das Internet funktioniert auch wieder“, zeigt sich der Schulleiter zufrieden. Tage zuvor war der Zugriff auf das World Wide Web nicht möglich, die Leitungen waren tot, keine Chance, Nachrichten zu empfangen.

Die DEO Kairo wird überwiegend von ägyptischen Kindern besucht, die hier Deutsch lernen, später mitunter nach Deutschland gehen, studieren, eine internationale Ausrichtung. Acht vergleichbare deutsche Schulen gibt es in Ägypten. „Wir haben bei uns auch viele deutsche Kinder“, sagt Schröder-Klementa, Kinder von Experten im Ausland, von Botschaftsangehörigen, von Dependance-Vertretern, die sich mit Familie in Kairo aufhalten, dort ihren Lebensmittelpunkt haben.

Die Massenproteste gegen das Mubarak-Regime behindern den Schulalltag, so viel ist sicher. Fünf Tage Unterrichtsausfall, die Abitur-Prüfungen wurden nach hinten verschoben, Neuigkeiten finden sich in steter Regelmäßigkeit auf der Hauptseite des Internetauftritts der DEO. „Zum Tahrir-Platz bin ich noch nicht gefahren“, erzählt Schröder-Klementa, zu unsicher ist ihm die Gesamtsituation. Er berichtet von Kollegen, die bereits dort gewesen waren, live mit dabei beim Aufbegehren des Volkes gegen einen Alt-Autokraten, 82-jährig, der bis September an der Macht festhalten möchte.

Der Tahrir-Platz befindet sich nur wenige Autominuten von der DEO entfernt, kein Sichtkontakt etwa, aber dennoch bremst das dortige Geschehen den Schulalltag, macht es unmöglich zu unterrichten. Ausgangsverbote, die Busse, die die Kinder gewöhnlich abholen, konnten nicht fahren“, berichtet er. „Viele deutschsprachige Kollegen wurden von der Deutschen Botschaft bereits aufgefordert, in die Heimat zu fliegen“. Schröder-Klementa erhielt diesen Aufruf, dem er als Beamter nachgehen müsste, noch nicht. Die Warnstufe sei noch zu gering, sagt er. Der Schulleiter möchte bleiben, auch – und speziell – wegen seiner 1300 Schüler, der Verantwortung, die er für jene Kinder trägt. In einer solch großen Stadt wie Kairo gebe es Plätze, wo das Geschehen kaum überschaubar sei, jedoch auch solche Orte, wo man sich durchaus sicher fühlen könne. Selbst habe er noch keine Situation miterlebt, in welcher er in Gefahr hätte kommen können. „Dennoch herrscht bei uns eine gespannte Aufmerksamkeit“.

Ob es noch zur Eskalation komme, wisse er nicht, niemand könne das sagen, größere Demonstrationen seien aber bereits angekündigt worden. Die Berichterstattung, vor allem jene ausländischer Medien, habe sehr einseitig stattgefunden. „Die große Frage ist, ob Mubarak bis Herbst im Amt bleibt und sich dem Druck stellen kann.“ Ein politischer Wandel stehe kurz bevor, „wir haben sicher noch eine aufregende Zeit vor uns“, sagt Schröder-Klementa, zuversichtlich. In der Schule soll es schon demnächst weitergehen. Der Plan sei, dass man in wenigen Tagen bereits wieder Unterricht anbieten wird, ein Notfall-Stundenplan gewissermaßen, denn viele Lehrkräfte befinden sich außer Landes, werden erst dann zurückkehren, wenn die Gefahr überschaubar ist. Mit einem Herzensanliegen verabschiedet sich der Schulleiter der Deutschen Evangelischen Oberschule am Telefon: „Liebe Grüße an all meine ehemaligen Schüler und Kollegen – und viel Erfolg beim Abitur“.

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