Gefangen in der Stanggaß

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Kann derzeit so gut wie nicht aus der Wohnung: Elisabeth Ponschab. Für gewöhnlich fährt die körperlich Behinderte mit dem Bus.

Bischofswiesen - Von der Außenwelt abgeschnitten ist die körperlich behinderte Elisabeth Ponschab. Der Grund: Die Baustelle am "Haus der Berge" und der RVO.

Elisabeth Ponschab ist zu 100 Prozent behindert – und somit auf Hilfe angewiesen. Weder kann sie selbstständig Auto fahren, noch ist es ihr möglich, den Alltag alleine zu meistern. Arztbesuche, Lebensmitteleinkauf, in der Stanggaß gibt es kein ausreichendes Angebot. „Ich bin also auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen“, sagt sie. Allerdings gibt es ein Problem. Die Stanggaß ist bis in den Juni hinein „von der Außenwelt abgeschnitten“. Wegen der Straßenbauarbeiten beim „Haus der Berge“. Die Busse umfahren den Ortsteil Stanggaß weiträumig. Verständnis für diesen Umstand hat Elisabeth Ponschab nicht: „Es müsste doch möglich sein, dass auch zu uns ein Bus kommt“, sagt sie.

Das Problem ist altbekannt: Eine Baustelle versperrt eine Straße, ein Durchkommen scheint unmöglich. In diesem Fall ist die Sache aber etwas anders geartet: Beim „Haus der Berge“ in Berchtesgaden ist die Staatsstraße 2097 gesperrt, ein Weg, der jeden Tag von 7000 Fahrzeugen befahren wird. Und die Stanggaß, ein Bischofswieser Ortsteil, liegt in direkter Verbindung zur Baustelle. Wer von Berchtesgaden in die Stanggaß will, müsste daran vorbei, wenn es denn ginge.

Kein RVO-Verkehr: Gefangen in der Stanggaß

Fährt man derzeit durch den Ortsteil, sind die Straßen wie leergefegt. Kein Auto kreuzt den Weg, kaum ein Fußgänger ist auszumachen – die Bushaltestellen wirken wie ausgestorben. „Momentan werden die Haltestellen in der Stanggaß auch nicht angesteuert“, bestätigt Josef Renoth, stellvertretender Niederlassungsleiter der Regional Verkehr Oberbayern (RVO), auf Anfrage. Wenn es nach der RVO geht, soll sich dieser Zustand auch nicht ändern: „Wer soll denn das bezahlen“, fragt Renoth. Denn Fakt ist: Würde die RVO eine Sonderfahrt umsetzen, in der die Stanggaß bedient würde, müsste ein Kleinbus zum Einsatz kommen. „Außerdem haben wir solch einen Kleinbus gar nicht im Fuhrpark“, sagt Renoth. Immense Zusatzkosten für einen Zeitraum also, der bislang noch nicht einmal fixiert wurde. Erst im Juni, so lautet der offizielle Zeitrahmen laut Staatlichem Bauamt in Traunstein, sollen die Baustellenarbeiten beim „Haus der Berge“ beendet werden, die Staatsstraße wird dann wieder befahrbar sein. „Und erst dann soll ich wieder Bus fahren können“, fragt Elisabeth Ponschab, etwas ungläubig. Die Dame, 72 Jahre alt, ist schlecht auf den Füßen unterwegs, zu 100 Prozent behindert. Sie kann zwar gehen, mit Hilfe, tut sich aber schwer. Schon die 300 Meter hin zur nächsten Bushaltestelle sind eine Herausforderung, der sie sich mehrmals die Woche stellt. „Momentan sitze ich zuhause und kann nicht weg“, sagt sie. Denn der Bus kommt schon seit mehreren Wochen nicht mehr. Und Taxifahrten? „Das kann ich mir auf Dauer nicht leisten“, erklärt sie, etwas geknickt.

In der Stanggaß liegt der Verkehr darnieder. Der Bischofswieser Ortsteil wirkt wie ausgestorben.

Elisabeth Ponschab hat einiges getan, um auf ihren Unmut aufmerksam zu machen. Sie hat sich an die Gemeinde in Bischofswiesen gewandt, aber auch an die Niederlassung der RVO in Berchtesgaden. Dort wurde sie zunächst nach München weiterverwiesen. In München sagte man ihr, sie würde von Berchtesgaden aus betreut. „Keiner weiß, was der andere tut“, sagt sie. Die Antwort kam dann aus Berchtesgaden, vom stellvertretenden Niederlassungsleiter Josef Renoth: „Leider sind wir nicht im Besitz eines Kleinbusses“, schreibt dieser in einer E-Mail auf Ponschabs Anfrage, ob denn ein Anfahren ihres Ortsteils mit einer Sonderfahrt nicht möglich wäre. Und weiter schreibt er: „Mit einem 12-Meter-Bus sind wir nicht in der Lage zu wenden und auch aufgrund unseres Fahrplans ist es nicht möglich, irgendwelche Zusatzfahrten einzufügen.“

Elisabeth Ponschab mag sich mit dem Gedanken nicht anfreunden, dass die Stanggaß wie von der Außenwelt abgeschnitten scheint. Zumal sie wegen ihrer Behinderung auf die Hilfe von außen angewiesen ist. „Manchmal kommt es mir so vor, als wären wir Behinderte für andere einfach nicht vorhanden“, sagt sie, nachdenklich, ein bisschen traurig. Waren es bislang 300 Meter zur nächsten Haltestelle, müsste Elisabeth Ponschab nun 2,3 Kilometer zu Fuß laufen, ehe sie in den Bus steigen kann. „Viel zu weit für mich“. Sie schüttelt den Kopf, ratlos. Vor wenigen Wochen noch, als die Wok-WM am Königssee stattfand, da habe die RVO schier Unmögliches leisten können. „Damals sind alle zehn Minuten Busse gefahren“, sagt die resolute Dame. Wenigstens könne sie auf ihre Helferin setzen. Eine Frau, die für zehn Euro in der Stunde mit Ponschab all jene Tätigkeiten erledigt, für die sie alleine nicht in der Lage ist. Jetzt, da der Bus nicht fährt, muss sie die Hilfe oft in Anspruch nehmen, wenigstens für die Fahrten. Was sich Elisabteh Ponschab für die Zukunft wünsche? „Wenigstens eine bessere Bus-Anbindung, solange die Baustelle beim Haus der Berge besteht“, sagt sie.

Ob der Wunsch in Erfüllung geht? Bei der RVO gibt man sich gelassen, die Bezahlung sei so eine Sache, „uns fehlt dazu das Geld, wir können unseren Fahrplan nicht einhalten“. Bei der Gemeinde Bischofswiesen ein ähnliches Bild: „Wer soll das bezahlen“, fragt die Mitarbeiterin. Außerdem sei ja die RVO zuständig und nicht die Gemeinde. Im Übrigen soll die Baustelle ja sowieso schon demnächst wieder fertiggestellt sein. Im Juni – wenn alles gutgeht.„Manchmal hat man bei Baustellen einfach das Nachsehen“, sagt die Gemeinde- Angestellte. Überhaupt keine Stellungnahme kam vom Staatlichen Bauamt in Traunstein, das für die Baustelle zuständig ist. Trotz Zusage, Stellung zu beziehen, blieb der Rückruf aus. Möglich, dass auch dort die Zuständigkeit nicht klar geregelt ist.

kp

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