"Bleiben Sie dran, bleiben Sie anstrengend!"

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Behindertenbeauftragte Hannelore Bohm kämpft für die Rechte und Anliegen von behinderten Menschen.

Berchtesgadener Land - Seit fünf Jahren ist Hannelore Bohm Behindertenbeauftragte. Sie hat viel erreicht mit ihrem Einsatz und kämpft derzeit auch um den Berchtesgadener Bahnhof.

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Da, wo andere aufgeben, fängt es für Hannelore Bohm erst richtig an. Seit fünf Jahren setzt sie sich für die Anliegen von behinderten Menschen im Landkreis ein. Auf Widerstände trifft sie immer wieder. Nicht alles, was in Angriff genommen wird, ist mit Erfolg beschieden. „Ich habe mich aber an so etwas schon gewöhnt“, sagt sie. Trotzdem: Sie kann auch von Erfolgen berichten, wie etwa der neu wiedereingeführten Damensauna in der Watzmann Therme in Berchtesgaden, die gerne von Frauen angenommen wird, die etwa brustamputiert wurden. Ihrem Motto bleibt sie treu: Dran bleiben, anstrengend bleiben.

Frau Bohm, was sind Ihre eigentlichen Aufgaben als Behindertenbeauftragte?

Hannelore Bohm: Lassen Sie mich weiter ausholen: In Bayern müssen in allen Landkreisen Behindertenbeauftragte bestellt werden, also auch im Berchtesgadener Land. Gewählt werden diese Behindertenbeauftragten vom Kreistag, man ist also nicht irgendwo im luftleeren Raum, sondern hat ein Mandat. Das erleichtert einem die Aufgabe sehr. Es ist ein Ehrenamt, weshalb sich auch nicht so schrecklich viele Bewerber dafür finden (lacht).

Wie Sie schon bereits sagten: Sie bekleiden ein Ehrenamt. Was motiviert Sie dazu, sich für körperlich eingeschränkte Menschen zu engagieren?

Bohm: Zu meinen Aufgaben gehört die Unterstützung der Anliegen von Behinderten - und zwar vom Baby bis zu Greis. Dazu pflege ich Kontakte mit den Gemeinden, Bürgermeistern, Vereinen und Organisationen. Ich möchte aber grundsätzlich einmal deutlich machen: Behinderung ist ganz normal! Wir alle sind behindert, wenn wir als Baby und Kleinkind unsere Mama brauchen, weil wir noch nicht oder schlecht gehen können. Jeder von uns kann heute noch einen Sturz erleben und für kürzere oder längere Zeit geschädigt und auf Krücken angewiesen sein. Besonders Sportler haben hier ein Risiko, das allzu leicht vergessen wird. Und wenn wir älter werden, verändern sich Hör- und Sehvermögen, man ist nicht mehr so gelenkig und kann zum Beispiel nur mehr schwer oder gar nicht hohe Bordsteine oder Stufen in den Bus, in die Bahn, in manche Gebäude überwinden.

Welche Erfahrungen haben Sie?

Bohm: Ich weiß sehr gut Bescheid, nicht erst seit meiner Ernennung zur Behindertenbeauftragten, weil ich vor 25 Jahren schon einen Helferkreis gegründet habe, den „Arbeitskreis Soziale Dienste“, in dem wir unter anderem Senioren und behinderte Menschen aus dem Heim geholt haben und mit ihnen spazieren gefahren sind. Und weil es uns immer wichtig war, Abwechslung zu bieten, haben wir auch Ausflugsfahrten unternommen. Und da begann das Problem: Welches Ziel kann man anfahren, ohne dass Stufen im Weg sind? Wo ist ein behindertengerechtes WC? Bei diesem Thema gerate ich inzwischen in Rage, wenn ich hören muss, es wäre kein Geld da. Grundsätzlich ist zu sagen, dass das Thema Barrierefreiheit ein Hauptanliegen ist, das von vielen immer noch verdrängt wird: Jeder spricht gebetsmühlenartig vom demografischen Wandel - aber Konsequenzen zu ziehen scheuen sich manche noch.

Hand auf’s Herz – werden Sie in Ihrer Funktion gehört, oder gerne auch mal „überhört“?

Bohm: Grundsätzlich muss ich sagen: Es ist unterschiedlich. Aber ich habe in den letzten Jahren doch das Gefühl, dass „meine“ Anliegen zunehmend ernst genommen werden. Die Gefahr bei so einem Amt besteht darin, dass man von jemandem, der keine Entscheidung fällen will, leicht in eine Schublade gesteckt wird. „Jetzt kommt die schon wieder und will was!", hört man dann so manches Mal. Ein Beispiel: Ich habe bei uns am Ort viele Jahre für einen Aufzug im Pfarrheim gekämpft und dafür wirklich viele Sponsoren mitgebracht. Aber es hat halt doch gedauert. Das Ergebnis waren Fragen wie „Was ist jetzt mit Deinem Aufzug, da rührt sich ja gar nix!“. Aber ich habe mich an so etwas schon gewöhnt und mache mir nichts mehr draus.

Welche Themen beschäftigten Sie in der Vergangenheit? Was sind aktuelle Brennpunktthemen?

Bohm: Das ist ein weites Feld. Das geht von der bereits erwähnten Barrierefreiheit über die Inklusion behinderter Kinder, über die Suche nach geeigneten Arbeitsplätzen für Menschen mit eingeschränktem Leistungsvermögen, der Anbringung von Ampeln mit akustischer Warnung - ein Problem, das hierzulande nicht genügend berücksichtigt wurde in der Vergangenheit - über Gutachten bei der Busbeschaffung und weitere Themenfelder. Manchmal hilft es auch schon, dass man zuhört, wenn jemand große Probleme hat. Oft weiß ich ja auch, wer Hilfe leisten kann. Zaubern kann ich aber nicht.

Und wo brennt’s derzeit so richtig?

Bohm: Ich möchte als aktuelles, leidiges Thema Behinderten-WCs mehr beachtet wissen. Sie glauben gar nicht, was es für Dramen gibt, wenn ein Rollstuhlfahrer nicht auf die Toilette gehen kann. Für uns mehr oder weniger Gesunde ist das selbstverständlich, aber für Behinderte ein großes Problem, das oft nicht gesehen wird: Wie kommt so jemand rein und wieder raus? Wo kann er/sie sich festhalten? Sind Seife und Waschgelegenheit greifbar? Ist der Spiegel verstellbar in Richtung Waschbecken, damit sich ein Rollstuhlfahrer auch sehen kann? Man vergisst, dass Menschen in zunehmendem Alter vermehrt Harndrang verspüren. Das kann jeder Arzt bestätigen. Aber während für die „Einfuhr“ der Speisen viel Aufwand getrieben wird, ist die „Entsorgung“ komischerweise immer noch ein Tabu-Thema. Betroffene leiden wirklich darunter und ich kenne Menschen - vor allem Frauen -, die lieber gar nicht mehr aus dem Haus gehen, weil sie Angst haben, nichts auf Töpfchen gehen zu können. Und an eines möchte ich noch besonders erinnern, zumal es aktuell in die Zeit passt: Es ist mir einfach unverständlich, dass WC-Anlagen auf Friedhöfen in den Keller verbannt weder. Wie sollen da ältere Menschen unbeschadet hinunter und wieder herauf kommen - von Rolli-Fahrern ganz zu schweigen, denen nur eine Windel bleibt, wenn sie ihre Lieben an ihrer letzten Ruhestätte besuchen wollen – wie unwürdig!

In Berchtesgaden werden Rollstuhlfahrer derzeit 300 Meter um den Bahnhof herum geschickt, um zu den Gleisen gelangen zu können. Eine Rampe würde die Situation entschärfen. Doch die Deutsche Bahn tut nichts. Was haben Sie in dieser Sache schon alles versucht?

Bohm: Ich hab immer wieder Verdruss mit der Bahn. Es ist so ein wichtiges Verkehrsmittel, besonders für Ältere und Behinderte, die nicht mehr selber Auto fahren. Der Service hält sich, wie am Beispiel in Berchtesgaden gezeigt, in Grenzen. Ich habe bereit 2007 geschrieben und werde immer wieder vertröstet. Dabei kann ich einfach nicht einsehen, dass bei der breiten Treppe nicht ein Abschnitt mit etwas Beton verlängert und als Rampe gestaltet werden könnte. Das wäre für Reisende mit Trolley - übrigens auch die Bahnbediensteten haben solche - Kinderwagen und Rollatoren oder Rollstühlen wirklich eine große Erleichterung. Wo ein Wille, da ein Weg.

Sind Behinderte in der Gesellschaft angekommen? Wo gibt es Verbesserungsbedarf, wo Erfolge?

Bohm: Jetzt habe ich viel gemeckert, und nun bin ich froh, Gelegenheit zum Lob zu haben: Ich finde in den letzten Jahren ist das Thema Behinderung doch mehr und mehr ins Bewusstsein gelangt. Es gibt sehr gute Ansätze und ich möchte mich bei allen bedenken, die in ihren Gemeinden für Abhilfe gesorgt haben oder sich Gedanken machen. Natürlich geht mir alles viel zu langsam. Aber dafür bin ich ja da. Staatsministerin Christine Haderthauer hat mich einmal bei einer Veranstaltung ermuntert: „Bleiben Sie dran, bleiben Sie anstrengend!" Und ich bin wild entschlossen, nach dieser Maxime zu handeln. Auch, wenn es manchmal nicht so einfach ist. Aber wie gesagt, man muss immer wieder drauf hinweisen.

Übrigens: Dass die Damensauna in er Watzmanntherme am Montag den Frauen wieder uneingeschränkt zur Verfügung steht, dafür habe ich mich auch eingesetzt. Dank der Kompromissbereitschaft aller hat es auch geklappt. Ich bin einfach riesig froh!

kp

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