„Die Fachkräfte fehlen“

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50 Mitarbeiter beschäftigt Dieter Schönwälder, weitere Einstellungen sind geplant.

Schönau am Königssee – Zum Tag des Ausbildungsplatzes spricht Unternehmer Dieter Schönwälder mit Vertretern der Agentur für Arbeit Traunstein über die Mangelware Fachkräfte:

Unternehmer Dieter Schönwälder, der auf dem Triftplatz in Schönau am Königssee einen großen Lebensmittelmarkt betreibt, weiß wovon er spricht: „Fachkräfte sind Mangelware.“ Schönwälder bräuchte Arbeitskräfte, Lehrlinge - dringend. Doch findet er kaum geeignete.

Drauf und dran, das Teilzeitausbildungskonzept an den Mann zu bringen: Konrad Lohner und Anette Farrenkopf.

Die Agentur für Arbeit würde gerne weitere Ausbildungsplätze anbieten können. Deshalb ist der Geschäftsstellenleiter der Agentur für Arbeit Berchtesgadener Land, Konrad Lohner, und seine Kollegin Anette Farrenkopf, die Vorsitzende der Geschäftsführung in Traunstein, nach Schönau am Königssee gekommen. Sie besuchen Dieter Schönwälder, wollen ihm ein neues Teilzeitmodell schmackhaft machen. Dass etwa auch Mütter einfacher eine Ausbildung starten können. Denn: „Im Lebensmittelbereich herrscht Fachkräftebedarf“, sagt Lohner. Von Bedarf kann aber keine Rede mehr sein – im Grunde ist es schon ein Mangel.

50 Angestellte hat Dieter Schönwälder in seinem Rewe, Vollzeitbeschäftigte, Teilzeitbeschäftigte, Studenten, Auszubildende. Schönwälders Betrieb ist ein Musterbetrieb. Ein Einzelhändler, der ausbildet, anders als viele Discounter, der seinen Angestellten alle Möglichkeiten einräumt.

Früh morgens, Punkt 6:30 Uhr, das alltägliche Morgen-Meeting. Was steht an, was ist geplant, wo drückt der Schuh. Im Angestellten-Bereich, fernab der unzähligen Lebensmittelprodukte, hängen Zettel, Schriftzüge sind über diesen angebracht: „Ideenblätter“, „Kundenwünsche“, „Problemlösungsblätter“. Bei Bedarf könne ein jeder, vom langjährigen Mitarbeiter bis hin zum Auszubildenden, einen Zettel ausfüllen und Schönwälder ins Fach legen. Aufkommende Probleme sollen so im Keim erstickt werden. Das System funktioniert.

Was nicht funktioniert, ist die Suche nach neuen Auszubildenden, nach Fachkräften im Allgemeinen. Der Markt ist leergefegt. Allein in den letzten Monaten haben in Bad Reichenhall und Schönau am Königssee rund 100 Arbeitskräfte im Lebensmittelbereich einen Arbeitsplatz gefunden. Der Fachkräftemangel ist also spürbar, kein bloßes Wortmonster, sondern greifbare Realität.

Konrad Lohner und Anette Farrenkopf von der Agentur für Arbeit wissen darüber Bescheid. „Der Fachkräftebedarf im Agenturbezirk Transtein wird nicht nur durch die demographische Entwicklung weiter zunehmen, sondern sich auch durch die Konkurrenzsituation mit anderen Regionen noch verschärfen“, sagt Farrenkopf. Der Trend ist die Höherqualifizierung. Kein Platz für den Lebensmittelhandel.

Nicht alle Bewerbungen können überzeugen. Deutlich mangelt es im Lebensmittelbereich an Fachkräften.

Im Besprechungsraum philosophiert Dieter Schönwälder über Unternehmergeist, über die REWE, zeigt deutlich Anerkennung für seine Mitarbeiterschaft. Fleißig, freundlich, fachkundig. Schönwälder bräuchte jedoch Verstärkung, der Arbeitsmarkt gibt aber kaum etwas her. Aus einer Mappe zieht er ein paar Bewerbungen, einige Fragebögen, ausgefüllt von Praktikanten, die ihre Motivation gegenüber Schönwälder aufzeigen sollen, begründen sollen, warum sie gerade die Lebensmittelbranche aufgesucht haben, was ihnen dort wichtig wäre. Die Antworten sind ernüchternd, kaum ein Satz ist vollständig, von Rechtschreibfehlern wimmelt es nur so.

„Der erste Eindruck ist entscheidend“, sagt der Unternehmer, der jedem Bewerber eine Chance gibt. Probearbeiten, persönliche Gespräche. Beim einen dauert die Entwicklung länger, beim anderen kürzer, weiß der Unternehmer. Geschäftsstellenleiter Konrad Lohner gefällt diese Einstellung, wohl auch deswegen, weil er weiß, dass ein gewisser Teil jener, die auf Jobsuche sind, nur schwer vermittelbar sind. Schlechte Noten, miserable Beurteilungen.

862 unbesetzte Ausbildungsstellen gebe es derzeit im Einzugsgebiet der Agentur für Arbeit Traunstein. Aber zu wenig Jugendliche, die diese Stellen besetzen würden. Für Konrad Lohner von der Agentur für Arbeit ist es denkbar, Arbeitszeitmodelle flexibel zu gestalten. Zumindest könnte man auf diese Weise etwa junge Mütter wieder in die Arbeitswelt integrieren. Nur müssen auch die Unternehmen mitspielen. „Herr Schönwälder, kämen flexible Arbeitszeitmodelle – etwa innerhalb einer Teilzeitausbildung - für Sie in Frage“, so Lohner. „In jedem Fall“, lautet die Antwort des Lebensmittelmarktbetreibers. Wie viele Ausbildungsplätze wären denn vorstellbar? „Zwei Stellen könnte ich auf diese Weise besetzen“, gibt Schönwälder zu verstehen.

Für die Agentur für Arbeit ist es ein Erfolg. Jede vermittelte Stelle ist ein Grund zum Jubeln. Bei jungen Müttern scheint die Erfolgsaussicht groß, diese unterzubringen. Doch das eigentliche Problem ist damit nicht gelöst, das weiß jeder der Beteiligten. „Fachkräfte fehlen im Moment vor allem in der Lebensmittelbranche und im Pflegebereich“, sagt Anette Farrenkopf. Der Lebensmittelhandel böte Perspektiven, Aufstiegschancen, sagt Lohnert, doch wie soll man vermitteln, wenn die Leute fehlen, Höherqualifizierungen anstreben, lieber studieren, als eine klassische Ausbildung zu durchlaufen? So müsse man eben auch auf jene setzen, die im ersten Moment, auf dem Blatt Papier, kein gutes Bild abgeben. „Dazu gehört eine gewisse Portion Mut“, sagt Lohnert, dessen persönlicher Erfolg sich nur dann einstellt, wenn er erfolgreich vermittelt.

Mut hatte Schönwälder schon häufig, er hat viele Chancen gegeben, er wurde enttäuscht, häufig für seinen Mut belohnt. Derzeit befindet er sich wieder in Gesprächen mit einer jungen Dame, die eine Ausbildung anstrebt. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Dieter Schönwälder erfolgreich war.

kp

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