„Das G8 bringt nicht nur Nachteile“

Der stellvertretende Schulleiter Andreas Schöberl: „Ich verteufel das G8 sicher nicht per se.“

Berchtesgaden - Etwa 100 Schüler werden am Gymnasium Berchtesgaden dieses Jahr ihr Abitur machen. Zwei Jahrgänge, die einen haben zwölf (G8), die anderen 13 Jahre Schulzeit (G9) hinter sich.

„Wir werden sehen, was rauskommt“, sagt der stellvertretende Schulleiter am Gymnasium, Andreas Schöberl, im Hinblick auf die im Mai startenden G8-Abitur-Prüfungen. Zuvor, ab 18. März, wird der letzte G9-Jahrgang zur Prüfung gebeten.

Seit vielen Jahren hatten die Länder-Ministerien an einer Verkürzung der Gymnasialzeiten gebastelt, nun zeigt sich, ob das „Turbo-Abitur“, in der Vergangenheit oft mit Kritik bedacht, die Bewährung bestanden hat. „Der Modellversuch des Europäischen Gymnasiums endet mit der endgültigen Einführung des achtjährigen Gymnasiums“, sagt Schöberl. Das Europäische Gymnasium, so auch in Berchtesgaden, war ein im Jahr 1992 gestarteter Modellversuch mit dem Ziel, „der Idee Europa und der Bedeutung - sowohl der Fremdsprachen wie auch der Naturwissenschaften - in einem zusammenwachsenden Europa in besonderem Maße Rechnung zu tragen“.

Neben einem naturwissenschaftlichen Augenmerk waren es vor allen Dingen drei Fremdsprachen, die es zu erlernen galt. Einige der damaligen Erkenntnisse aus jenem Modellversuch seien nun auch im G8 wiederzufinden, bestätigt Schöberl. So etwa die zweite Fremdsprache, die auch im Europäischen Gymnasium im zweiten Gymnasialjahr verpflichtend war. Darüber hinwegtäuschen, dass das G8 einen grundlegenden Einschnitt in bisherige Lernpläne bedeutete, möchte Schöberl aber nicht. „Es haben wesentliche Änderungen stattgefunden. Wir befinden uns in einem Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist“, so sein bisheriges Fazit.

Etwa 100 Schüler werden am Gymnasium Berchtesgaden dieses Jahr ihr Abitur machen.

Ab 13. Mai zeigt sich, wie die G8-Abiturienten abschneiden werden. Damit der Run auf die Universitäten ein wenig gedämpft wird, wird der G9-Jahrgang sein Abitur bereits ab dem 18. März antreten. „Die Schüler haben die Möglichkeit, ab dem Sommersemester zu studieren“. Der auserkorene Plan, die Universitäten zu entlasten, dürfte allerdings gehörig schief gehen, angesichts der Tatsache, dass viele Studiengänge nur im Wintersemester angeboten werden.

Zu überstürzt und zu schnell sei das G8 eingeführt worden – mit dieser Kritik seitens Eltern, und Lehrerverbänden mussten sich die Verantwortlichen in der Vergangenheit vermehrt auseinandersetzen. „Es gibt deutliche Unterschiede zum auslaufenden neunjährigen Gymnasium“, sagt Schöberl. So sei es verpflichtend, die Fächer Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache in jedem Fall zu belegen. Wer in diesen Fächern noch nie gute Leistungen gezeigt hatte, hat trotz allem keine Wahlmöglichkeit. „Wenn ich etwas nachtrauere, dann sind es die Leistungskurse“, sagt der stellvertretende Schulleiter. Die schülerindividuelle Fächer-Spezialisierung entfällt größtenteils – „beim G8 geht man mehr in die Breite“, weiß er. Eine verstärkte Allgemeinbildung soll im G8 forciert werden.

Ein grundlegender Unterschied zum neunjährigen Gymnasium sind auch jene neu eingeführten W- und P-Seminare (Wissenschaftspropädeutisches Seminar und Projekt-Seminar). In W-Seminaren sollen die Schüler ein bestimmtes Thema eines Fachbereichs bearbeiten und hierzu auch eine Seminararbeit anfertigen. Im P-Seminar hingegen beschäftigen sich die Schüler in Projektarbeiten mit einem Thema aus der Praxis. „Ein Beispiel ist etwa ‚Ab In-Die Aula‘“, sagt Schöberl. Dort hatten Schüler eines P-Seminars einen Konzertabend in der Schulaula veranstaltet – mit großer Publikumsresonanz. Planung, Öffentlichkeitsarbeit und Umsetzung inklusive. Der Fokus liegt auf dem teamorientierten Arbeiten. Nur wenn man gemeinsam anpackt, kommt man zum Ziel, so auch das Resultat einer Gruppenarbeit innerhalb eines P-Seminars – die „MINT“-Ausstellung (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) in universitärer Zusammenarbeit.

„Ich verteufel das G8 sicher nicht per se. Das G8 bringt nicht nur Nachteile“, sagt Schöberl. Allerdings, so räumt er ein, gebe es auch Punkte, die es zu verbessern gelte. „Das G8 ist eine Schulform, die Kinder zum Abitur bringt“, gibt er sich diplomatisch. „Mit um ein Jahr verkürztem Unterricht“. Das kann man als Vor-, aber auch als ein Nachteil sehen. „Mangelnde Reife ist der eine Punkt, ein geschenktes Jahr der andere“. Spezialisierungen werden im achtjährigen Gymnasium, mangels Leistungskurse, vermieden, die Allgemeinbildung soll verbessert werden. Wie sich die G8-Reform letztlich auswirken, wird sich zeigen. Die Bewährungsprüfung beginnt mit dem Abitur.

Was die Schüler dazu sagen, lesen Sie am Dienstagfrüh auf BGLand24.

Zurück zur Übersicht: Region Berchtesgaden

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser