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Über 400 Mal die Watzmann-Ostwand gemeistert

„Ostwand-König“: Heinz Zembsch wurde selbst einmal von einer Lawine mitgerissen und kennt die tödliche Gefahr

Der 78-Jährige blättert durch einen Watzmann-Bildband, der im vergangenen Jahr erschienen ist. Ihm selbst wurde auch ein Beitrag gewidmet.
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Der 78-Jährige blättert durch einen Watzmann-Bildband, der im vergangenen Jahr erschienen ist. Ihm selbst wurde auch ein Beitrag gewidmet.

Die Lawine, die Heinz Zembsch vor acht Jahren erfasste, riss ihn 600 Meter ins Tal und hätte für ihn tödlich enden können. „Zur Zeit sollte man die Berge wegen des Schnees besser meiden”, rät der 78-jährige Bergführer, der sich als „König der Ostwand” am Watzmann einen Namen gemacht hat. Tragische Lawinenunglück, wie das am Hocheiskar, kennt Zembsch aus eigener Erfahrung.

Bischofswiesen/Berchtesgaden - Eine Schneelawine war es auch, die Zembsch im Jahr 2014 beinahe das Leben gekostet hätte. Auf dem Damavand, höchster Berg im Iran, im Elburs-Gebirge in der Provinz Māzandarān gelegen, stand Zembschs Leben Spitz auf Knopf. Die Gruppe, mit der er unterwegs war, war ihm bereits vorausgeeilt in Richtung Berggipfel, hoch auf den 5610 Meter hohen Vulkankegel. Der Aufstieg: beschwerlich, viel Schnee bedeckte das Massiv. Als ein Schneebrett abging und sich zur Lawine formte, war es Heinz Zembsch, der mit nach unten gerissen wurde und unter die Schneemassen geriet: 600 Meter ging es bergab. Der damals 71-Jährige war nicht verschüttet, sondern lag oben auf.

Er erlitt einen Schädelbruch, wurde vom Hubschrauber in ein Krankenhaus nach Teheran gebracht. Der Schock saß ihm in den Knochen. Er hatte Glück: „Ich hatte ja nicht mal einen Lawinenpiepser eingepackt”, sagt Zembsch. Ein Unglück am Berg hatte Heinz Zembsch bereits Jahre zuvor ereilt: Sein Sohn war am 3905 Meter hohen Ortler in Südtirol bei einer Bergtour verunglückt. Gemeinsam mit seinem Begleiter waren die beiden in eine Lawine geraten, erinnert sich der Vater. 

„Kenne ich wie mein Westentaschl“

Heinz Zembsch sitzt am Holztisch in seiner Küche. Er blättert durch einen Bildband, „Abenteuer Watzmann” heißt das Buch, das im vergangenen Jahr erschienen ist. Dem Ostwand-König ist darin ebenfalls ein Beitrag gewidmet: „Der Watzmann ist längst mein Hausberg, und die Ostwand kenne ich wie mein Westentaschl”, steht da in fetten Lettern als Zitat geschrieben. Die Zeiten, in denen sich der Großteil seines Lebens in den Bergen abspielte, sind vorbei. An drei Tagen hintereinander durch die Ostwand - das war schon damals ein Kraftakt als er noch jung war. Das letzte Mal Watzmann-Ostwand liegt rund sechs Jahre zurück. Er musste sich damals aus der Wand holen lassen, sagt der Bergführer. Summiert er all seine Ostwand-Durchsteigungen, kommt er also auf 411 - „und eine halbe”. Mehr werden es auch nicht werden, „das muss nicht mehr sein”, sagt Zembsch, der sich vor zwölf Jahren bei einem Arbeitsunfall einen Wirbelbruch zugezogen hatte. 

