„Ein Stück für Berchtesgaden“

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Ein Leben für die „Rupert Bühne“. Überall hängen die Plakate vergangener Bühnen-Stücke.

Berchtesgaden – Eine Wiederholung der Nationalpark-Festspiele wäre wünschenswert, wenn es nach „Ruperti Bühnen“-Gründer Max Reichenwallner geht.

Drei Aufführungen gab es erst kürzlich, drei Mal waren diese sehr gut besucht. Max Reichenwallner müsste glücklich sein. Irgendwie ist er das auch. Dennoch wirkt er nachdenklich. Nächstes Jahr wird die von ihm ins Leben gerufene „Ruperti Bühne“ 25 Jahre alt. „Wenn es mir zwischenzeitlich nicht so geht wie dem Vurnegger“, sagt er. Dann ein knappes Lächeln. Das ist jener Hauptcharakter des aktuellen Bühnen-Stückes, der kurz vor dem Tod steht, sein Erbe verteilen möchte. Aber jetzt schon das Erbe verteilen? Reichnwallner könnte sich noch so einiges vorstellen, etwa eine Wiederaufführung der „Martinsklause“ von Ludwig Ganghofer, jenes Stück, das bei den Nationalpark-Festspielen im vergangenen Jahr für so viel Aufmerksamkeit sorgte. Ausverkaufte Vorstellungen, „die Zusammenarbeit mit allen Mitwirkenden war einfach hervorragend“, erinnert sich der Bühnen-Gründer zurück. Doch sei es „schwierig, alles erneut unter einen Hut zu bringen.“

Ludwig Ganghofer – der Name ist eng mit Berchtesgaden verknüpft und doch funktioniert er und seine Stücke auch anderswo, weiß Reichenwallner, der in frühen Jahren im Mozarteum in Salzburg Gesagt studiert hat. Das Ziel sei „die große Karriere“ gewesen, sagt er. Doch dazu bedarf es oft auch eines Quäntchens Glück – oder des „richtigen Mannes zur rechten Zeit“. Die große Karriere: Was ist das schon? Auch im Kleinen kann man Karriere machen. Reichenwallner wirkt dennoch etwas unglücklich, wenn er über den Verlauf der Dinge spricht. „Ich bin ein gebranntes Kind“, sagt er, während er zurückgelehnt, mit ineinander verschränkten Fingern neben seinem Kaser sitzt, dicht umwachsen von schönen Pflanzen, gleich daneben ein kleiner Teich – ein beschauliches Szenario. Viel ist er herumgekommen, war in Musicals, in Operetten, Opern, Konzerten, auf der Bühne. Dann, irgendwann, sei er in die Heimat zurückgekehrt: als „Dompteur eines Flohzirkus“, sagt er – und meint seine Bühne, die Bühne im Kleinen. Für die ganz große Bühne, jene „Karriere“, die man sich vorstellt, hat es dann doch nicht gereicht. Den Weg, den er, der Künstler, eingeschlagen habe, „habe ich nicht wirklich bereut“, sagt er. Reichenwallner hat Familie, Frau, drei Kinder. Karriere und Kinder ließen sich aber schwer miteinander vereinbaren, wenn man ständig unterwegs sei, 200 Tage im Jahr, Volkstheater, Stadttheater, tragende Rollen.

Eindrücke aus der Rupert Bühne

„Irgendwann ist es dann doch so, dass man das Zigeunerleben satt hat nach drei Monaten am Stück“, so die offenen Worte von einem, der es wissen muss. Familienkompatibel sei das alles nicht mehr gewesen. Später dann habe er versucht, „Kultur nach Berchtesgaden zu bringen“, Kongresshaus, „Carmina Burana“, 3500 Mark hat er aus eigener Tasche draufgezahlt. In Salzburg würde das funktionieren. Salzburg ist nicht Berchtesgaden. Irgendwann steht Max Reichenwallner auf, holt einen dicken Ordner mit Zeitungsberichten, Manuskripten, ein ganzes Leben auf Papier – in Wort und Bild. „Das habe ich alles gesammelt für jemanden, der es dann einmal wegwirft“, sagt er. Ein klein wenig Ernst schwingt in seiner Stimme mit. Vor zwei Jahren etwa war der PC kaputt gegangen, alle digital gespeicherten Bilder und Manuskripte gelöscht worden. Da ist man froh, wenn es Gedrucktes gibt. Derweil gibt es noch viel zu tun, etwa die von Mai bis Oktober regelmäßig aufgeführten Stücke im „Haus des Gastes“ in Schönau am Königssee. Finanziell rentiert habe sich das alles nie richtig. Sagt der Bühnen-Chef. Die Leute bleiben heutzutage oft lieber zu Hause, die Zeit sei im Moment schlecht, die Menschen übersättigt. Und dennoch: „Der Lohn sind die Erfolge – und die Freundschaft mit dem Ensemble.“ Ja, das Ensemble. „Solange die Beteiligten dahinterstehen, ist es schwer zu sagen, ich lasse es sein“, berichtet Reichenwallner wehmütig. Mit den Jahren habe man eine einzigartige Truppe zusammenbekommen, Adi Angerer ist seit den Anfangstagen der „Rupert Bühne“ mit von der Partie, andere seit Jahrzehnten, seit vielen Jahren. Eine Bühnenfamilie, die immer wieder zusammenkommt. Bei der „Martinsklause“ etwa im letzten Jahr. Alle hätten damals ungemein professionell zusammengearbeitet. Die „Nationalpark-Festspiele seien großartig gewesen. Überhaupt: „So etwas braucht eine Region wie diese.“

Viele Jahre schon geisterte „Die Martinsklause“ durch Reichenwallners Kopf, „ein Stück für Berchtesgaden“. Anfangs hieß es von Gemeindeseite: „Max, mach was, aber wir haben kein Geld.“ Der Glücksfall sei dann im letzten Jahr eingetreten. „200 Jahre Berchtesgaden bei Bayern“, ein großes Jubiläum, plötzlich wurden Gelder locker gemacht, der Aufwand war gewaltig, Festspiele im Freien, in der Ramsau, die Leute strömten scharenweise in die Vorstellungen. „Berchtesgaden müsste sich mit Ganghofer präsentieren“, sagt Reichenwallner – und hofft insgeheim, dass sich die Chance auf eine Wiederaufführung nochmal bietet. Eine klare Abgrenzung zu Salzburg würde Ganghofer mit sich bringen. Ganghofers Potenzial sei enorm, nur müsste dieses auch von touristischer – und von politischer – Seite erkannt werden. Scheinbar nah, und doch so weit? Reichenwallner, der selbst noch gerne auf der Bühne steht, führt den Besucher nun in eine nur einen Steinwurf entfernte Behausung, das kreative Zentrum, Lager und Werkstatt in einem. Hier hängen die Bühnengewänder, die Requisiten findet man dort, es schaut nach Arbeit aus. Nach viel Arbeit. Arbeit, die nicht immer etwas abwirft. „Den Künstler treibt es von innen heraus“, sagt Reichenwallner. „Da fragt man nicht immer, was finanziell dabei rauskommt.“

kp

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