Der Endsiebziger kennt am Watzmann fast jeden Stein, jede Route aus dem EffEff, den Kederbacher, den Berchtesgadener, den Salzburger Weg. Es sind die drei bekanntesten. Auch den Münchner Weg ist er gegangen, den Frankfurter ebenso, den Franz-Rasp-Gedächtnisweg. Nur den Polnischen, den hat er nie gemacht. „Das Problem ist die Wegeführung”, sagt er als Kenner der Watzmann-Ostwand, immerhin die längste durchgehende Wand der Ostalpen. Für viele Sehnsuchtsort, für einige Schicksalsstelle: Seit Ende des 19. Jahrhunderts sind in der Ostwand 107 Menschen ums Leben gekommen. Nicht allen gelang die Wand mit ihren Rinnen, Schluchten, Abbrüchen und Schuttkegeln zu bezwingen. Fünf-, sechsmal sei er die Ostwand auch im Winter gegangen. „Dann braucht man Steigeisen und sollte den Schnee im Überblick behalten”, sagt er. Bei der aktuellen Schneelage rät der Alpinist aber vom Watzmann ab, obwohl er das Massiv im Winter schon selbst überquert hat. 

Beim ersten Mal war Zembsch 14 Jahre alt

Als Heinz Zembsch das erste Mal am Fuß der Ostwand stand, die er unbedingt begehen wollte, war er noch ein Jugendlicher, 14 Jahre alt, „ich bin von zuhause in Regensburg einfach abgehauen”, sagt er. Das war 1957. Per Anhalter ging es zum Königssee, dort setzte er über nach St. Bartholomä, schloss sich dort zwei weiteren Bergsteigern an. Das Erlebnis am zweithöchsten Berg Deutschlands, der erste Durchstieg an der Watzmann-Ostwand, blieb nachhaltig in Erinnerung. 

Zembsch ging zur Bundeswehr, ließ sich zwölf Jahre verpflichten, kommt im Berchtesgadener Talkessel unter. „Ich war in der Strub in Bischofswiesen stationiert”, sagt er. Berchtesgaden wird seine neue Heimat, die umliegende Bergwelt sein Spielplatz zum Erkunden der Gipfel. Zembsch absolvierte die Prüfung zum staatlich geprüften Bergführer, wird Heeresbergführer bei der Bundeswehr. Später gründet er die erste Bergschule im Landkreis. 

Viele Erinnerungen

Zembsch sagt, er sei noch nie alleine durch die Watzmann-Ostwand gegangen, immer in Begleitung. Die meisten Male mit Gästen, oft mehrmals die Woche. Zembsch wird damals langsam aber sicher zur Institution am Watzmann. Jeden Ostwand-Besuch notiert er im Kalender. So manche Tour bleibt ihm in Erinnerung: Als ein Frankfurter Gast mehr schlecht als recht durch die Ostwand kommt, die Tour länger dauert als gedacht, beschließt Heinz Zembsch Ungewöhnliches: Der Mitstreiter soll am Berg übernachten. Zembschs Zeitplan wäre in Gefahr. Der Gast bleibt also in der Biwakschachtel, einer Notunterkunft mitten in der Ostwand. Am nächsten Tag holt Zembsch ihn ab. Gemeinsam erreichen sie den Südgipfel.

Nur selten musste Heinz Zembsch kehrt machen. Als er von einem Filmteam begleitet wurde, „kam ein Wetter”, sagt er. Weil Gefahr für Leib und Leben bestand, kehrten die Teilnehmer ins Tal zurück. 

Hübsches Erinnerungsstück

In Zembschs Garten hinter dem Haus in Bischofswiesen steht ein hübsches Erinnerungsstück, auf das der Alpinist besonders stolz ist. Es ist ein Stuhl, gefertigt aus Holz, der Thron für den König. In der Rückenlehne erkennt man die Silhouette des Watzmanns. Als Heinz Zembsch das 300. Mal die Ostwand meisterte, war er in Begleitung von Rodellegende Georg Hackl und zwei Dutzend weiterer Bergfreunde. Der hölzerne Thron wurde am Gipfel aufgebaut, der Ostwand-Held gekrönt. Eine dicke Mappe mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln erinnert den „Hausmeister der Ostwand”, wie er auch genannt wird, an sein alpines Leben. 

In den vergangenen Wochen ging es Heinz Zembsch gesundheitlich nicht gut. Er war im Krankenhaus, musste operiert werden. In wenigen Tagen wird er 79 Jahre alt. Die Watzmann-Ostwand wird er nicht mehr besuchen. Der Bischofswieser ist aber zuversichtlich, schon bald wieder auf Skitour zu gehen.

kp

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